KRITIKEN 2011/2012



Hagen

GROßARTIGE TANZMINIATUREN

„balletthagen“ macht Staunen bei Ricardo Fernandos „Bach tanzt“


  • Marcelo Moraes, Lara Lioi in Ricardo Fernandos "Bach tanzt" © ©theaterhagen | Foto Kühle
  • Das Ensemble des balletthagen in Ricardo Fernandos "Bach tanzt" © ©theaterhagen | Foto Kühle

Donnerwetter! Beim neuen Hagener Ballettabend gehen einem die Augen über, stockt der Atem, jauchzt das Herz! Ricardo Fernando und seine 15-köpfige Truppe wagen immer mehr und wachsen, so scheint’s, immer höher über sich selbst hinaus. Zum Erfolgsrezept des erfahrenen Brasilianers gehören eine gehörige Portion choreografische Unerschrockenheit, Originalität, gesunder Realismus und nicht selten ein Augenzwinkern. Furcht vor großen Namen – Fehlanzeige. Ob Mozart, Bach oder Strawinsky – Fernando verblüfft mit Choreografien auf Meisterwerke der Musik, die völlig authentisch und unverkrampft, maßgeschneidert für seine Tänzer, auf die exakt 100-jährige Bühne des Theaters in der kleinen Industrie- und Kunststadt am Rande des Reviers kommen. Das Publikum wächst mit und dankt seinem „balletthagen“ mit Ovationen.

Nun also tanzt Bach. Nein, „Bach tanzt“ ist kein allzu glücklicher Titel. Denn de facto „vertanzt“ natürlich die Kompanie Solowerke des barocken Musikanten. Repetitorin Ana-Maria Dafova (Klavier) und junge Gäste (Cello und Geige) wahren die delikate Balance zwischen Begleitung und konzertanter Interpretation bewundernswert. Eine raffinierte Lösung findet Fernando für die „Goldberg-Variationen“. Seine „Tanzminiaturen“ verlegt er in den Ballettsaal mit zwei mobilen achtteiligen Spiegelwänden und Stangen in reizvoll wechselnder Formation und Beleuchtung (Bühne: Peer Palmowski, Licht: Ernst Schießl). Zwischen den technisch anspruchsvollen Sequenzen und Posen (auf Spitze!) werden Videos von Füßen, Händen und Gesichtern der Tänzer auf die Gazevorhänge projiziert (Video: Volker Köster).

Optisch futuristisch, choreografisch aber ähnlich neoklassisch (in Schläppchen auf Halbspitze) begeistert, die zweite Gruppenchoreografie, „Sonate für drei“, auf Ausschnitte aus dem "Musikalischen Opfer". Dazwischen stehen – entsprechend den Musikstücken für Solostreicher – zwei Kammertänze mit kleinerer Besetzung. In „Danse des Hommes“ spielt Kaori Yamagami (alternierend mit Matias de Oilivreira Pinto) auf einem Stufenaufbau in der Bühnenmitte Sätze aus zwei Cello-Solosuiten. Die sechs Männer wachsen im Halbdunkel aus Würfeln, umspielen die Klötze und recken sich auf den Sockeln wie Denkmale. Duktus und die langen schwarzen Röcke zu den nackten Oberkörpern sind eine eindeutige, aber wohl legitime Referenz an Jíři Kylián. Von Mats Eks kleinem Ehealltagsdrama „Aluminum“ und Maurice Béjarts „Stühlen“ inspiriert ist schließlich „Ciaccona“ auf den berühmtesten Satz für Solovioline aus der 2. Suite (Solist: Fédor Roudine, alternierend mit Mayu Kishima). Hier kann sich noch einmal der auffälligste Neuzugang der Truppe, die Italo-Brasilianerin Lara Lioi, profilieren. Was für eine grandiose Ausstrahlung, welche dynamische Darstellungskraft und rasante Technik! Partner Huy Tien Tran überzeugt neben ihr anrührend mit verhaltener Verletzlichkeit. Es ließen sich andere Tänzer und Tänzerinnen auch hervorheben, etwa die fröhliche Yoko Furihata oder Andre Baeta. Aber alle zusammen machen Ricardo Fernandos reifes, technisch vorzügliches, homogenes Ensemble aus, das eine wirkliche Bereicherung der NRW-Tanzszene bildet.

www.theater.hagen.de

Veröffentlicht am 27.02.2012, von Marieluise Jeitschko in Kritiken 2011/2012

Dieser Artikel wurde 2431 mal angesehen.



Kommentare zu "Großartige Tanzminiaturen"



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

LEUTE AKTUELL


ARBEITEN WIE EIN KRAFTWERK

Goyo Montero im Gespräch
Veröffentlicht am 01.12.2017, von Alexandra Karabelas


"TANZ DER MENSCHLICHKEIT"

Nestroy Spezialpreis für Doris Uhlich und Michael Turinsky mit "Ravemachine"
Veröffentlicht am 17.11.2017, von Pressetext


JÖRG WEINÖHL VERLÄSST DIE OPER GRAZ

Der Ballettdirektor wird seinen Vertrag nicht verlängern
Veröffentlicht am 13.11.2017, von Pressetext



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



MARIA HASSABI. STAGING: SOLO #2 (2017)

Die Künstlerin und Choreographin Maria Hassabi gastiert vom 09.12.2017 – 21.01.2018 mit ihrer Live Installation „STAGING: Solo #2" in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Grabbe Halle)

Das Projekt ist Auftakt einer geplanten Performancereihe der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen.

Veröffentlicht am 08.12.2017, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

„Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

MEISTGELESEN (30 TAGE)


DIE SIEBEN TODSÜNDEN

Das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch präsentiert im Januar 2018 eine Neueinstudierung des zweiteiligen Brecht/Weill-Abends von Pina Bausch „Die sieben Todsünden“.

Veröffentlicht am 25.11.2017, von Anzeige


AUFBRUCHSTIMMUNG BEI DER HEINZ-BOSL-STIFTUNG

Ballettmatinee im Nationaltheater München

Veröffentlicht am 21.11.2017, von Sabine Kippenberg


ACCESS TO DANCE



Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


KREISLAUF DES LEIDS

Lulu Obermayer bringt mit „Manon Lescaut“ eine unglaublich starke und pointierte Performance an die Kammerspiele München.

Veröffentlicht am 28.11.2017, von Natalie Broschat



BEI UNS IM SHOP