KRITIKEN 2011/2012



Hamburg

ENDLICH HAT JOHN NEUMEIER EINE JUNIORCOMPAGNIE

Bundesjugendballett – Brückenbauer zwischen Ausbildung und Beruf


John Neumeier freute sich fast wie ein Kind am Weihnachtsabend: sein Wunschtraum von einer Juniorcompagnie ist endlich in Erfüllung gegangen. „Ein ganz besonderer Abend“ sei dies für ihn, strahlte er Montag im Hamburger „Ernst Deutsch Theater“ vor Beginn des ersten öffentlichen Auftritts der acht „Youngsters“ mit einem abendfüllenden Programm.

Wie’s gelegentlich passiert mit dem „Traumvehikel“: Form, Farbe oder Größe sind in der Realität ein bisschen anders. Nun ist es eben (vorerst jedenfalls) − anders als NDT II in Den Haag und New Yorks ABT II oder das „Junior Ballett“ am Opernhaus Zürich − keine „Juniorcompagnie des Hamburg Ballett“, sondern ein „Bundesjugendballett“. Als „Brückenbauer zwischen Ausbildung und Beruf“ ist es ein Pilotprojekt, „das für ganz Deutschland von Nutzen und Bedeutung ist“, angelegt auf vier Jahre und aus Kulturmitteln des Bundes mit insgesamt 2.8 Millionen € (von kalkulierten 3 340 000 € Gesamtkosten) finanziell unterstützt. Weil die Stadt Hamburg dem beharrlichen Drängen ihres Ehrenbürgers jahrelang nicht nachgab, machte sich ein hanseatischer Bundestagsabgeordneter in Berlin für die Idee stark. Immerhin übernahm die Stadt die 50 000 € einmaliger Investitionskosten. Projektträger ist die „Hamburgische Staatsoper GmbH – Hamburg-Ballett“ mit John Neumeier und dem geschäftsführenden Staatsoperndirektor Detlef Meierjohann als Geschäftsführern und Kulturmanager Lukas Onken als Organisator. Im „Ballettzentrum John Neumeier“ lebt die acht-köpfige Kompanie und arbeitet dort mit den Ex-Solisten des Hamburg-Balletts, Kevin Haigen als Künstlerischem Leiter und seinem Stellvertreter Yohan Stegli, sowie Gastlehrern und -choreografen.

Für die Auditions in Hamburg bewerben konnte sich jeder junge Tänzer (beiderlei Geschlechts selbstverständlich) aus aller Welt im Alter zwischen 18 und 23 Jahren mit abgeschlossener professioneller Tanzausbildung. Rund 100 Kandidaten waren geladen, acht 19- und 20-Jährige aus sieben Nationen machten das Rennen, vier von ihnen aus der Hamburger Ballettschule, eine aus Mannheim, die übrigen direkt aus ihren Heimatländern engagiert. Klassisches Ballett, Choreografie und Improvisation waren verlangt, um Technik und Kreativität zu testen. Zwei Jahre lang sollen sie Ballett aus allen Perspektiven erfahren, ohne aufwendigen Apparat selbst Hand anlegen in allen Bereichen, um fit zu werden für ein Engagement in einer großen Kompanie. Zwei Jahre dauert diese „Lehrzeit“ mit Auftritten in Hamburger Seniorenheimen, Schulen, einem Hotel und einem Gefängnis, dazu Engagements in diesem Jahr u.a. in Heidelberg, Esslingen und Berlin. Montagabend stellte sich die junge Truppe im ausverkauften Hamburger „Ernst Deutsch Theater“ mit „Im Aufschwung“ öffentlich vor und ihre vielseitigen Talente mit teilweise charismatischer und sympathischer Ausstrahlung ins beste Licht. Allerdings spielte ihnen gleich der „Alltag“ von Tänzern übel mit: die Brasilianerin Winnie Dias musste wegen einer Fußverletzung passen und wurde von zwei Elevinnen der Hamburger Ballettschule und einer Aspirantin beim Hamburg Ballett durchaus würdig ersetzt.

Streng klassisch der Auftakt: ein Pas de six aus August Bournonvilles „Napoli“, sehr charmant, technisch sauber (das Solo vom dritten Mann, Patrick Eberts!) und brav getanzt… bis die blonde, zierliche Amerikanerin Natalie Ogonek plötzlich das Röckchen kokett lüpfte, die Hüften kess schwang und schelmisch feurige Blicke durch den Raum schickte. Da fielen die ersten Barrieren. Und dann erst Stacey Denham’s „Dance to the Rhythm of Life“! Ganz sie selbst durften die jungen Künstler nun sein in der Video-Lifetanz-Montage, wie sie gern zur persönlichen Vorstellung einer Truppe einstudiert wird – zur offensichtlichen Gaudi der Beteiligten, aber auch der Zuschauer. Als schlaksiger Spaßmacher und Streetdancer gab sich der Schweizer Lockenkopf Maurus Gauthier, wie einem Bild von Keith Haring entsprungen der Holländer Daan van den Akker im Profilsprung, als herrlich selbstironischer Geck der Kanadier Graeme Fuhrman und toller Stepper Patrick Eberts. Die Filmszenen zeigten die Acht in Nahaufnahme im Ballettsaal, dann stellten sich alle selbst kurz vor – mit Witz und ganz viel Gefühl: „Tanz ist Freude am Leben“ – „Tanz ist, seine innersten Gefühle zu zeigen“ – „Meine Mama hat gesagt: erst richtig klassisch tanzen lernen, dann kannst du noch immer Stepptänzer werden“. Komisch verknoten und wie Gummipuppen verrenken mussten sie sich schließlich in Natalia Horecnas „Dressed up in Tissue Paper“ – einer makabren Geschichte nackter Puppen, die sich in Papierkleidern menschlich fühlen, aber doch nur lebendig auf Zeit sind. Überragend hier einmal mehr die Japanerin Yukino Takaura.

Eigenständigster Teil des Programms war die im November 2011 im Hamburger Rathaus uraufgeführte Gemeinschaftschoreografie von Patrick Eberts, Gabriela Finardi und Yukino Takaura „Pogromnacht/Requiem“ – ein naturgemäß sehr ernstes, dreiteiliges Stück gegen das Vergessen mit sehr eindringlich fragenden Texten zum zeitgenössischen Tanz. Die Feuertaufe haben diese jungen Künstler jedenfalls glänzend überstanden.

www.bundesjugendballett.de

Veröffentlicht am 18.01.2012, von Marieluise Jeitschko in Kritiken 2011/2012

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