KRITIKEN 2011/2012



München

IM ZEICHENNETZ GEFANGEN

Richard Siegal mit seiner neuesten Produktion „Civic Mimic“ in der Muffathalle München


  • "Civic Mimic". Foto © Pressefoto
  • "Civic Mimic". Foto © Dennis Zyche
  • "Civic Mimic". Foto © Dennis Zyche
  • "Civic Mimic". Foto © Dennis Zyche

Wie ein flüchtig gemalter Pinselstrich scheint die Bühnenkonstruktion des Architekten François Roche in der schwarz abgehängten Halle zu schweben. Dünnen Beinchen gleich, tragen unzählige Metallstäbe die weiße Architektur, die in ihrer Mächtigkeit den Raum einnimmt und sich so ihren Weg durch die Menschenmenge bahnt. Ein gespaltener Laufsteg ohne Zuschauerraum, der den Körpern im Raum Platz nimmt und gibt. Ein langgezogener, geschwungener Tisch, der die sechs Tänzer zugleich nah und fern wirken lässt. Eine Architektur im aufgelösten Raum, durchdrungen von Körpern und elektronischen Klängen.

In „Civic Mimic“ erforscht der Choreograf Richard Siegal, wie auch schon bei „©oPirates“, die Bildung sozialer Gemeinschaften und bindet das Publikum in eine interaktive Performance mit ein, in der jede Platzveränderung zu einem Teil der Choreografie wird. Eine Stunde lang folgt man gebannt der faszinierenden Präsenz der tanzenden Körper, die in ihren weißen Kostümen einer Projektionsfläche gleichen. Klar und glatt, sportlich und keck, aber auch etwas zu albern in ihren weißen Faltenröckchen und Hosenträgern. Sie tauschen Bewegungen aus, reagieren aufeinander, improvisieren. Sie treten ein in einen kreativen Prozess und dynamischen Bewegungsfluss, der auf Siegals choreografischer Methode „If/Then“ basiert. Sie geben Codes und Zeichen weiter. Zupfen an ihren T-Shirts, lassen den Kopf auf die weiße Konstruktion sinken, manipulieren gegenseitig ihre Körperhaltungen. Eine Geste genügt und neue Bewegungsabläufe aus ihrem Körperarchiv werden abgerufen. Auch ein typisches Zitat aus Forsythes „Artifact“ darf nicht fehlen. Flüchtige Räume entstehen, wenn sich die Tänzergruppe zwischen die Zuschauer begibt, deren Konstellationen neu ordnet, ihren Blick lenkt. Sie besetzen den Raum, am Boden liegend formen ihre Körper ein X.

Tatsächlich aber wird der eigentliche Bewegungsfluss des Publikums von „Performern in Zivil“ gesteuert – Workshopteilnehmern, die am vergangenen Wochenende in Siegals „If/Then“-Methode eingeführt wurden. Sie haben sich unter das Publikum gemischt, spielen stumme Beobachter. Der Choreograf, der behutsam durch die Körper der Menschenmenge schlüpft, veranlasst die erste Reaktion. Unmerklich flüstert er einer Person einige Worte zu, diese dreht sich zur nächsten, das „Stille Post“-Spiel beginnt. Das Kinn auf der Hand abgestützt, die Arme vor dem Körper verschränkt, eine überzogene Kopfwendung über die Schulter – mit alltäglichen, gestischen Zeichen wird das Geschehen verfolgt und soll der Blick des Publikums gelenkt werden.

Das gelingt nicht immer. Überreizt von den visuellen und akustischen Eindrücken verharren viele Zuschauer an ihrem Platz in der großen Halle und verfolgen jene Fragmente, die sich vor ihren Augen abspielen. Wenn man jedoch seine Trägheit überwindet und sich auf das manipulative Zeichen-Spiel des instruierten Personenkreises einlässt, beginnt die Partizipation richtig Spaß zu machen. Man lässt sich treiben in der gemeinschaftlichen Bewegung, bildet Menschentrauben um die Tänzer und löst sie schnell wieder auf, um seine Aufmerksamkeit auf einen anderen Aktionspunkt zu lenken.

Der netzartige Aufbau der Performance lässt an Kommunikation und soziale Dynamiken des Web 2.0 denken. Wie schnell reagiert man auf Reize bei Facebook oder Twitter, nimmt Informationen auf, nährt seine Schaulustigkeit, um sich im nächsten Moment wieder etwas anderem zuzuwenden. Die suggerierte digitale Welt wird verstärkt durch die computergenerierte Elektronische Musik des Komponisten Hubert Machnik, der mit seinen kratzenden Live-Klängen die Bewegungen illustriert, steuert und mit Tänzern und Architektur kommuniziert. Eine Klanglandschaft der Technik umfängt und umhüllt die Körper des Publikums, die wie kleine Bausteine wirken in dem unablässig fließenden Datenstrom. Diese dichten Vernetzungen von Bewegungen, Klängen und Architektur sind beeindruckend, fordern sie doch Wahrnehmung, Mitgestaltung und eine neue Art der Performativität heraus.

Als der Tänzer Kenneth Flak auf dem höchsten Punkt der Konstruktion zitternd im kalten Licht steht, gehört ihm einige Momente lang alle Aufmerksamkeit. Vom Leben geschüttelt, bringt er seine Bühne in Vibration. Ein wirkungsreiches Bild, das Starrheit und Bewegung, Zufälligkeit und Unmöglichkeiten miteinander vereint. Und das Publikum in Bann zieht, das diesen technisch-realen Taumel so schnell nicht vergessen werden wird.

Veröffentlicht am 13.10.2011, von Miriam Althammer in Kritiken 2011/2012

Dieser Artikel wurde 1761 mal angesehen.



Kommentare zu "Im Zeichennetz gefangen"



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




Ähnliche Beiträge

PROTHESEN-KÖRPER UND SCHWARZE VÖGEL

Werke von Chouinard, Beutler und Siegal auf der Münchner Dance Biennale

Veröffentlicht am 30.10.2012, von Malve Gradinger


MERCE CUNNINGHAM / RICHARD SIEGAL EXITS AND ENTRANCES

Das Bayerische Staatsballett präsentiert Merce Cunninghams Schlüsselwerk BIPED und die Uraufführung von Richards Siegals Unitxt.

Am 25. Juni zeigt das Bayerische Staatsballett im Prinzregententheater Merce Cunninghams Schlüsselwerk BIPED von 1999 und die Uraufführung von Richards Siegals Kreation Unitxt.

Veröffentlicht am 10.06.2013, von Pressetext


FAMILIENTREFFEN, KUNSTMESSE, MARKTPLATZ

Die Tanzplattform in Hamburg

Familientreffen, Kunstmesse, Marktplatz, Talentbörse, Bestandsaufnahme und Seismograph aktueller ästhetischer Entwicklungen frei schaffender Choreografen im Zeitgenössischen Tanz - die am Sonntag zu Ende gegangene zehnte Tanzplattform ist ein mächtiger, vielköpfiger Hybrid, der sowohl sehnsüchtig erwartet als auch argusäugig beäugt wird.

Veröffentlicht am 04.03.2014, von Alexandra Karabelas


NICHT NUR TANZEN, SONDERN AUCH DENKEN KÖNNEN

Richard Siegal wird mit dem Tanzpreis der Landeshauptstadt München ausgezeichnet

"Richard Siegal hat eine starke Vergangenheit und eine starke Gegenwart. In München ist er nicht nur als intellektueller 'spiritus rector', sondern ganz real und sehr körperlich präsent."

Veröffentlicht am 13.05.2013, von Pressetext


VON DER POSTMODERNE ZUM HEUTE

Richard Siegal über die Uraufführung „Unitxt“ für Bayerische Staatsballett

„Exits and Entrances“ heißt der neue Zweiteiler im Münchner Prinzregententheater mit „Biped“ von Merce Cunningham und „Unitxt“ von Richard Siegal

Veröffentlicht am 25.06.2013, von Malve Gradinger


DIE SUCHE NACH NEUEN BEWEGUNGSFORMEN

Ballettabend des Bayerischen Staatsballett vereint US-Postmoderne und Zeitgenössischen Tanz

Überzeugend: Erstaufführung von Merce Cunninghams "Biped" und Weltpremiere von Richard Siegals "Unitxt" im Münchner Prinzregententheater

Veröffentlicht am 27.06.2013, von Malve Gradinger


JURY WÄHLTE ZWÖLF HERAUSRAGENDE PRODUKTIONEN FÜR TANZPLATTFORM 2014

Vom 27. Februar bis 2. März 2014 findet auf Kampnagel die Tanzplattform Deutschland statt.

Gezeigt werden aktuelle Arbeiten von The Forsythe Company, Tino Sehgal, Raimund Hoghe, VA Wölfl, Meg Stuart, Laurent Chétouane, Antonia Baehr, Richard Siegal, Sebastian Matthias, Isabelle Schad, Zufit Simon und Swoosh Lieu.

Veröffentlicht am 25.10.2013, von Pressetext


NACKTES MATERIAL

Richard Siegal mit „If/Then for Strings“ in der Muffathalle München

Richard Siegal entpackt die Körper der Musiker, erlaubt sich und dem Publikum den neugierigen Blick hinter die Kulisse des Formats Konzert und wie Musik durch Bewegung und Bewegung durch Musik erzeugt wird.

Veröffentlicht am 02.02.2014, von Miriam Althammer


ETWAS GLAMOUR AM STAATSBALLETT

Der neue Direktor des Bayerischen Staatsballetts ab der Saison 2016/17 wird Igor Zelensky

Der international gefragte Balletttänzer Igor Zelensky entstammt der klassischen russischen Schule. Er absolvierte seine Ausbildung an der Waganowa-Akademie in St. Petersburg und war seit 1991 Solist beim Marinsky Ballet.

Veröffentlicht am 17.02.2014, von Miriam Althammer


 

AKTUELLE KRITIKEN


DAS DRAMA UM DIE LEIDENSCHAFT

„Anna Karenina“ von Christian Spuck am Bayerischen Staatsballett
Veröffentlicht am 21.11.2017, von Michaela.Schabel


WER BIN ICH?

Zur Gala des Stuttgarter Solo-Tanztheater-Festivals in der Hebelhalle Heidelberg
Veröffentlicht am 21.11.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


GANZ UND GAR NICHT KAFKAESK

Mauro de Candias „Home, Sweet Home” am Theater Osnabrück
Veröffentlicht am 20.11.2017, von Marieluise Jeitschko



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



MOVE! - 16. KREFELDER TAGE FÜR MODERNEN TANZ

Krefeld TANZT zeitgenössisch, bis 25. November 2017, in der Fabrik Heeder

„MOVE!“, die „Krefelder Tage für modernen Tanz“, laden in diesem Jahr zum 16. Mal ein, sich von dem phantasievollen, kreativen Potential des zeitgenössischen Tanzes begeistern zu lassen.

Veröffentlicht am 20.10.2017, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

„Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

MEISTGELESEN (7 TAGE)


JÖRG WEINÖHL VERLÄSST DIE OPER GRAZ

Der Ballettdirektor wird seinen Vertrag nicht verlängern

Veröffentlicht am 13.11.2017, von Pressetext


OLDENBURG LÄSST DIE PUPPEN TANZEN

„Drei Generationen“ bei der BallettCompagnie Oldenburg

Veröffentlicht am 16.11.2017, von Martina Burandt


TOD – DER LIEBE BRUDER

Zum neuen Tanzstück „Der Tod und das Mädchen“ von Stephan Thoss in Mannheim

Veröffentlicht am 18.11.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


DER SCHÖNE SCHEIN

Die Uraufführung des Balletts „Die Kameliendame“ von Ralf Rossa an der Oper in Halle

Veröffentlicht am 14.11.2017, von Boris Michael Gruhl


TANZTHEATERERLEBNIS FÜR DIE KLEINSTEN

„Der Elefant aus dem Ei“ von Ceren Oran

Veröffentlicht am 18.11.2017, von tanznetz.de Redaktion



BEI UNS IM SHOP