KRITIKEN 2011/2012



Görlitz

MENSCHEN, KISTEN, ZÄRTLICHKEIT

„Schmetterlingsdefekt“ mit der Tanztheatercompany des Gerhart Hauptmann-Theaters


  • „Schmetterlingsdefekt“ Foto © Nikolai Schmidt
  • „Schmetterlingsdefekt“ Foto © Nikolai Schmidt

Es sind die alte Fragen: Wo kommen wir her, wo gehen wir hin, wo sind wir gerade, schaffen wir es alleine weiter zu kommen, oder besser zu zweit, zu dritt, in einer Gruppe. Wer weist uns den Weg und was ist, wenn wir dennoch unsere Wege verfehlen. Dabei hat jeder seine Kiste zu schleppen, die kann riesig sein, oder ganz klein, sie kann leer und hohl sein oder etwas von dem enthalten, was uns am Leben hält, und unsern kleinen Goldfisch auch. Einen Goldfisch nämlich hat jeder, so jedenfalls das Bild am Beginn und am Ende des Tanztheaterabends im Görlitzer Theater, mit dem die beiden neuen Leiter der Kompanie, Dan Pelleg und Marko E. Weigert ihre erste Saison eröffnen. Wie bedrohliche, massive Säulen stehen vor der Rückwand der großen, leergeräumten Bühne übergroße Kisten. Dahinter gehen die Tänzerinnen und Tänzer ihre Wege. Sie sind gebeugt, eine so kostbare, wie verletzliche Last schleppen sie in wassergefüllten Plastebeuteln auf ihren Nacken. Es sind eben jene Goldfische, die nach unseren Maßstäben so völlig ziellos durch ihre kleinen oder größeren Wasserwelten schwimmen, dabei mit schönster Eleganz vergnügt wirken. Könnten Goldfische fliegen, wären sie Schmetterlinge, und da Menschen weder im Wasser leben noch frei fliegen können, müssen sie mit ihren „Schmetterlingsdefekten“ leben.

Einer dieser munteren Fischlein, der so scheinbar völlig richtungslos durchs Leben schwimmt, wird für die Dauer der Vorstellung in seinem Glase mit dabei sein, immer sichtbar am linken Portal der Bühne. Am Ende bekommt er einen Gefährten, oder eine Gefährtin, ohne Ziel zu zweit, vergnügte Fische im Wasser.

Zwischen diesen Szenen des Beginns und des Finales gibt es einen rasanten und immer wieder humorvollen Tanz von drei Tänzerinnen und vier Tänzern mit den Kisten, gegen diese sperrigen Ungeheuer, auf und unter ihnen, verquer oder in temporären Symmetrien. Die Tänzer geraten zwischen die Kisten, fügen sie zu einem Unterschlupf der rasch in sich zusammenfällt. Das leblose Material wird zu Barrikaden, die doch dem Ansturm des lebendigen Tanzes nicht standhalten. Manchmal werden die Kisten zu beengenden Wänden einer Straßenschlucht. Die Tänzer versuchen vergeblich, den widersprechenden Richtungsanweisungen einer Stimme des Navigators zu folgen und sind in den Emotionen ihrer Bewegungen immer dann am lebendigsten, wenn der Zufall zwei, drei oder mehrere von ihnen zusammenfügt. Das sind die Augenblicke des schmetterlingsbeschwingten Glücks im Chaos, das sind die Anlässe für sehr zärtliche Begegnungen, von Blitzlichtern des Gelingens in einer eigentlich ganz normalen Abfolge des Scheiterns bei den alltäglichen Tänzen um die richtige Richtung im Lebenstanz. Dazu Musik aus der Ferne, die uns dazu recht fern ist, lyrische Folklore aus Schweden als weitere Metapher dafür, dass es die ungewöhnlichen und unerwarteten Signale sind, die unsere Wege bestimmen können. In etwas mehr als einer Stunde durchtanzt die Kompanie bei großer Präsenz und weit gespanntem Bewegungsrepertoire ihre Choreografie der Irrungen und Wirrungen zwischen den Kisten, gegen deren harte Materie sich doch die Kraft der verletzlichen, irrenden Körper tanzender Menschen behauptet.

Dan Pelleg und Marko E. Weigert tanzen selbst in ihrer Choreografie, die sie schon 2002 mit der Wee Dance Company in den Berliner Sophiensaelen herausgebracht haben. Jetzt, in neuer Bearbeitung, mit Simone Rabea Döring, Steffi Sembdner, Nora Hageneier, Rafael González Fresnedo und Niko von Harlekin, geben sie ihren Einstand als Tanzdirektoren des Gerhart Hauptmann-Theaters Görlitz-Zittau. Dieser Einstand kann sich sehen lassen und setzt einen wesentlichen Akzent für die weitere Entwicklung an Deutschlands östlichstem Tanztheater, dessen weiteren Arbeiten man gerne entgegensieht.

Nächste Aufführungen: 05., 11., 20.11. www.theater-goerlitz.de

Veröffentlicht am 31.10.2011, von Boris Michael Gruhl in Kritiken 2011/2012

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