KRITIKEN 2011/2012



Berlin

DIE WELT ALS BILDSCHIRM UND WOHNZIMMER

Constanza Macras' neues Stück “Here/After” im Berliner HAU1


  • Ronni Maciel Foto © Dieter Hartwig
  • Miki Shoji Foto © Dieter Hartwig
  • Tatiana Eva Saphir & Fernanda Farah (v.l.n.r.) Foto © Dieter Hartwig
  • Miki Shoji Foto © Dieter Hartwig
  • Ronni Maciel (im Hintergrund) & Tatiana Eva Saphir Foto © Dieter Hartwig

Zitternd und verkrampft schleppt sich eine nackte junge Frau mit Handtasche über die Bühne. Immer panischer werden ihre Gesten. Körperlose Ängste brechen sich Bahn, führen zu sinnlosen Übersprungshandlungen. Fahrig kramt die Nackte Puder hervor und bestäubt damit ihr Gesäß und ihre Achselhöhlen. Auch wildes Tippen auf dem Handy und das verzweifelte Nachziehen des Lippenstifts verschaffen keine Erleichterung. Schließlich krümmt sich die junge Frau zu einem tierisch anmutenden Haufen am Boden zusammen.

Vorbei sind die Zeiten, in denen Constanza Macras ihre Performer als aufbegehrende Körper durch den Stadtraum jagte und sie wütend im Müll der Zivilisation wühlen ließ. Das Schlachtfeld von Macras neuestem Stück “Here/After” ist das Wohnzimmer. Hierhin haben sich die verängstigten, von Panikattacken heimgesuchten Großstädter zurückgezogen und kommunizieren mit der Welt (und oft auch mit sich selbst) nurmehr per Computer.

Nachdem Janaina Pessoa in einer Art Prolog eindrucksvoll das Phänomen der Agoraphobie demonstriert hat, finden wir uns mit Tatiana Saphir und Fernanda Farah auf dem Sofa wieder. Die beiden Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs haben sich aus dem öffentlichen Raum ausgeklinkt und beschränken ihre Außenkontakte auf Chats, Bestellungen bei Amazon und gelegentliche Techtelmechtel mit dem Pizza-Boten. Anstatt sich mit den Leben draußen auseinanderzusetzen, probieren sie Unterwäsche an, imitieren Filmdiven und phantasieren sich mögliche Lebensentwürfe zusammen. Während die Couch der beiden Protagonistinnen auf einem drehbaren Podest platziert ist, sind in einer Plexiglasbox, die an die Schöpfungen Bert Neumanns für den Castorf der Dostojewski-Ära erinnert, ein Performerduo (Miki Shoji und Ronni Maciel) und ein Musiker (Santiago Blaum) zu Gange. Zwar berühren sich diese beiden Welten gelegentlich – vor allem in einer mindestens 10-minütigen Sequenz, in der alle Akteure dieselben Handlungen loopartig wiederholen, doch ist die Isolation der beiden Frauen offenkundig.

“Here/After” ist eine für Macras-Verhältnisse geradezu konzentrierte Arbeit. Anstatt das Geschehen in ein Chaos vielfach paralleler Aktionen zerfasern zu lassen, wie zum Beispiel in “Megalopolis”, sind hier Bilder und Situationen meist klar strukturiert. Auch die Reduktion auf ein Figurenarsenal von sechs Akteuren tut der Arbeit gut. Was “Here/After” im Gegensatz zu früheren Werken jedoch fehlt, ist die Mischung aus Penetranz, Verletzlichkeit, Sexyness und heulendem Elend, die selbst weniger geglückte Macras-Stücke zumindest streckenweise anrührend und faszinierend machten. Bis auf wenige Momente ist die Stimmung des Abends durchgehend elegisch und fast depressiv. Immer wieder hat man das Gefühl, es sich gerade selbst mit den beiden Hauptakteurinnen auf der Couch bequem gemacht zu haben und gemeinsam ins Leere zu starren. Stillstand und Selbstbezogenheit sind die beiden Stichworte des Abends. Obwohl zweimal ein sympathischer Japaner per Skype direkt aus Tokio zugeschaltet wird und Miki Shoji bedrückend über die genetischen Auswirkungen der Atomkatastrophe von Fukushima nachdenkt, bleibt die Grundstimmung autistisch.

Mitdreißiger, die ihr Leben hauptsächlich auf Facebook und per Youtube führen und die bei aller Informiertheit hilflos und paranoid um sich selbst kreisen, scheint die Choreografin hier zu porträtieren. An Stelle des physischen Mülls aus Konsumschrott, den die Akteure sonst herumwirbeln, ist geistiger, emotionaler Müll getreten. In ihrem ängstlichen Kontrollwillen haben die beiden Heldinnen den Bezug zu ihren Körpern verloren und schweben ziellos durch ein Universum kultureller Referenzen. Filmszenen, Popsongs, Horrorphantasien vom eigenen Tod werden ständig wild assoziierend miteinander in Beziehung gesetzt.

Als ganz am Ende auch die Videowand und der himmelblaue Bühnenhintergrund verschwinden und sich das Bühnenbild mit allen Akteuren vor der nackten Brandmauer des Hebbel Theaters um sich selbst dreht, ist dies ein starkes Bild. Selbstbezogen, traurig – und auch irgendwie schön. Zwar mag “Here/After” nicht das beste aller Macras-Stücke sein, doch ist es eines der leisesten. Vielleicht kündigt die Reduktion und Ruhe der Inszenierung eine neue Reife an? Man darf gespannt sein.

Veröffentlicht am 05.12.2011, von Frank Weigand in Kritiken 2011/2012

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