KRITIKEN 2009/2010



Gießen

FIKTIVE RÜSSEL UND SOZIOLOGISCHE WELTWIRTSCHAFTSANALYSEN

Die Uraufführung „Gustav Nachtigal“ von Mirko Hecktor und Tarek Assam Am Wochenende zuvor Auftakt mit „Stop the press!“ von David Finelli (E)


  • Svende Obrocki in "Stop the press!", Choreografie David Finelli. Foto © Dagmar Klein
  • Tanzcompagnie Gießen: Szene aus Gustav Nachtigal, Tänzer (erste Reihe v.l.) Magdalena Stoyanova und Morgane de Toeuf, Chor. Tarek Assam und Mirko Hecktor Foto © Merit E. Engelke

Schon traditionell gehört zur Gießener Version der TanzArt ostwest, dass eine Woche vorher eine Auftaktveranstaltung stattfindet, an einem außertheatralen Ort, inszeniert von einem Gastchoreographen (finanziert vom Kulturamt Gießen), der in diesem Jahr David Finelli aus Spanien war. Seine Assistentin Melanie Venino unterstützte ihn auch tänzerisch, sie ergänzte den Teil der Gießener Tanzcompagnie, der in den Lagerräumen der Mittelhessischen Druck- und Verlagsanstalt zehn Tage lang die Bespielung des staubigen Ortes zwischen Maschinen und Papierrollen einstudierte. Die Resonanz und der Zuspruch des Publikums waren überwältigend, die Einbeziehung des Publikums in das teils Performance-artige Geschehen war gelungen.


Am Donnerstag vor Pfingsten zeigte dann die Tanzcompagnie Gießen ihre neue, eher experimentell angelegte Produktion "Gustav Nachtigal" im Theater im Löbershof (TiL). Gerne begibt sich Tanzdirektor Tarek Assam dabei in fremde Welten und immer holt er sich einen Co-Choreografen dazu,– ein bewährtes Verfahren, das frische Impulse fürs Publikum mit sich bringt. Waren es in den vergangenen Jahren eher freundliche Wesen, die er für sein Tanzstück auswählte, wie „Wellensittiche“, „Welt der Engel“ und „Zwerge“, so ging es in diesem Jahr ernster zu.

Die Person Gustav Nachtigal steht für den Beginn des deutschen Kolonialismus in Afrika. Nachtigals Name war zu seiner Zeit allseits bekannt, doch geriet er trotz seiner drei Erinnerungsbücher alsbald in Vergessenheit. Auf das Thema gebracht Assam Dr. Georgia Rakelmann, Soziologin an der Gießener Universität, die im vergangenen Jahr mit ihren Studierenden an dem Stadtbespielungsprojekt zur TanzArt dabei war. Als Co-Choreografen hat Assam wieder den Tänzer, Autor und DJ Mirko Hecktor (München) gewonnen, ein Absolvent der Gießener Theaterwissenschaften, der zuletzt 2008 bei „Welt der Engel“ mit gestaltete.

Dass auch einige Klischees zu sehen sein werden, darauf hatte die Frankfurter Dramaturgin Stefanie Fiedler bereits bei der Pressevorstellung hingewiesen. Es kann auch nur darum gehen, unser Bild von Afrika vorzustellen und kritisch zu hinterfragen, so Tarek Assam. Und dieses Bild ist nun mal in der Kolonialzeit entstanden. So werden die Besucher schon beim Betreten des TiL mit dem Geräusch von Wind empfangen, sehen sich einem Regal mit eindrucksvollen Kolonialrequisiten gegenüber und entdecken dann die sechs Tänzer, die sich wie eine Horde Elefanten, den fiktiven Rüssel schwenkend über die Bühnenfläche bewegen. Zum Einstiegsvergnügen in dieses Stück gehören noch weitere Tierdarstellungen wie Affen und Gazellen, besonders apart die sphinxhaft ruhende Leopardin.

Die Gast-Bühnenbildnerin Birgit Kellner hat neben dem variablen Regal noch eine prägende Komponente eingebracht: auf dem Boden ist mit Kreide eine Landkarte aufgemalt, die die Reiseroute von Nachtigal und fremd klingende Ortsnamen zeigt. Die vier Tänzerinnen und zwei Tänzer der Gießener Tanzcompagnie sind in schlichte Kostüme gekleidet, die Assoziationen zum Kolonialstil wecken und entsprechende Farbtöne von Beige bis Braun aufweisen. Auch das Licht ist über weite Strecken in einem stimmungsvollen Sonnenuntergangs-Orange gehalten, gleißendes Sonnenlicht und Gluthitze sind weniger angedeutet.

Dazu kommt der faszinierende Soundmix, für den Hecktor gesorgt hat. Afrikanisch inspirierte Musikstücke, etwa von Rabih Abou-Khalil und DJ Wady, wurden von ihm mit Geräuschsequenzen verbunden, die Parts mit den gesprochenen Texten hat er komplett gesampelt. Die Texte sind zum einen Originalzitate von Gustav Nachtigal, zum anderen soziologische Weltwirtschaftsanalysen. Ein Höhepunkt des Stücks ist das Trio von Hua-Bao Chien, Keith Chin und Ekaterine Giorgadze, das eine solche Analyse auf amüsante Weise mit ganzem Körpereinsatz visualisiert.

Es gibt geheimnisvolle Szenen mit Schwarzafrikanern, die über Masken dargestellt werden, fehlschlagende Versuche der Kommunikation, das Vermessen des unbekannten Territoriums mittels Gerätschaften, das Sammeln von Volkskunst und das Zurschaustellen von Menschen. Hin und wieder ertönt der Kaiserwalzer, schließlich befinden wir uns in der deutschen Kaiserzeit, und es gibt militärische Einlagen. Magdelena Stoyanova, Morgane de Toeuf und Antonia Heß brillieren tänzerisch. Es entstehen ästhetisch zauberhafte Momente, ebenso in eher ruhigen Phasen mit wechselnden Duetten wie in den rhythmisch spritzigen Gruppenszenen.

Es ist auch ein politisches Tanzstück, das zum Nachdenken anregt und darauf aufmerksam macht, dass die damals erforschte Terra Incognita trotz Globalisierung für uns in weiten Teilen immer noch unbekanntes Land ist.

www.stadttheater-giessen.de www.tanzart-ostwest.de

Veröffentlicht am 23.05.2010, von Dagmar Klein in Kritiken 2009/2010

Dieser Artikel wurde 2923 mal angesehen.



Kommentare zu "Fiktive Rüssel und soziologische Weltwirtscha ..."



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


EIN OPULENTES SOMMERMÄRCHEN

George Balanchines „Sommernachtstraum“ erstmals an der Pariser Oper
Veröffentlicht am 24.03.2017, von Julia Bührle


POSTERINO IN MÜNCHEN

Pick bloggt über „Through Pina’s Eyes“ und „Love me if you can!“ von Gaetano Posterino im HochX
Veröffentlicht am 23.03.2017, von Günter Pick


IN MEMORIAM 'OE'

Pick erinnert sich zum 90. Geburtstag des Tanzkritikers Horst Koegler
Veröffentlicht am 21.03.2017, von Günter Pick



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



DREI ZUSATZVORSTELLUNGEN SASHA WALTZ' »KÖRPER« IM HAUS DER BERLINER FESTSPIELE

»Sacre« und »Tannhäuser« nochmal an der Staatsoper im Schiller Theater

Die Choreographie »Körper« von Sasha Waltz kehrt am 30., 31. März und 1. April noch einmal ins Haus der Berliner Festspiele zurück. »Sacre« und »Tannhäuser und Der Sängerkrieg auf Wartburg« sind wieder in der Staatsoper zu sehen.

Veröffentlicht am 14.02.2017, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

„Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


WIE TANZT MAN REFORMATION?

Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch
Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger


STANDING OVATIONS

Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters
Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick

MEISTGELESEN (30 TAGE)


IM HIER UND JETZT

Die Staatliche Ballettschule Berlin begeistert mit „The Contemporaries, Volume 2“

Veröffentlicht am 17.03.2017, von Volkmar Draeger


„DIE BRAUTSCHMINKERIN“

Mei Hong Lins neues Tanztheater frei nach Motiven von Li Ang am Landestheater Linz

Veröffentlicht am 01.03.2017, von Marieluise Jeitschko


JOHANNES ÖHMAN ÜBERNIMMT VORZEITIG INTENDANZ DES STAATSBALLETTS BERLIN

Nacho Duato beendet sein Engagement am Staatsballett schon im Sommer diesen Jahres

Veröffentlicht am 18.03.2017, von Pressetext


DER TOD IST EIN MEISTER DES TANZES

„Orfeus“ von Les Ballets Bubeníček in Hellerau

Veröffentlicht am 05.03.2017, von Boris Michael Gruhl


ACCESS TO DANCE



Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion



BEI UNS IM SHOP