KRITIKEN 2011/2012



Hellerau

HEIßER TANZ FÜR KALTE TAGE

Mit Bruno Beltrão / Grupo de Rua „H3“wird das Tanzjahr in Hellerau furios eröffnet


  • "H3" von Bruno Beltrão / Grupo de Rua. Fotos Foto © Klaus Gigga.
  • "H3" von Bruno Beltrão / Grupo de Rua. Fotos Foto © Klaus Gigga.

Der große Saal des Festspielhauses ist besetzt bis auf den letzten Platz. Wenn es ruhig geworden ist vernehmen wir entfernte Fetzen von Straßengeräuschen. Nacheinander begeben sich je zwei Tänzer in einen schmal ausgeleuchteten Streifen der Bühne ganz nahe am Publikum.

Nein, keine wilde, sich überschlagende Breakdance-Show. Und doch es sind die Elemente, die Motive, die Bewegungen jener existenziellen Tänze, zu denen die zur Musik gewordenen Klänge von den fernen Straßen gehören. Nur werden sie in ihre Einzelteile zerlegt aber dabei keine Spur von belehrender Demonstration. Durch extreme Verlangsamungen gehen die Bewegungen über in Formen und Formate des modernen Tanzes, um aber gleich wieder ganz kräftig, ganz feinsinnig, mit kleineren oder größeren Veränderungen jeder möglichen Art, der Ein- oder Zuordnung entgegen zu tanzen. Wir erleben in mehreren Zweiervarianten eine Vielzahl von Abbildern nonverbaler Kommunikation, Kämpfe, Konkurrenz und immer wieder große Zärtlichkeit, die sich auf den Partner bezieht oder auf den eigenen Körper.

Neun Tänzer, eine Tänzerin und eine Stunde Abenteuer, der Humor kommt nicht zu kurz. Manche Elemente des Breakdance wandeln sich zu Pirouetten ganz ungewohnter Art. Wir sehen Sprungvarianten aus dem Stand und haben doch nicht das Gefühl einer Artistenshow beizuwohnen. Ein Hauptmotiv des Abends ist der rasante Rückwärtslauf bei dem alle Tänzer und die Tänzerin ganz individuell gewohnte Tanzvorstellungen auf den Kopf stellen. Das Ganze ist nicht frei von spielerischen, gruppendynamischen Elementen, wenn etwa jeweils zwei Tänzer einen anderen in das von einer Leuchtschnur begrenzte Spielfeld werfen und darin rasante Rückwärtsläufe das Publikum staunen lassen.

Und doch geschieht mehr an diesem Abend, als dass man lediglich Geschicklichkeit, Kraft und Können bewundern könnte. Es liegt auch ein besonderer Zauber über diesem Tanz, der geht von den so ganz unterschiedlich in ihrer individuellen Präsenz wirkenden Protagonisten aus. Nicht zu vergessen die hinzugefügten Elemente des brasilianischen Capoeira. Es lässt sich auch nicht immer erkennen, was gerade aus der Tradition des Breakdance kommt, aus dem Hip-Hop, wir sind ja auch nicht zu einer Tanzstunde geladen, sondern doch zu einem Tanztheater der besonderen Art, das sich seine Motive und tänzerischen Elemente aus unterschiedlichen Quellen holt und damit die Straße in den Ballettsaal und diesen auf die Straße bringt.

Erstaunlich, wie viele hochsensible, lyrische Passagen dieser Abend hat, wie oft die minimale Bewegung einzelner Finger dessen Größe ausmacht. Und alles mündet in ein faszinierendes Schlussbild, wenn die ganze Kompanie in einer Reihe rückwärts auf uns zu kommt, alle sich ganz tief nach hinten beugen, und wir nicht unterschieden können, wer hier eigentlich kopfsteht.

Und wer sich doch einen wilden Abend à la Breakedance Show pur erhofft hatte kam auch noch voll auf seine Kosten, wenn nämlich zum Schlussapplaus sich alle zehn Mitglieder der Kompanie mit je einer Variante dieser atemberaubenden Kunst präsentierten.

Veröffentlicht am 29.01.2012, von Boris Michael Gruhl in Kritiken 2011/2012

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