KRITIKEN 2009/2010



Stuttgart

DURCH NACHT ZUM LICHT

Bloß nicht in der Pause heimgehen: Marco Goeckes „Orlando“ beim Stuttgarter Ballett beginnt zäh und endet furios


Gequält und introvertiert sitzt ein Junge unter einem Eichenstamm, scheint mit seinen Händen weder der Erde noch der Luft zu trauen. Marco Goeckes „Orlando“, das mit großer Spannung erwartete erste eigene Handlungsballett des Stuttgarter Choreografen, setzt im Opernhaus das Bild des zweifelnden Künstlers an den Anfang. Was man leider erst versteht, wenn man das ganze Stück gesehen hat.

Vor dem Hintergrund eines dreihundert Jahre lang nicht zu Ende geschriebenen Buches reiht Virginia Woolfs Roman aus dem Jahr 1928 einzelne Episoden im Leben des jungen englischen Edelmanns Orlando aneinander: die Begegnung mit der greisen Königin Elisabeth I., seine Liebe zur burschikosen Russin Sascha, die ihm das Herz bricht, ein Leben als Diplomat, Zigeuner, dann als Frau und als Künstlerin. All diese Stationen handelt der Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts zunächst brav ab, zu der erstaunlich abwechslungsreichen Musik von Michael Tippett, deren Tönungen vom Barock über Wagnersche Dramatik bis zu Impressionismus und Jazz reicht, von Madrigalen zum Gitarrensolo. Aber das Tanzstück reduziert viel zu stark, verweigert uns die wortreichen, fantasievollen Schilderungen Woolfs, ihren leichten, hingetupften Ton – der große Bildererfinder Marco Goecke, der sonst als Magier über seine nachtdunkle Bühne herrscht, er zaubert nicht.

Weder die hasenohrige Verehrerin Harriet noch der geldgierige Dichter Greene, im Buch zwei herrliche Satiren, sind hier witzig; der Tod, auf den Goecke seinen Orlando in der Familiengruft treffen lässt, wirkt mit seinen Fauchgeräuschen und den verstäubten Aschewölkchen gar ein wenig klischeehaft. Schlimmer noch: oft sind die Ereignisse auf der Bühne ohne Kenntnis des Romans gar nicht zu verstehen, so stark nimmt Goecke die handlungstragenden Elemente zurück. Wer nicht sieht, wie der böse Dichter hinter einem riesigen Tisch Orlandos Manuskript auf den Boden fallen lässt, versteht den Grund für das entsetzte Solo des Protagonisten nicht. Die Themen Politik und Krieg werden durch zwei, drei Schüsse abgehandelt, und schon fällt Orlando in einen siebentägigen Schlaf – was man nur sieht, wenn man ganz genau hinschaut, denn er schläft im Stehen.

Nach der Pause (und trotz der zähen ersten Hälfte darf man auf keinen Fall heimgehen) erwacht Orlando als Frau, und mit ihr erwacht das ganze Stück. Der Geschlechtertausch, das rätselhafte Zentrum des Romans, ist rein optisch schön gelöst: Friedemann Vogel verwandelt sich mit zurückgegeltem Haar und einer blauen Korsage in eine herbschöne Amazone der zwanziger Jahre, androgyn doch in keinem Moment tuntig. Die Verwandlung liegt in der Bewegung, die weibliche Orlando bewegt vor allem ihre Arme leichter. Und als hätte es einen Donnerschlag getan, ist plötzlich Hochspannung im Stück, es entstehen Bilder und Beziehungen, die Choreografie wird viel freier und ideenreicher. Man ahnt plötzlich, wo Marco Goecke hin will.

Das fängt mit den skurrilen Muskelspielen der zum Manne rückverwandelten Verehrerin Harriet an und geht weiter bei den vier Dichtern, die aus allen vier Ecken hereinwirbeln, egoistisch um sich selbst kreiselnd wie kleine Sonnen, zwischen denen Orlando ihre Planetenbahn zieht. Sie stimmt in die Bewegungen der Poeten ein, will so sein wie sie. Mit dem jungen Kapitän Shelmerdine findet Orlando endlich die wahre Liebe, was Goecke in ein aufregendes und in vielen Sprüngen geradezu explodierendes Duo umsetzt, bis seine Heldin wieder am Eichbaum des Anfangs steht und endlich ihr Buch zu Ende schreibt.

Die Lichter des modernen London blitzen auf der Bühne, Shelmerdine verabschiedet sich mit einem herzzerreißenden Solo, bevor der Choreograf in einem furiosen Ende die Essenz des Ganzen findet. Dazu verlässt er schließlich Tippetts Musik, aber David Bowies Song „Heroes“ fügt sich in einer Minimal-Music-Bearbeitung von Philip Glass erstaunlich nahtlos in die unterschiedlichen Musikstile, die wir an diesem Abend schon gehört haben. Die Korsage ist weg, Orlando ist wieder der Junge vom Anfang in seiner schwarzen Hose und tanzt ein freies, wildes, traumhaft schönes Solo. Er fliegt, er schwebt, alles Zögern ist weg und die einfachsten Bewegungen haben plötzlich einen Sinn: Orlando hat zu sich selbst gefunden. Der Abend endet mit der lächelnden Verbeugung des Gauklers, die Goecke so gern an den Schluss seiner Ballette setzt.

Wahrscheinlich muss man sein Stück also von hinten her verstehen, als die lange Reise einer Selbstfindung. Vielleicht ist auch die Erwartungshaltung falsch, ständig etwas erzählt bekommen zu wollen, vielleicht sollte man den ersten Akt eher wie einen Abendfüller von William Forsythe anschauen, rein um der Bewegung Willen. Anders als in Goeckes „Nussknacker“ entstehen hier die Beziehungen der Protagonisten untereinander nur mühsam. So beweist er zwar mit den drei Allegorien der Reinheit, Keuschheit und Sittsamkeit, dass seine spezifische Sprache auch auf Spitze funktioniert, aber die drei Ballerinen treten in ihren schönen Tutus mit Herbstblättern ein wenig auf wie die guten Feen aus „Dornröschen“, eine nach der anderen. Strukturell – aber ganz bestimmt nicht choreografisch! - ähnelt Goeckes Erzählweise in diesem Werk zu sehr Petipas Uraltmodell der aneinandergereihten Nummern, das wir mit der dramaturgisch verzahnten Narrativität John Crankos oder John Neumeiers eigentlich hinter uns glaubten.

Dass die Beziehungen zwischen den Personen oft unklar bleiben, mag am Aufbau der Duos liegen, wo zu oft einfach parallel nebeneinander getanzt wird. Jede Figur hat ihr eigenes Motiv – die Königin etwa schleicht wie eine gebeugte Wettläuferin in Slowmotion von hinten auf die Rampe zu, Prinzessin Sascha charakterisiert ein burschikoses, zupackendes Händekneten auf Hüfthöhe. Goeckes Idiom funktioniert über Assoziationen, noch relativ einfach zu verstehen sind Bilder wie das Tippen auf einer Schreibmaschine, die erhobene Hand mit dem Aufgepasst!-Finger oder die über dem Kopf zu Vogelflügeln gekreuzten Hände. Aber die Bilder tauchen meist nur ultrakurz auf, oft springen sie durch den ganzen Tänzerkörper hindurch, ein Abschiedswinken etwa findet nicht mit erhobener Hand statt, sondern mit angelegtem Arm neben dem Körper. Durch Brechung, Reduktion oder Multiplikation entsteht so ein manchmal kaum fassbarer Reichtum an Anspielungen.

Goeckes andere Gabe ist sein Sinn für Bühnenzauber, gemeinsam mit seiner Ausstatterin Michaela Springer erfindet er berückende Bilder. Eine Teegesellschaft etwa, die mit Porzellantellern wie mit Kastagnetten klappert, die achtfach gestapelten Zylinder, die ballonartigen Riesenperücken, der „große Frost“ mit Schnee auf den Schultern der Tänzer oder der Wald, der auf die Bühne kommt. Durch den ersten Akt (und leider dann nicht weiter) zieht sich das Motiv der unbeschriebenen Blätter – sie rascheln an den Händen des Corps de ballet, entführen als Papierschiffchen Sascha aus Orlandos Leben und flattern als weiße Vögel in den Händen der Tänzer, als die wilden Gänse, in denen Virginia Woolf am Schluss ihres Romans den Sinn des Lebens symbolisiert, den Orlando in seinen Dichterworten nie zu fassen vermag.

Aus den Proszeniumslogen erklingt Gesang und Gitarrenklang, im Orchestergraben entlockt die Tippett-Spezialistin Sian Edwards dem Staatsorchester die unterschiedlichsten Stilarten. Gemeinsam mit Goecke und dessen Dramaturgin Esther Dreesen-Schaback, von der auch das Libretto des Balletts stammt, hat sie die schöne Ballettpartitur zusammengestellt. Die Stuttgarter Tänzer lieben Goeckes Stil, wie man deutlich an ihrer Hingabe sieht. Außer Orlando bleiben fast alle Figuren Episoden, so Alicia Amatriain als Gespenst einer Königin, barbusig und fahlgesichtig in ihrem langen Reifrock, oder Katja Wünsche als exotische Russin. Douglas Lee ähnelt mit seinen Hasenohren ein wenig dem Riesenkarnickel aus „Alice im Wunderland“, als Gast vom Schauspiel trippelt Sebastian Schwab als schlappohriger Hund dezent und goldig um sein Herrchen Orlando herum.

Großartig ist wieder einmal William Moore als Shelmerdine, zweifellos der nächste Star in Reid Andersons wahrlich reich bestückter Kompanie, der immer ein wenig menschlicher und anrührender tanzt als alle anderen. Den Publikums-Urschrei des Abends aber ertanzt sich Friedemann Vogel in der Titelrolle, er verlässt die Bühne praktisch nie. Nachdem er jahrelang fast nur die großen Klassiker getanzt hat (und heimlich zu einem internationalen Star geworden ist), bleibt er nicht wie so viele Danseurs Nobles in den immergleichen Rollen stecken, sondern sucht neue Herausforderungen, setzt seine exzeptionelle Technik ein, um immer neue Ausdrucksmöglichkeiten zu erforschen.

Goeckes spezifische und oft so ungewöhnliche Bewegungssprache hat er vollkommen verinnerlicht und beseelt sie doch mit seiner ganz eigenen, klassisch gebildeten Schönheit. Ein Triumph, wie die gesamte zweite Hälfte dieses ungewöhnlichen Stücks.

www.stuttgart-ballet.de

Veröffentlicht am 04.06.2010, von Angela Reinhardt in Kritiken 2009/2010

Dieser Artikel wurde 2704 mal angesehen.



Kommentare zu "Durch Nacht zum Licht"



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


„HOOCHIE KOOCHIE“

Trajal Harrells erste Live-Performance-Ausstellung in der Barbican Art Gallery in London
Veröffentlicht am 26.07.2017, von Gastautor


BEWEGT IMPROVISIERTE KLANGWELTEN

Das „Soun d ance“-Festival in Berlin
Veröffentlicht am 26.07.2017, von Elisabeth Leopold


IN WEITER FERNE, SO NAH

Tanzfabrik Berlin: „At Close Distance“ von Christina Ciupke und Ayşe Orhon
Veröffentlicht am 22.07.2017, von Hartmut Regitz



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



TANZ- UND PERFORMANCE-PROGRAMM IM RAHMEN DES BEETHOVENFESTS

Vom 8. September bis 1. Oktober in Bonn

In den letzten zwei Jahren öffnete sich das Beethovenfest zeitgenössischen »jungen« Kunst-Sparten. Auch das diesjährige Festival widmet sich den tänzerischen und performativen Formen der Gegenwart.

Veröffentlicht am 01.04.2017, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

„Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


STANDING OVATIONS

Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters
Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick

MEISTGELESEN (7 TAGE)


VIEL STYROPOR

Dancesoap „Minutemade“ mit „Act Three“ in München

Veröffentlicht am 20.07.2017, von Vesna Mlakar


HULDIGUNG AN DIE RUSSISCHE TRADITION

Eine Nijinsky-Gala mit vielen glanzvollen Höhepunkten beschloss die 43. Hamburger Ballett-Tage

Veröffentlicht am 20.07.2017, von Annette Bopp


KOREANISCHER KUNSTPREIS FÜR ANDREA K. SCHLEHWEIN

"southeast of my desires" wurde mit dem "Jeong Mak Arts Award" ausgezeichnet

Veröffentlicht am 20.07.2017, von Pressetext


ACCESS TO DANCE



Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


IN WEITER FERNE, SO NAH

Tanzfabrik Berlin: „At Close Distance“ von Christina Ciupke und Ayşe Orhon

Veröffentlicht am 22.07.2017, von Hartmut Regitz



BEI UNS IM SHOP