KRITIKEN 2011/2012



Bielefeld

DAS „SCHWANENSEE“-FINALE COOL AUS DER HÜFTE GETANZT

„Schwanengesang“ von Gregor Zöllig


  • „Schwanengesang“ am Theater Bielefeld Foto © Bettina Stöß
  • „Schwanengesang“ am Theater Bielefeld Foto © Bettina Stöß
  • „Schwanengesang“ am Theater Bielefeld Foto © Bettina Stöß

Gregor Zöllig nähert sich „Schwanensee“ mit einem faszinierenden Ansatz. „Schwanengesang“ heißt sein 80-minütiges Tanzstück, wie stets in Zusammenarbeit mit den Tänzern choreografiert. Da werden viele Lieben gelebt, viele Tode gestorben. Im Orchestergraben gehen Peter Tschaikowsky und Gavin Bryars eine stimmige Allianz ein. Zum Schluss erlebt man auf der Hinterbühne eine Metamorphose der romantischen Orchester-Partitur zur zeitgenössischen Kammermusik „Amjad“, die Bryars 2007 für La La La Human Steps mit Themen aus „Schwanensee“ und „Dornröschen“ komponierte. Tilo Steffens‘ raffiniertes Bühnendekor unterstreicht die surrealistischen Akzente der Choreografie: In einen Herbstwald scheint sich eine Wohnung (Typ: Ikea) zu schmiegen, in der neun Menschen in friedvoller Harmonie und Geborgenheit hausen. Passend zum bunt gefärbten Laub der Bäume tragen die Menschen, wenn sie nicht gerade in formelles Schwarz und Weiß für den Büroalltag gekleidet sind, Weinrot, Taupe und Nachtblau (Kostüme: Imme Kachel). Im zweiten Teil schweben die Waldwände samt Einbaumöbeln hoch. Die Welt gerät aus den Fugen. Todesahnung greift Platz. Im dritten Teil geistert das restliche Mobiliar – Backofen, Duschwanne, Kleiderschrank, Kommode, Bett, Tisch und Stühle - durch den Raum. Burnout, lebensbedrohende Krankheit lösen Alpträume, Schlaflosigkeit, schließlich Todesangst und Todeskampf aus.

„Die Menschen gehen, sie kommen, sie laufen, sie tanzen – vom Tod kein Wort“. Genau wie der Franzose Montaigne in „Philosophieren lernen heißt sterben lernen“ es schreibt, beginnt der neue Abend des Tanztheaters Bielefeld. Am Beginn der Musik zum 1. Akt „Schwanensee“ hockt ein junger Mann (Tiago Manquinho) vor seinem Laptop. Ein Paar (Elvira Zuñiga und Dirk Kazmierczak) räkelt sich innig umschlungen nebenan auf dem Doppelbett, wälzt sich schlaftrunken durch die Wohnung zum Bad, setzt sich zum Pas de deux im Walzertakt gemeinsam aufs Klo, duscht gemeinsam, trocknet sich liebevoll gegenseitig ab. Selbst den Schlafanzug teilen sich die beiden: sie trägt die Jacke über rotem Slip, er die Hose. Ein Anderer (Gianni Cuccaro) kommt verschlafen von hinten herein getapst, trocknet sich die frisch gewaschenen Haare, fischt Hemd und Hose aus dem leeren Kühlschrank, eilt mit Managerköfferchen zur Arbeit. Ein zweites Paar (Anna Ericsson und Adrian Look) setzt sich zum Frühstück an den Küchentisch, streitet heftig. Ein Teenie mit iPod (Kristin Mente) plumpst auf die Couch, springt auf, tanzt weltvergessen. Ein Schönling in Schwarz (Simon Wiersma) filmt sich und projiziert das Video auf den Kleiderschrank. Alles tanzt über Tische und Stühle oder gar auf dem Backofen, tritt auf und taucht ab in den Kleiderschrank oder die Kommode.

Hier herrscht das pralle Leben. Vermeintlich. Denn schon bald greift Todesahnung zu Bryars‘ melancholisch-lyrischem Violinkonzert (Simon Monger mit den Bielefelder Philharmonikern unter Christian van den Berg). Mitten im hektischen Bürogemenge sinniert einer, ein anderer gerät schon in Panik, als er nachts nicht mehr normal einschlafen kann und verzweifelt Schäfchen zählt. Dann das Finale aus „Schwanensee“. Nur aus der Hüfte heraus tanzt Kerstin Mente total cool zunächst im blauen Kleidchen, barfuß, lässt die Arme locker schwingen. Aber immer größer werden die Bewegungen, drängender die Sprünge, bei denen sich im Fall die mehrfache Rüschenkante des Rocks wie ein Tutu auffächert. Unentrinnbar folgt die völlige Erschöpfung, das Aus.

Im dritten Teil spielt ein vorzügliches Quartett aus Detmolder Musikstudenten und der Tanz-Repetitorin Evelyn Knorre-Bogdan die „Schwanensee“-Sätze aus Bryars‘ Suite „Amjad“. Drei Paare tanzen, setzen sich um den Tisch, trennen sich. Das Liebespaar schlüpft unter das Bettlaken, das wie ein Leichentuch wirkt. Zuñiga zittert heftig in den Armen von Kazmierczak. Lautlos zieht sie sich zurück, rollt sich auf dem Bett zusammen, versinkt ganz allmählich in einem Schlitz in der Matratze.

Immer wieder auch sieht man bei den anderen nach oben gerissene Arme wie im Ertrinken, wo anfangs Signale von Kraft, Lebensfreude, heitere Normalität herrschten. Dieses Tanztheater löst tiefe Betroffenheit aus. Zöllig beeindruckt mit Bildern voll Dynamik, Intensität und Symbolkraft, wie sie ihm bisher selten gelangen.

www.theater-bielefeld.de

Veröffentlicht am 30.10.2011, von Marieluise Jeitschko in Kritiken 2011/2012

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