KRITIKEN 2011/2012



Pforzheim

SPIEL MIR DAS LIED DER ERLÖSUNG

Boléro-Extase: Tanzstück von James Sutherland am Theater Pforzheim


  • „Boléro-Extase“ Foto © Sabine Haymann
  • „Boléro-Extase“ Foto © Sabine Haymann

Kleines Ensemble, großes Thema, nachhaltige Wirkung – auf diesen Nenner kann man den jüngsten Abend des Pforzheimer Balletts bringen, den James Sutherland unter den Titel „Boléro-Extase“ stellt. Ist die Ekstase anderen Kulturen und Religionen heilig, gehört sie zu den Verdrängungsleistungen unserer Kultur. Intuition versus Intellekt, entfesselte Energie versus Körperbeherrschung und Triebkontrolle ist das Thema Ekstase mit Angst besetzt, meist Psychologen und Religionswissenschaftlern vorbehalten. Respekt also vor den Ekstase-Relikten, die der Pforzheimer Tanzchef in christlicher Mystik (Therese von Avila), Psychoanalyse (Sigmund Freud) und Philosophie (Friedrich Nietzsche) aufstöbert, um mit seinem neunköpfigen Ensemble den Zustand „geballter Emotionalität und völliger Hingabe“ so Sutherland, unter die Lupe zu nehmen.

In sechs Etappen folgt die Inszenierung dem Sog der Musik. Beginnend mit „Shaking and Trembling“ (aus „Shaker Loops“) von John Adams (1947) über Barockarien von Porpora (1686 - 1768) und Vivaldi (1655–1736) sowie dem 3. Satz aus Ralph V. Williams‘ (1872-1958) 5. Sinfonie bis zu Henryk M. Góreckis (1933-2010) „Kleines Requiem für eine Polka“ erstreckt sich der Spannungsbogen selten gehörter Stücke, um in Ravels (1875-1937) rauschhafter Apotheose zu kulminieren.

Momentaufnahmen einer selbstverschuldeten Unmündigkeit, wiederholen sich Abläufe, wuseln und exponieren sich die Tänzer, jeder für sich, umgeben von einem dunklen Raum, in Parallelaktionen. Sie verschwinden hinter einem schwarzen Quadrat, tauchen in neuen Konstellationen wieder auf bis sich unter ihnen eine Stimme erhebt. Wunderbar in den choreografischen Ablauf integriert ist der Countertenor Daniel Langer. Sein kristalliner Gesang berührt Tänzer wie Publikum. Mit dem Wunsch die eigene Egozentrik zu überwinden, gehen Ängste einher, aus dem Bewegungsfluss ergeben sich Paare und Trios, die sich jedoch nie berühren. Langsam heben sich die Wände, überwältigt von der Größe des offenen Raums beginnt im Licht der neu gewonnen Freiheit zu den schroffen Brüchen in Góreckis Requiem der Rückblick auf ein viel zu kurzes Leben, leidenschaftlich als junges Paar, abgeklärt als altes Paar, reflektiert in einem Spiegelquadrat, das schräg über der Bühne schwebt.

Sutherland und seinen Tänzern gelingt in „Boléro-Extase“ die Balance zwischen konkreter Aussage und abstrakter Geste, zwischen ballettbasierter Formsprache und pulsierendem Energiefluss, zwischen erotischer Kraft und meditativer Haltung - nicht zuletzt dank des kongenialen Partners, der Badischen Philharmonie Pforzheim - samt Schlagzeugerin, die den absoluten Mörderpart unter dem Dirigat von Tobias Leppert grandios meistert. Im Finale verschmelzen Tanz, Klang und Licht zu einem kurzen, überwältigenden Höhepunkt. „Fantastisch!“. „Hervorragend!“ und „Einfach toll!“ so die Besucher. Und spannend wie ein Italowestern, nicht von ungefähr hat Ennio Morricone für die Titelmusik von „Il Mercenario“ (Der Gefürchtete) den Rhythmus des Boléro entlehnt.

Veröffentlicht am 12.02.2012, von Leonore Welzin in Kritiken 2011/2012

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