KRITIKEN 2009/2010



Osnabrück

PANISCHE ANGST, ANIMALISCHES BEGEHREN

Deutsche Erstaufführung von Nanine Linnings „Bacon“


  • Samuel Delvaux, Mallika Baumann Foto © Kalle Kuikkaniemi
  • Christina Bauer, Samuel Delvaux, Tommaso Balbo Foto © Kalle Kuikkaniemi
  • Christina Balbo, Samuel Delvaux, Christina Bauer Foto © Kalle Kuikkaniemi

Zwei Frauen baumeln kopfüber an Schlaufen um die Fesseln von der Decke, winden und wenden sich, krümmen und recken sich. Drei Gestalten, ebenso nackt wirkend in ihren hautfarbenen Tops und kurzen Hosen, liegen zusammengekauert dicht an den Wänden. Ein lautes Pochen setzt ein. In blutrotes Licht wird der kleine Theaterraum getaucht. Wie Rieseninsekten oder Echsen erheben sich die drei Gestalten - zwei Männer und eine Frau. Sie staksen witternd und lauernd durch den Raum. Ein Machtkampf der Männer beginnt um die Frau. Animalische Gier, Brutalität, Begehren drücken sie in einer atemraubenden Contact-Improvisation aus – erst die Männer im Zeitlupentempo, dann in furioser Abfolge der Umklammerungen alle drei.

Die Frau wird zum Spielball der Rivalen. Ein harsches, dynamisches Crescendo aus elektronischen Clustern und Sphärenklängen, Pop- und Barock-Musikzitaten von Jacob ter Veldhuis füllt den Raum. Neonlichtkabel ergänzen die beiden über Eck stehenden Wände zu einem visuellen Kubus. Ausschnitte aus Gemälden und Collagen des irischen Malers Francis Bacon werden verschwommen auf die Wände projiziert – schreiende, weinende, traurige Menschen, der stechende Blick einer Eule, Fische, ein Gorilla… (Bühne und Lichtdesign: Jan Boiten).

Lautlos gleiten die beiden baumelnden Frauen aus ihren Fesseln, mischen sich in die Rangeleien, verschwinden in sich plötzlich öffnenden Ausschnitten der Wand. Irgendwann, mitten im Duett eines Paares, erstirbt die Musik, hört das Pochen auf, verlischt das Licht. Nur der schnelle Atem der abgehetzten Tänzer ist noch im dunklen Raum zu hören, bevor der stürmische Applaus einsetzt.

Die Bilder von Francis Bacon haben Nanine Linning zu ihrem Tanzstück „Bacon“ inspiriert. 2004 entwickelte sie es mit ihrer Kompanie naninelinning.nl und gewann dafür den „Swan“ als beste Tanzproduktion der Niederlande in der Saison 2004/05. Streckenweise etwas zu lang geraten, ist es dennoch ein ungemein dichtes, kraftvolles Tanzstück, dessen Intensität und Bedrohlichkeit durch die Enge des Raums womöglich gesteigert wird.

In alternierender Besetzung tanzen jeweils drei Tänzerinnen und zwei Tänzer der neu formierten „Dance Company Theater Osnabrück Nanine Linning“. Bei der Premiere verausgabten sich bis zur Erschöpfung und beeindruckten durch ihre technische Geschmeidigkeit und Konzentration Meri Ahmaniemi, Tommaso Balbo, Mallika Baumann, Chris Bauer und Samuel Delvaux.

www.theater-osnabrueck.de

Veröffentlicht am 15.06.2010, von Marieluise Jeitschko in Kritiken 2009/2010

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