KRITIKEN 2011/2012



München

„THIS IS HOW YOU WILL DISAPPEAR“

Gisèle Vienne zu Gast bei Münchens SpielArt


Ein naturalistischer Wald zwischen sanftgoldenem Abenddämmer und hellgrauem Taganbruch, immer wieder von einem anderem Winkel lichtdurchflutet, immer wieder von Nebel-Wogen umschwebt, eingehüllt bis völlig aufgesogen – das ist Gisèle Viennes beeindruckende Szenographie, imgrunde der Protagonist ihres Stückes „This is how you will disappear“ („So wirst du verschwinden“). Die französisch-österreichische Regisseurin, Puppenbauerin und bildende Künstlerin Vienne und ihr hervorragendes Team, erstmals Gast bei Münchens SpielArt, wurde in der ausverkauften Muffathalle mit langanhaltendem Applaus bedacht.

Auf der Waldlichtung exerziert eine Athletin (Margrét Sara Gudjónsdóttir) in weißer Tunika nach Aufwärm-Übungen, mit jeweils kunstvoll ausgestellter Gymnasten-Startpose: Handstand, Rad- und Überschlag, durchgehend in der Obhut eines Trainers (Jonathan Capdeville). Danach dekonstruiert sie ihre vorigen Armführungen zu kantigen narionettenhaften Gesten, löst sie schließlich auf im allgemach hochwallenden Nebel. Eine Choreografin, wie sie auch tituliert wird, ist Gisèle Vienne deutlich erkennbar nicht. (Sie hat einmal mit Studenten des Brüsseler P.A.R.T.S.-Tanzstudios ein Stück erarbeitet). Aber im Rhythmus von Patrick Rious wechselndem Licht, im Tanz der von oben herabrieselnden, von unten hoch und bis hinein ins Parkett quellenden wolkigweißen Schwaden der 77jährigen Nebel-Künstlerin Fujiko Nakaya, umrauscht vom naturwispernden und orkanbrausenden (Elektro-)Klangkonzert des Duos O' Malley/Rehberg entstehen wunderschöne Bilder.

Rätselhaft jedoch die Figuren: ein später weinerlich durchs Gebüsch strauchelnder Mörder seiner Freundin in pompöser Rock-Montur (Jonathan Schatz); der wieder aufgetauchte, den Tauerkloß unvermittelt brutal malträtierende Trainer, der bald darauf mit überdimensionalem Bogen auf Vogeljagd geht; und nochmals die Turnerin, die jetzt piespig ihren Gymnasten-Ehrgeiz besingt. Solch spärliche Zeichen als Verhandlung von Ordnung und Chaos, Schönheitskult und Todesnähe hochdeuten, kann vielleicht ein Zapping-Zombie. Unsereins musste sich mit dem Programmheft behelfen.

Ist SpielArt noch aktuell? Multimediale Performances, Sample-Techniken, Privatheit, (Semi-)Dokumentarisches, Laien, ob Kinder oder Senioren, auf der Bühne – all diese vor Jahren experimentell gefundenen Formen hat das etablierte Theater längst übernommen. Dort nicht zu sehen ist jedoch zum Beispiel ein Toshiki Okada, der uns ein japanisches Lebensgefühl vermittelte, nicht das Mapa Teatro aus Bogotá. Die Kuratoren Tillmann Broszat und Gottfried Hattinger holen, zum Teil zumindest, die weite Theaterwelt nach München. Bei 26 Produktionen gibt es zwangsläufig solche, auf die SpielArt-Besucher der ersten Stunde verzichten können. Aber junge Zuschauer sind nachgewachsen. Und bei ihrem Andrang sind alle Vorstellungen ausverkauft.

Veröffentlicht am 02.12.2011, von Malve Gradinger in Kritiken 2011/2012

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