KRITIKEN 2011/2012



Hamburg

WIEDERSEHEN MIT EINER LANGE ENTBEHRTEN

Wiederaufnahme von Mahlers Dritter Sinfonie beim Hamburg Ballett


  • Anna Laudere und Edvin Revazov Foto © Holger Badekow
  • Alexandre Riabko und Corps de Ballett (Männer) Foto © Holger Badekow
  • Silvia Azzoni und Alexandre Riabko Foto © Holger Badekow
  • Alexandre Riabko und Corps de Ballett (Männer) Foto © Holger Badekow

Volle sieben Jahre mussten die Hamburger warten, bis endlich eines der wichtigsten Werke des Hamburg Ballett wieder in voller Länge zu sehen war: die Dritte Sinfonie von Gustav Mahler, John Neumeiers erstes sinfonisches Werk, uraufgeführt 1975 und seither DAS Signaturwerk der Kompanie. Es wurde ein Wiedersehen voller Empathie und Hingabe an Musik und Tanz: Fast zwei Stunden lang (ohne Pause) vergaßen 1680 Menschen in der Hamburgischen Staatsoper fast vollständig das Husten! Und so konnte sich zwischen Bühne und Zuschauerraum eine Magie entfalten, wie sie nur entsteht, wenn großartige Tänzer sich voll und ganz hingeben, und wenn Musiker sich in den Dienst des Gesamtkunstwerks stellen. Markus Lehtinen dirigierte die Hamburger Philharmoniker mit großem Einfühlungsvermögen – er gestaltete sowohl die leisen wie die wuchtigen Stellen dieser voluminösen Sinfonie immer so, dass sie die Tänzer immer trug und nie erschlug, was ihnen die nötige Freiheit der Gestaltung ließ.

Und zu gestalten gibt es viel in diesem grandiosen Werk – wie immer bei Neumeier. Wie er im 1. Satz „Gestern“, der 45 Minuten dauert und ausschließlich von den Männern getanzt wird, seine Tänzer zu immer wieder neuen Bildern formiert, wie er den Einzelnen heraushebt und in die Gruppe integriert, wie er die Körper umeinander und ineinander schraubt, das ist einzigartige Choreografenkunst. Einmal mehr zeigt sich Neumeier hier als Meister der „großen Form“. Aber auch die stilleren Passagen sind von einer Innigkeit in der Bewegungssprache, die ihresgleichen sucht.

Wen soll man hervorheben aus dieser phantastischen Kompanie, die sich am Samstagabend in Höchstform präsentierte? Ganz sicher Alexandre Riabko, der die Solorolle des „Menschen“ mit der ihm eigenen Virtuosität, vor allem aber mit vollkommener Musikalität und Intensität tanzte (was kann er eigentlich nicht??). Ganz sicher auch Silvia Azzoni, die nach ihrer Babypause wieder auf die Bühne zurückgekehrt ist (vom Publikum aufs Herzlichste begrüßt). Sie verleiht ihrem Part im 5. („Engel“) und 6. Satz („Was mir die Liebe erzählt“) genau das richtige Maß an Heiterkeit und kindlicher Naivität, aber auch an Würde und Weisheit, an Individualität und Verschmelzen mit dem anderen, die diese Rolle erfordert. Welche Superlative soll man noch bemühen, um die Kunst dieser beiden Ausnahmetänzer zu beschreiben? Sie sind einzigartig –jeder für sich und beide zusammen.

Mayo Arii – erstmals solistisch eingesetzt – konnte im 2. Satz („Sommer“) ihre filigrane Anmut entfalten, sie hat diese spezielle schwerelose Grazie, gepaart mit einer inneren Zurücknahme, die jede Bewegung nur noch feiner macht. Dario Franconi ist ihr dabei leider ein gar zu teilnahmsloser Partner. Zuverlässig, präzise und sicher wie immer: Leslie Heylmann und Alexandr Trusch als zweites Solistenpaar.

Anna Laudere und Edvin Revazov tanzten ihren Solopart im 3. Satz („Herbst“) zwar schön und mit makelloser Linie, ließen aber die gerade für diesen Part so essentielle innere Beteiligung vermissen, vor allem Anna Laudere verströmte eher kühlen Hochmut als Bescheidenheit und Wärme. Das fällt umso mehr auf, als sie in den vergangenen Jahren erkennbar an sich gearbeitet und stilistisch enorm gewonnen hat. Aber innere Haltung lässt sich eben nicht antrainieren, die muss man tief in Herz und Seele empfinden, was sicher kein leichter, sondern eher ein schmerzlicher Prozess des Reifens ist.

Eine, die diese Reife schon seit längerem mehr und mehr erkennen lässt, ist Hélène Bouchet. Zusammen mit Thiago Bordin und Alexandre Riabko bestritt sie den Höhepunkt des Abends: den Pas de Trois „Nacht“, in den das Lied „Oh Mensch, gib Acht, was spricht die tiefe Mitternacht?“ nach einem Gedicht von Friedrich Nietzsche integriert ist. Neumeier hatte diesen Satz schon 1974 für Marcia Haydée, Richard Cragun und Egon Madsen und den kurz zuvor verstorbenen John Cranko choreografiert – er spiegelt die Situation, in der sich das Stuttgarter Ballett in dieser Zeit befand. Einsam und allein, verloren und orientierungslos bewegen sich alle drei Tänzer zu Beginn ohne Musik über die Bühne, um sich mit Einsatz des Orchesters und der Sängerin schließlich doch zu finden, sich gegenseitig zu stützen und zu halten, um am Schluss inniglich miteinander verbunden zu sein. Bouchet, Riabko und Bordin zeigen dabei ebenso große Tanz- wie Darstellungskunst.

Großer Jubel im ausverkauften Haus für John Neumeier und seine Tänzer, aber auch für Dirigent, Orchester und die Altistin Maria Radner.

Weitere Vorstellungen am 10. und 18. November 2011 sowie am 21. Juni 2012. Karten telefonisch unter 040-356868 oder im Internet unter www.staatsoper-hamburg.de

Veröffentlicht am 08.11.2011, von Annette Bopp in Kritiken 2011/2012

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