KRITIKEN 2010/2011



Gießen

COPPÉLIA, VERGEWALTIGT

TanzArt ostwest 2011 beginnt mit „Chaos Algorhythm“ und „Puppentänze – Coppelia revisited“


  • Foto Foto © Merit Esther Engelke
  • Foto © Merit Esther Engelke

Die TanzArt ostwest in der Gießener Variante hat seit Jahren ein Auftaktprogramm. Dazu gehören eine Ausstellung mit Tanzfotos, die in diesem Jahr von dem Theaterfotografen und Fotojournalisten Rolf K. Wegst kommt, und eine ortsgebundene Choreografie, die vom städtischen Kulturamt gefördert wird. Beides fand statt im „Mathematikum“, dem „einzigen mathematischen Mitmachmuseum Deutschlands“, das an sich schon von Versuchen lebt und daher den idealen Rahmen für eine Performance bietet. Die in diesem Jahr der polnische Choreograf Leszek Stanek (aus Bytom/Warschau) mit einem Teil der Tanzcompagnie Gießen (TCG) einstudiert hatte. Vier Szenen an vier Standorten, zu denen vier Zuschauergruppen geleitet wurden. Das „Chaos Algorhythm“ hielt sich also in Grenzen.

Den offiziellen Auftakt der TanzArt ostwest 2011 machte am Donnerstagabend wie schon in den vergangenen Jahren eine Eigenproduktion der TCG auf der Studiobühne TiL, dieses Mal allerdings ohne künstlerische Beteiligung des Gießener Ballettdirektors Tarek Assam. Eingeladen wurde der italienische, seit Jahren in Deutschland lebende Tänzer und Choreograf Massimo Gerardi. Das Thema „Puppentänze – Coppelia revisited“ war die Vorgabe, der er sich stellte. Das bedeutet natürlich: sich an der klassischen Vorlage „Coppélia“ von Leo Delibes abzuarbeiten (Premiere 1870). Die Oper bezog sich wiederum auf die Erzählung „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann und verarbeitet das alte Motiv: Erschaffen einer Puppe, in die Mann sich verliebt und die er hofft, zum Leben erwecken zu können.

Es sei vorweg genommen, die Wahrnehmung des Stücks und anschließende Diskussionen waren durchaus kontrovers, was das erklärte Ziel des Choreografen ist. Männliche Besucher sahen es gelassen als Abbild unserer Realität mit durchaus sexy Momenten, für einige Frauen war die Schmerzgrenze erreicht ob der Vergewaltigungsszene. Die Männerfantasie, eine eigene Kreatur zu erschaffen, in die alle Wünsche und Vorstellungen hineinprojiziert und womöglich gelebt werden können, kommt aus der antiken Mythologie, doch ist die vergebliche Liebe von Pygmalion zu seiner Statue eher Symbol für die Nichtigkeit allen menschlichen Bemühens. Erst im Zeitalter der technischen Machbarkeit wurden daraus Machtfantasien von mechanischen Puppen, Automaten und Monstergeschöpfen. Aktuelle Bezüge kommen ins Spiel: während der Probenarbeiten für „Puppentänze“ beherrschte der sexuelle Missbrauch durch einen der Mächtigen dieser Welt die Schlagzeilen.

Der Chef des IWF, Dominique Strauss-Kahn, habe ein Zimmermädchen zum Sex zwingen wollen, lautet die Anklage, was er natürlich anders sieht. Wo liegt die Grenze zwischen freiwillig und aufgezwungen? Massimo Gerardi nimmt sich viel Zeit zum Erzählen, manchmal etwas sehr viel Zeit. Er gibt den Tänzern (Hua-Bao Chien, Keith Chin) und Tänzerinnen (Ekaterine Giorgadze, Antonia Heß, Nina Plantefève-Castyck, Vanda Stefanescu) viel Raum für anspruchsvolle Soli und ungewöhnliche Pas de deux, zur schwungvollen Walzermusik von Delibes oder zu ruhigen Klängen zeitgenössischer Computermusiken. Im schlichten und wirkungsvollen Bühnenbild (Michele Lorenzini) halten sich alle sechs permanent auf, die beiden Männer pausieren auch mal in ihren seitlichen Rückzugsräumen, während die Frauen durchgängig in der Bühnenmitte präsent sind. In den Anfangsszenen sind die Puppen sehr hölzern, mithin willenlos und formbar. Allmählich entwickeln sie ein scheinbares Eigenleben und werden sogar verführerisch im Angesicht des attraktiven jungen Mannes. Neben der - bei aller tänzerischen Verfremdung – erstaunlich realitätsnahen Vergewaltigungsszene (durch den Schöpfer) gibt es auch eine Szene mit lustvollem Stöhnen und Gruppensex. Dennoch: Gewalt in Form von Manipulation ist der durchgängige Subtext dieser Choreografie. Und am Ende bleiben trotz Widerstands und Ausbruchversuchs die Puppen im Netz ihres Erfinders gefangen. Eine wird gar zerstört. Darüber können auch die witzigen Szenen nicht hinwegtäuschen, in denen die Nutzanwendung von High Heels erprobt werden oder mittels diverser Kleider unterschiedliche Frauenbilder entstehen, von der puppenhaften Braut bis zur Domina, von der Soldatin bis zur Pop-Sängerin.

„Puppentänze“ von Massimo Gerardi gehört zum Repertoirestück der TCG des Stadttheaters Gießen und wird noch mehrfach zu sehen sein, auch in der nächsten Spielzeit.

[vgwort]bd22142ed97dc18c4059dc80b8304c[/vgwort] www.stadttheater-giessen.de www.tanzcompagnie.de www.tanzart-ostwest.de

Veröffentlicht am 11.06.2011, von Dagmar Klein in Kritiken 2010/2011

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