KRITIKEN 2011/2012



Frankfurt

SCHATTENSPIEL AUF MEHREREN EBENEN

Das Künstlerhaus Mousonturm präsentiert Kidd Pivot Frankfurt RM mit „The Tempest Replica“, dem neuen Stück der Choreografin Crystal Pite


  • „The Tempest Replica“ von Crystal Pite. Foto © Jörg Baumann
  • The Tempest Replica“ von Crystal Pite Foto © Jörg Baumann

Bis kurz vor der Uraufführung hieß es nur „Das neue Stück“, dann entpuppte sich „The Tempest Replica“ als eine Neuerzählung von Shakespeares „Der Sturm“. Allerdings ohne dass dem Publikum eine Kurzfassung des Dramas im Programmheft mitgeteilt wurde oder die auf der Leinwand eingeblendeten Zitate eine deutsche Übersetzung erhalten hätten. Bedauerlich, denn so sattelfest dürften die wenigsten Deutschen in Shakespeares Dramen oder seiner Sprache sein, als dass sie dem Geschehen mühelos hätten folgen können. So blieb zunächst ein allgemeiner Eindruck von einer Märchenerzählung mit Zauberin und bösen Menschen in perfekter Bühnenshow mit einem grandiosen Tanzensemble, dessen Hauptdarstellungsthema die Gefühle, Zwiespalte und inneren Dämonen des Menschen sind. Interessierten blieb nur das Nacharbeiten der Geschichte im Nachhinein mit dem Ergebnis, das Stück jetzt noch mal anschauen zu müssen. Vielleicht war das ja die versteckte Absicht. Der Uraufführungsapplaus war wenig euphorisch.

Die kleine Tanzkompanie Kidd Pivot Frankfurt RM (= Rhein-Main) besteht seit Frühjahr 2010 am Künstlerhaus Mousonturm und wird ermöglicht durch den Kulturfonds Rhein-Main. Leiterin ist die kanadische Choreografin Crystal Pite, die für zahlreiche renommierte Tanzkompanien gearbeitet hat und 2001 ihre eigene Kompanie Kidd Pivot in Vancouver gründete. Die jeweiligen Choreografien der Frankfurter Gruppe Kidd Pivot entstehen in Kooperation mit anderen Tanzhäusern, wie es in der freien Tanzszene üblich ist. Nach „Dark Matters“ und „The You Show“ ist „The Tempest Replica“ nun ihr drittes Stück am Künstlerhaus Mousonturm.

Am Anfang baut einer Papierschiffchen und ruft nach dem Luftgeist Ariel. Dann folgt eine grandiose Lichtshow zum Einsetzen des Sturms mit Donner und Blitzen. Die Schiffbrüchigen werden hin und her geworfen, sind Spielbälle der Elemente. Ähnlich wie bei „Dark Matters“ erzählt die Choreografin die Geschichte zunächst sehr anschaulich und märchenhaft mit Stilmitteln des Schattenspiels auf mehreren Ebenen, der Sprach- und Objekteinblendungen („zzz“ für Schlafen, eine königliche Tafel), der konkreten Geräusche (wie Schwert-Ziehen oder Stöckelschuhtrippeln) und Verkleidungen. Die Figuren sind verfremdet: ganz in weiß gekleidet mit einer Art weiß verhülltem Schutzgitter vor dem Gesicht, sie bewegen sich nicht normal, sondern werden bewegt wie Marionetten oder Zeichentrickfiguren. Dann wird die Erzählung in die Jetztzeit verlegt, wird eine Party gefeiert, auf der jemand ausrastet. Hier ist Gelegenheit, den fünf großartigen Tänzern (Eric Beauchesne, Peter Chu, Yannick Matthon, Jiri Pokorny, Jermaine Maurice Spivey) und zwei Tänzerinnen (Sandra Marin Garcia, Cindy Salgado) jeweils Raum für Soli und Duette zu geben.

Crystal Pite hat nicht nur eine sehr eigene, märchenhafte Erzählweise in ihren Choreografien, sondern auch eigenwillige Bewegungsabläufe, die die Tanzenden umsetzen: schmiegsam und weich, als hätten sie keine Knochen, mit vielen Drehungen aus dem Stand und ein Miteinander in den Pas de deux, das fast ohne Hände auskommt. Dazu kommt die Expressivität von Mimik und Bewegungen, die immer wieder das Motiv des Getriebenseins zeigen. Mit diesem Wissen lässt sich der 75-minütige Tanzabend genießen. In der Tafelhalle Nürnberg noch am 4. und 5. November, danach geht die Truppe auf Tournee.

www.mousonturm.de www.kiddpivot.org

Veröffentlicht am 22.10.2011, von Dagmar Klein in Kritiken 2011/2012

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