KRITIKEN 2011/2012



Nürnberg

DER NUSSKNACKER IN UNS SELBST

In Nürnberg fordert Goyo Montero mit einer Neuinterpretation des „Nussknacker“-Stoffes heraus


  • Ballett des Staatstheater Nürnberg Foto © Jesús Vallinas

Nein, Harmonie herrscht in dieser Familie nicht. Eher Unordnung und Hysterie. Oder eine massive Entfremdung. Los ging es schon mit der Geburt. Wenige Körpergesten im scharfen Lichtspot machen klar, dass hier ein kraftvoller, willensstarker und machtaffiner Mensch in die Welt gekommen ist. Durchgebogener Rücken, gespreizte Finger, Zupackendes in der Bewegung, gepaart mit Fauchen, sobald sich die überforderten Eltern nähern. Star Wars auf der Ballettbühne, der Beginn eines Horrortrips in die menschlichen Abgründe. Identifikation mit dem, was ich wahrnehme? Eher das Gegenteil. Der Rücken drückt noch tiefer in den Sitz. Live dazu: Die Staatsphilharmonie unter Philipp Pointner und der hier unheimlich klingende Jugendchor des Lehrergesangsvereins. Die überdimensionale lila Schleife auf dem Kopf des Mädchens nervt ebenso schnell wie die Atmosphäre angespannt und erregt ist. Auch das kennt man. Das Kind als Tyrann überforderter Eltern. Es rennt über die Tische der Abendgesellschaft und die Mutter verheddert sich in dem förmlich spürbaren Geschrei. Herrlich. Darüber gibt es auch Ratgeber.

Fast hundertzwanzig Jahre hat es also seit der Uraufführung am Mariinski-Theater in Sankt Petersburg gedauert, bis Klara aus „Nussknacker“ ekelhaft werden und in der Wirklichkeit ankommen durfte. Und fünf Jahre sind seit Marco Goeckes nachttraumschwarzem „Nussknacker“ beim Stuttgarter Ballett vergangen, bis die Ballettwelt ausgerechnet in Nürnberg, nach E.T.A. Hoffmanns Erzählung die Stadt des Arkanisten Drosselmeier, eine inhaltliche Neuinterpretation des traditionellen Stoffes erhält, über die sich ernsthaft nachzudenken lohnt. Was Goecke auf der Ebene des Körpers und der Bewegung an Innovation geschafft hat, gelingt dem Ballettpsychologen Montero im Inszenatorischen. Damit befindet er sich in der geradlinigen Nachfolge der Balletterzähler Cranko und Neumeier. So könnte man ihn einordnen, wenn man Lust dazu hätte. Innerhalb seines erfolgreichen Langzeitprojektes, das publikumsattraktive Format des Handlungsballetts herauszufordern, ist der Nürnberger Ballettchef dabei so weit wie noch nie gegangen. Angekündigt hatte sich das schon mit der Uraufführung „Treibhaus“ im Sommer, einer wütenden Bildschöpfung, die auf dem Theater als melancholischer Metapher für die Illusion des Lebens aufbaut.

So wagte er sich in seinem jetzt offenbarten „Nussknacker“ viel weiter vor ins Darstellerische von Handlung als in seinen früheren Abendfüllern. Der Tanz erhielt dadurch einen diskreteren Platz, ohne an Qualität zu verlieren. Geblieben ist der postmodern-ironische Zugriff, was sich in einer großen Spielfreude beim Erfinden mächtig gruseliger Bilder zeigte, sowie das Prinzip der Reihung und Vermassung von Bewegung in gleichzeitig aktiven Bewegungszentren auf der Bühne. Darüber hinaus jedoch, und das ist das denkwürdige der Inszenierung, benutzte Montero das Nussknacker-Artefakt als Folie, um eine nahezu spirituelle Parabel auf das Leben als Mensch und dessen tiefen Erkenntnismöglichkeiten tanzen zu lassen. Das ist mutig, weil, nichts, aber auch gar nichts in diesem erstklassig ausgestatteten Ballett einem Kompromiss geschuldet schien oder im herkömmlichen Sinne anrührte.

So mischte Klara, mit großer Präsenz von Mariana Miguélez interpretiert, alle auf und hatte doch dem vorgeschriebenen Lauf der Dinge zu folgen. Montero zeigte sie mehrfach als Getriebene der Geschichte: jener Familienfehde zwischen den Mäusen und den Menschen der Vorgängergenerationen und der Nussknacker-Erzählung im Allgemeinen. Der Abend startete daher, Vorhang auf, als groteskes Spiel im Spiel. Die Tänzer tragen Puppenköpfe, Kostüme, die wie Puppenkleider wirken, und sie bewegen sich wie Automaten. Dargestellt wird die Vorgeschichte der Prinzessin Pirlipat, die von der Mutter des Mäusekönigs in ein hässliches Geschöpf verwandelt und von Drosselmeier erlöst werden sollte. Bevor sie vertrieben werden konnte, verwandelte Frau Mauserinks Drosselmeiers Neffen noch schnell in den Nussknacker und gebar den vielköpfigen schrecklichen Mäusekönig, den Montero wenig später in einer irren Raumkonstruktion tatsächlich auf der Bühne kurven ließ. Kasperletheater für Erwachsene. Neben dem dunklen Spaß aber machte Klara entscheidend zur Lehrfigur für das grundsätzliche Verstricktsein des menschlichen Seins in die Dualität von Gute und Böse. Wie in seinen kraftvollen und aussagestarken Abendfüllern „Romeo und Julia“ oder „Dornröschen“ arbeitete Montero auch in „Der Nussknacker“ mit einer Art allwissenden Erzählerfigur, hier Drosselmeier, verkörpert von der fabelhaft dramatischen und deswegen kürzlich mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichneten Jaione Zabala. Ihr folgt Klara wie eine Schülerin ihrem Meister, der ihr nach und nach die Augen öffnet, sie gleichsam hinter und in die Spiegelungen sehen lässt.

Am Ende sitzen die Tänzer paarweise an der Bühnenrampe gegenüber, wischen sich gegenseitig behutsam weiße Farbe aus dem Gesicht, während Klara Hans lieben darf, weil sie sich selbst in einem anstrengenden und alles Ich verlierenden Prozess angenommen hat. Der Clou kommt zum Schluss: Zabala tritt aus der Rolle heraus, entledigt sich der Kleider und lässt sich als sterbender Jesus in die Arme des Ensembles fallen, das als Symbol für die Menschheit alles Leiden mitträgt. Fassungslos applaudierte man lange dem leuchtenden Stück hinterher.

Veröffentlicht am 13.12.2011, von Alexandra Karabelas in Kritiken 2011/2012

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