KRITIKEN 2009/2010



Hamburg

MARIONETTEN-MANIPULATIONEN

„Dark Matters“ von Crystal Pite mit dem Kidd Pivot Ensemble aus Frankfurt gastierte auf Kampnagel


  • Foto © DEAN BUSCHER 2009
  • Foto © Veranstalter

Über die Bühnenfläche wuselt ein putziges, einen halben Meter großes Kerlchen, zusammengebaut vom Puppenmacher, an Stäben virtuos geführt von schwarzen Gestalten. Verquer historisch wirkt der Raum mit Kulissenwänden links und rechts, Fensteröffnungen aufgemalt, in der Mitte ein Arbeitstisch in einer Nische vor hellem Hintergrund.

Im ersten Teil ihres Stücke „Dark Matters“ führt uns Crystal Pite in eine moritatenhafte Märchenwelt mit bitterbösem Ende – und ironischen Brechungen. Mit ihrem sechsköpfigen Ensemble Kidd Pivot, angesiedelt am Frankfurter Mousonturm, überschreitet sie spielerisch mit höchstem Ernst Grenzen des Tanzes. Sie lässt die Marionette, wie eine Steigerung des Pinocchio, ihren Schöpfer manipulieren, tyrannisieren, bis zum grausigen Ende: Sie ersticht den Puppenmacher mit seiner Schere – und stirbt mit ihm.

Die Verzahnung der künstlichen, schwerelosen Bewegungen der Holzpuppe mit den künstlerischen, trotz seiner Flexibilität erdenschweren Tanzreaktionen ihres „Meisters“ erreicht mit dem Verlauf der wachsenden Aggression bis zu erschreckenden Sprüngen eine atemberaubende Qualität, in der schließlich beide auf gleicher Ebene zu kämpfen scheinen. Manipulation und Abwehr durchdringen sich bis zur gegenseitigen Auslöschung.

Ironische Orchesterschläge verstärken auch im folgenden Kampf der schwarzen Marionettenführer Zusammenstöße. Kleine Katastrophen à la tongue in cheek brechen immer wieder die Seriosität. Schließlich krachen die Wände zu Boden, hängt eine Scheinwerferbatterie schräg über dem Boden, schnurren Vorhänge zusammen: Apokalypse im Miniformat. Ein übriggebliebener Schwarzer hebt einen Kollegen aus dem Gewirr der Trümmer, trägt ihn mit sichtbarer Kraftanstrengung zur Mitte und wirft ihn ohne weiteres – Schreckensruf einiger Zuschauer - auf die Metallstreben der zerborstenen Wände. Im Flug erkennt man: Es ist eine Puppe.

Die Choreografin, ehemals Tänzerin bei Forsythe, vertraut im zweiten, quasi abstrakten Teil, der Tanzsprache, gebettet in einen geräuschhaften Klangraum ((Musik: Owen Belton), und dekliniert Manipulationen von subtil bis grob durch. Ein Gedicht von Voltaire, sonor von einer Männerstimme in Englisch gesprochen, über Vergänglichkeit und Unendlichkeit ist mehrfach eingeschoben. Pites technisch fabelhafte, jederzeit intensiv präsente Tänzer - Eric Beauchesne, Peter Chu, Yannick Matthon, Cindy Salgado, Jermaine Spivey und sie selbst - bewältigen alle Herausforderungen im ununterbrochenen Fluss: klassisch, modern, grotesk, polyrhythmische Körperverschiebungn, Sprünge.

Geschmeidige Übergänge und Verbindungen aus den heikelsten Positionen heraus gelingen ohne sichtbare Anstrengung, Hebungen werden in die Phrasierung eines Ablaufbogens eingebunden, auch bei sehr schwierigen Balancen, bei denen eine Tänzerin sich waagerecht, ohne Stütze auf der Schulter eines Tänzers in der Drehung hält. Nie entsteht der Eindruck wie bei manch anderen Tanztheaterensembles, dass technisches Unvermögen die Grenzen der Choreografie bestimmt. Pites Stil speist sich aus improvisatorischen Elementen, die sie offenbar mittels Intellekt und Intuition zu Blöcken weiterentwickelt. Komplexe Bewegungen geraten ihr nie zur akrobatischen Show um ihrer selbst willen. Durch geschickte Aufteilung in Soli und verschieden große Gruppen, abwechslungsreich im Raum platziert, erhält sie fast durchgehend die Spannung.

Aber auch sie vermag es nicht, den Zauber des ersten Teils weiterzuspinnen oder ihm etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen. Vielleicht hat sie deshalb ein gefühlvolles Duo ans Ende gesetzt. Pite erscheint als Schwarze, zieht die Kleidung aus, einschließlich der Verhüllung des Gesichts, bis auf BH und Slip. Sie beginnt einen vielfach gebrochenen Liebestanz mit einem dazugekommenen Mann, der mit seinem (Erschöpfungs-?)Tod endet. Im Spot, seinen Körper wie eine Pietà über ihre Beine gelegt, näht sie in seiner Herzgegend, offenbar den Lebensfaden, denn im vergehenden Licht richtet er sich wieder auf. Kitsch oder Apotheose? Egal, jedenfalls ein denkwürdiger Abend, mit sehr viel Beifall bedacht.

www.kiddpivot.org www.mousonturm.de www.kampnagel.de

Veröffentlicht am 15.05.2010, von Ulrich Völker in Kritiken 2009/2010

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