KRITIKEN 2009/2010



München

HEUSCHRECKEN ALS LEICHTE SOMMERKOST

Das Tanztheater München lädt zu düsteren „Körpersprachen III“


  • "Sleepers Chamber" von Christian Spuck. Ensemble Foto © Lioba Schöneck
  • "Everything" von Gustavo Ramirez Sansan. Tänzer: Marcos Mariz, Hsin-I Huang Foto © Lioba Schöneck
  • "Sleepers Chamber" von Christian Spuck. Ensemble Foto © Lioba Schöneck

Unter heißer Julisonne einen komplett schwarzgrauen Abend Premiere feiern zu lassen, ist eigentlich eine charmante Idee. Am Gärtnerplatztheater gibt es ab sofort Christian Spucks „Sleepers Chamber“ zu sehen, dazu eine Neuchoreografie von Gustavo Ramirez Sansano, „Everything“. Ersteres Stück behandelt vor schwarzer, bedrohlicher Heuschreckenbühne (gestaltet von Spuck) die Transformation einer Gruppe von Schläfern zu einem neuen, schlagenden System; letzteres ermittelt in dunklem Graublau die inneren Kämpfe eines Mannes, der sich auf eine neue Beziehung einlässt. Das neue Programm bietet somit eine einheitliche Ästhetik. Inhaltlich ist es allerding nicht so gewichtig, was ja hervorragend in den Sommer passt.

Was wurde nicht schon alles über Beziehungen gesagt. In Ramirez Kreation für acht Tänzer hadern die zwei Protagonisten mit den Erinnerungen an ihre Expartner, die sich auf mannigfaltige Weise in einen konzentrierten Pas de deux mischen. Die eine Ex schiebt sich tückisch dazwischen, die andere durchmisst besserwisserisch den Raum und lenkt von der neuen Angebeteten ab; wogegen der Held in der Erinnerung der Frau einen erbitterten Kampf mit seinem Vorgänger führen muss, der jegliche Kommunikation unmöglich macht. Szenen, die dem Titel des Abends, „Körpersprachen III“, voll gerecht werden. Denn Ramirez versteht es vortrefflich, Typen oder innere Haltungen in getanzte Gesten und Gesichter zu transformieren. Das monumentale Bühnenbild mit seinen zwei durchsichtigen, drehbaren Halbkäfigen, in denen die Protagonisten sich mal verstecken, mal einander zuwenden, sorgt obendrein für glasklare Verhältnisse. Zu klar, eigentlich. Denn erst Geheimnisse und Unwägbarkeiten machen Beziehungen spannend – man denke nur an Petipas nicht tot zu kriegenden "Schwarzen Schwan"-Pas-de-deux .

In dem Sinne rührte Spucks „Sleepers Chamber“ tiefere Saiten im Betrachter. Acht Tänzer mit Spitzhüten erwachen, bewegen sich im relativen Chaos, formieren sich dann aber zu streng formalen Paaren und Reihen. Wie sich unmerklich alles ändert, wie die Duette fließen, Auftritt und Abgänge sich die Hand geben, das demonstriert große Eleganz und ehrt Spucks Körpersprache. Entgegen der Erklärung im Programmheft ist das Stück aber auch politisch: Graue Herren in spitzen Hüten vor einer riesigen Heuschrecke, die heimtückisch alles auf Linie bringen, erinnern doch sehr an Weltbank und Welthandelsorganisation. Umso bedauerlicher, dass das Stück keine Lösung anbietet: Zuletzt tauchen wieder Spitzhüte auf, die auf eine neue oder Rück-Transformation hinweisen. Man fragt sich, was da noch kommen könnte.

Übrigens auch hinsichtlich Christian Spucks, der 2012 die Direktion des Zürich Balletts übernimmt. Was in München von ihm zu sehen ist, sieht jedenfalls nach einer Schweizer Ballettzukunft aus, die Hand, Fuß und Ideen hat.

Veröffentlicht am 11.07.2010, von Isabel Winklbauer in Kritiken 2009/2010

Dieser Artikel wurde 2018 mal angesehen.



Kommentare zu "Heuschrecken als leichte Sommerkost"



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

LEUTE AKTUELL


BOTSCHAFTER DES TANZTHEATERS

Der Schweizer Choreograf Gregor Zöllig spricht mit Kirsten Pötzke über seine Wurzeln, die Begeisterung für den Tanz und die Arbeit mit Profis und Laien
Veröffentlicht am 20.04.2017, von Kirsten Poetzke


EINE JUNGE KOMPANIE FÜR BERLIN

Marion Heinrich im Gespräch mit den Intendanten des „Landesjugendballetts Berlin“
Veröffentlicht am 31.03.2017, von Gastautor


IN MEMORIAM 'OE'

Pick erinnert sich zum 90. Geburtstag des Tanzkritikers Horst Koegler
Veröffentlicht am 21.03.2017, von Günter Pick



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



„DUATO | SHECHTER“

Am 21. April 2017 feiert der choreographische Doppelabend „Duato | Shechter“ Premiere am Staatsballett Berlin. Mit einer Neukreation Nacho Duatos und einer Arbeit von Hofesh Shechter.

Duato präsentiert seine Kreation „Erde“, die sich der Zerstörung des Planeten durch den Menschen widmet, während Shechter die ästhetischen Grenzen des Staatsballett mit seiner Arbeit „The Art of Not Looking Back“ erweitert.

Veröffentlicht am 12.04.2017, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

„Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


WIE TANZT MAN REFORMATION?

Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch
Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger


STANDING OVATIONS

Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters
Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick

MEISTGELESEN (30 TAGE)


EIN GENIE DES BALLETTS WIRD TATSÄCHLICH SCHON 80 JAHRE ALT

Pick bloggt zum 80. Geburtstag von Marcia Haydée

Veröffentlicht am 12.04.2017, von Günter Pick


FRÜHLINGSMATINEE VON BALLETTAKADEMIE UND JUNIOR COMPANY

Im Rahmen der BallettFestwoche München zeigte auch der Nachwuchs sein Können

Veröffentlicht am 13.04.2017, von Karl-Peter Fürst


DAS LEBEN DURCHLEUCHTEN MIT BACH

Jörg Weinöhl entwickelt in „Kontrapunkt. Auf der anderen Seite von Bach“ am Opernhaus Graz spezielle Tanzqualitäten

Veröffentlicht am 09.04.2017, von Andrea Amort


ACCESS TO DANCE



Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


FREIBEUTERROMANTIK UND ORIENTALISCHER ZAUBER

„Le Corsaire“ von Gonzalo Galguera am Ballett Magdeburg

Veröffentlicht am 07.04.2017, von Herbert Henning



BEI UNS IM SHOP