KOEGLERJOURNAL 2008/2009



Stuttgart

WEIßT DU, WIE DAS WIRD?

Zum Tod der Düsseldorfer Ballerina Edel von Rothe


Ein Berliner Kellerkind, das zu einer Henkel-waschechten Düsseldorferin wird – mit einer Ballerinen-Karriere, so lang wie der Kurfürstendamm zusammen mit der „Kö“. Das ist, das war Edel von Rothe, geboren am 27. April 1925 in Berlin, gestorben am 19. November 2008 in Düsseldorf. Jahrgang 1925, das heißt, dass sie knapp acht Jahre alt war, als der Nazi-Schlamassel begann. Und Kellerkind ist insofern wörtlich zu nehmen, als sie Ihre Ballettausbildung bei Tatjana Gsovsky in der Fasanenstraße absolvierte, als es statt soutenu immer öfter hieß: ab in den sous-sol, den Luftschutzkeller. Wenn sie von ihren Anfängen zu erzählen begann, hätte man sie wohl für die erste Norn halten können, die da fragt: „Weißt du, wie das wird?“ Sie wusste sehr wohl, wie die ganze Nachkriegsgeschichte des deutschen Balletts verlaufen ist, die sie miterlebt hat. Von der in Hamburg gegründeten legendären „Abraxas“-Kompanie an, von der wir alle damals hofften, dass daraus einmal das Deutsche Nationalballett werden könnte, und in der sie bereits die Archisposa tanzte (das so ehrgeizig gestartete Unternehmen ging rasch pleite). Dort war sie Yvonne Georgi begegnet, der nach Deutschland aus ihrer holländischen Emigration zurückgekehrten Ballettmeisterin, die sie sofort als Primaballerina engagierte, als sie zur Spielzeit 1951/52 die Ballettleitung am Düsseldorfer Opernhaus (damals noch nicht die Deutsche Oper am Rhein) übernahm – mit Karl Heinz King (dem späteren Roleff-King-Partner) als Erstem Solisten. Düsseldorf und dann auch Duisburg war IHR Haus – bis zu ihrem offiziellen Tänerinnenabschied 1991 (der Verlockung, wenigstens ab und zu noch die Mutter in Spoerlis „Nussknacker“ zu tanzen, konnte sie denn doch nicht widerstehen). Wen hat sie nicht alles an Intendanten überlebt – und natürlich an Ballettchefs: Georgi, die nur drei Spielzeiten blieb, Otto Krüger (europäische Erstproduktion von Strawinskys „Agon“ 1958), Nika Nilanowa-Sanftleben, Kurt Jooss, Werner Ulbrich (eine der ganz großen Hoffnungen unter den Nachwuchschoreografen, der leider persönlich so unglücklich war, dass er sich 1978 das Leben nahm) bis Erich Walter, unter dem sie weiter tanzte, weil sie einfach nicht aufhören konnte, um schließlich seine Ballettmeisterin zu werden.
Wenn ich an Sie zurückdenke, werde ich mir bewussst, wie wenig deutsche Ballerinen es doch gegeben hat, die so mit der Stadt ihrer Karriere identifiziert wurde wie Edel von Rothe mit Düsseldorf-Duisburg: Gisela Deege natürlich mit Berlin, Denise Laumer mit Wuppertal, Birgit Keil mit Stuttgart, Konstanze Vernon mit München, Steffi Scherzer an der Staatsoper und Hannelore Bey an der Komischen Oper in Berlin … Habe ich jemand vergessen? Lang ist sie nicht, die inzwischen zwei Generationen umfassende Liste der deutschen Ballerinen, die verdient hätten, zu Ehrenbürgerinnen IHRER Stadt ernannt zu werden!

Veröffentlicht am 20.11.2008, von oe in koeglerjournal 2008/2009

Dieser Artikel wurde 2064 mal angesehen.



Kommentare zu "Weißt du, wie das wird?"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    VOLKSTANZ, POLITISCH KORREKT UND BÜHNENTAUGLICH

    „Badke“ aus Palästina und „Beytna (Your home)“ aus dem Libanon im Pfalzbau
    Veröffentlicht am 01.12.2016, von Isabelle von Neumann-Cosel


    TANZEN MACHT RICHTIG GLÜCKLICH

    „Dancing Grandmothers“ von Eun-Me Ahn als deutsche Erstaufführung in Ludwigshafen
    Veröffentlicht am 30.11.2016, von Isabelle von Neumann-Cosel


    JUGENDLICH FRISCH

    Bosl-Matinee an der Bayerischen Staatsoper
    Veröffentlicht am 29.11.2016, von Malve Gradinger



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZ 23: KINDER DES OLYMP

    Tanzstück von Fernando Melo nach dem Filmklassiker "Les Enfants du Paradis", Uraufführung

    Basierend auf dem französischen Film "Les Enfants du Paradis" (1945) von Marcel Carné, kreiert der brasilianische Choreograph Fernando Melo eine neue tänzerische Sichtweise auf den französischen Filmklassiker "Kinder des Olymp".

    Veröffentlicht am 17.11.2016, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    WAR DAS WIRKLICH EINE GUTE IDEE?

    Pick bloggt zum Direktionswechsel beim Staatsballett Berlin
    Veröffentlicht am 08.09.2016, von Günter Pick


    TÄNZER GEHEN...

    Wechsel beim Bayerischen Staatsballett nicht nur in der Direktion
    Veröffentlicht am 06.06.2016, von Malve Gradinger


    WAS WIRD AUS DEM DEUTSCHEN TANZPREIS?

    Pick bloggt über die Krise beim Förderverein Tanzkunst Deutschland e.V. und dem Deutschen Berufsverband für Tanzpädagogik e.V.
    Veröffentlicht am 16.11.2016, von Günter Pick

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    JUGENDLICH FRISCH

    Bosl-Matinee an der Bayerischen Staatsoper

    Veröffentlicht am 29.11.2016, von Malve Gradinger


    ENERGIE DER ELEMENTE

    Isabelle Schads "Pieces and Elements" am Berliner HAU

    Veröffentlicht am 26.11.2016, von Gastautor


    AUßERGEWÖHNLICH STARK

    „Body Change Future“-Festival im Leipziger Lofft

    Veröffentlicht am 29.11.2016, von Gastautor


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    DER GESCHÄFTIGE TANZ UM DAS MÜDE ORAKEL

    „Orakel“ von Joseph Hernandez als Tanztheater auf Semper Zwei

    Veröffentlicht am 27.11.2016, von Boris Michael Gruhl



    BEI UNS IM SHOP