KRITIKEN 2009/2010



München

WEIß TRIFFT SCHWARZ

Die Kompanien Toula Limnaios und Jant-Bi erforschen den Umgang mit Körpern


  • Kayoko Minami (im Vordergrund) Foto © Dieter Hartwig
  • Ensemble Foto © Dieter Hartwig
  • Elhadji Ibrahima Ndoye Ndiaye & Ute Pliestermann Foto © Dieter Hartwig
  • Hironori Sugata & Maguette Ndione Foto © Dieter Hartwig

Toula Limnaios’ 28. Arbeit ist ihre größte, anspruchsvollste. Statt sechs Tänzer hat sie diesmal zehn Akteure zu bewegen und nimmt sich dazu 80 Minuten Zeit. „à contre corps“ verhandelt, nicht ungewöhnlich im zeitgenössischen Tanz, den Umgang mit Körpern. Die Tänzer der cie. Toula Limnaios mischen sich dazu mit je zwei Frauen und Männern der Compagnie Jant-Bi aus dem Senegal.

Gegründet hat diese Gruppe 1998 Germaine Acogny, die Grande Dame des afrikanischen Tanzes. Schon 1968 hatte sie ein Studio eröffnet. Ausbildung blieb neben der Choreografie ihr Hauptgebiet, so auf fünf Jahre in einem Ableger der Schule von Maurice Béjart, mit dem sie, unterwegs zwischen Afrika und Europa, immer wieder gearbeitet hat. Aus der École des Sables, ihrer 1997 formierten neuen Schule, bis heute Anlaufpunkt auch internationaler Studenten, ging Jant-Bi hervor. Acognys häufig preisgekröntes Engagement verknüpft traditionell afrikanischen Tanz, wie sie ihn von der Großmutter, einer Yoruba-Priesterin, kennt, mit zeitgenössischem Tanz zu ganz eigener Synthese. Das bietet Berührungspunkte und Reibungsflächen mit europäischen Kompanien. So folgte einem Gastspiel der Gruppe aus Berlin 2008 eine Phase gemeinsamen Experimentierens vor Ort. Daraus entstand, was nun in der HALLE uraufgeführt wurde.

„à contre corps“ konfrontiert nicht nur Körper, sondern all das, was in sie eingeschrieben ist: Sitten und Sichtweisen, Überlieferungen, Haltungen und die ganz spezielle Art, sich zu bewegen. Dass auch Limnaios’ Truppe international ist, von Brasilien bis Japan, vervielfacht die Unterschiede. So treffen die Bewegungsmetaphern der Berliner Griechin auf afrikanische Muster in zeitgenössischem Zuschnitt. Pascale Arndtz hat dafür einen Raum geschaffen, der mit hängenden roten Papierstreifen, Steinen als Umfassung, einer nicht genutzten Übereckplastik aus Folie wie ein festlich geschmückter Dorfplatz ausschaut. Zwei Frauen werfen, ganz Limnaios, ihr Haar vor sich Stehenden übers Gesicht, zwei Frauen schieben sich verkeilt und schreikämpfend vorwärts, eine Farbige mit Lämpchengirlande um die Taille zeigt in der Dunkelheit anschaulich Hüftzittern. Eine andere wird, über Kopf hängend, von zwei Männern hin und her geschwungen. Dann die Begegnung: Kreuzende Lichtdiagonalen markieren die Pfade, auf denen sich die Gestalten rempeln und gegenseitig behindern, ein Ausweichen nicht möglich.

So beginnt, angeheizt von afrikanischem Sound aus Percussion, Saiteninstrument, Gesang, die Flut von Einzelbildern, wie die Choreografin sie zum Entschlüsseln durch den Zuschauer freigibt und fügt. Eine weiße Tänzerin lebt ihr Fasziniertsein von der Farbe Grün aus, ein Japaner sortiert mit Stäbchen die Glieder seiner Kollegin aus Afrika wie zum Menü um und zieht ihr einen roten Faden aus dem Mund. Hockende Farbige formieren sich zum Tisch, von dem, mit einer Weißen als „Tischdecke“, der Japaner speist, Kritik vielleicht an Rassendünkeln. Synchrontanz auf der Diagonalen demonstriert, wie schwer Weißen afrikanisch polyzentrische Koordination fällt. Eine der besten Szenen: wenn die Laute seines Kollegen aus Afrika Clebio Oliveira sich in Rage tanzen lassen; eine der witzigsten: wenn Afrikaner sich in japanischer Gestik üben; eine der grellsten: wenn einem Tänzer mit Brot, das auf seinem Kontinent so rar ist, der Schweiß getrocknet wird. Masken verfremden Gesichter, Rassen formieren sich zu aufgeregtem Gegenüber, Weißstaub kommt ins Spiel. Am Ende ringt sich ein Paar, die Weiße geschwärzt, der Farbige geweißt, auf rotem Tuch bis zur Coitus-Pose zusammen. Ob Ritual oder Minstrel-Reminiszenz, bleibt offen wie manches an diesem Abend.

Bis 27.6., 21 Uhr, HALLE, Eberswalder Str. 10-11, Prenzlauer Berg, Kartentelefon 440 442 92, Infos unter www.halle-tanz-berlin.de

Veröffentlicht am 15.06.2010, von Volkmar Draeger in Kritiken 2009/2010

Dieser Artikel wurde 2488 mal angesehen.



Kommentare zu "Weiß trifft Schwarz"



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


EINSAME SEELEN

"Der Nussknacker" am Thüringer Staatsballett
Veröffentlicht am 15.12.2017, von Boris Michael Gruhl


BIS INS JAHR 2100

PHASE-ZERO PRODUCTIONS mit neuer Produktion im LOFFT Leipzig
Veröffentlicht am 14.12.2017, von Boris Michael Gruhl


TANZEN BIS ZUM FREIBIER

Minutemade - Act One: Einweihung der Studiobühne des Gärtnerplatztheaters
Veröffentlicht am 14.12.2017, von Vesna Mlakar



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



HIERONYMUS UND DER MEISTER SIND AUCH DA

Mit Susanne Linkes Uraufführung eröffnet das Theater Trier am Samstag, 28.10. 2017 die Saison in der Sparte Tanz.

In ihrer Kreation beschäftigt sich Linke mit den abgründigen Seiten des Menschen.

Veröffentlicht am 11.10.2017, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

„Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

MEISTGELESEN (7 TAGE)


EIN KLASSIKER – AUFS FEINSTE HERAUSGEPUTZT

„Don Quixote“ in der Nurejew-Fassung beim Hamburg Ballett

Veröffentlicht am 11.12.2017, von Annette Bopp


HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


BEATE VOLLACK WIRD NEUE BALLETTDIREKTORIN DER OPER GRAZ

Mit dem Beginn der Spielzeit 2018/19 tritt sie ihre neue Position an

Veröffentlicht am 12.12.2017, von Pressetext


AUF DEN HUND GEKOMMEN

Mit „Dürer´s Dog“ kreiert Goyo Montero am Staatstheater Nürnberg eines seiner schönsten Ballette

Veröffentlicht am 11.12.2017, von Alexandra Karabelas


WAS DER KÖRPER MÖGLICH MACHT

Mit „Old, New, Borrowed, Blue“ verheiratet das Ballett im Revier Gelsenkirchen eine bunte Mischung von Choreografien miteinander

Veröffentlicht am 10.12.2017, von Boris Michael Gruhl



BEI UNS IM SHOP