KRITIKEN 2011/2012



Halle

LEBENSFADEN

"the rest of me". Ein Solo von und mit Toula Limnaios


  • Toula Limnaios´neues Solo "the rest of me" Foto © Dieter Hartwig
  • Toula Limnaios´neues Solo "the rest of me" Foto © Dieter Hartwig
  • Toula Limnaios´neues Solo "the rest of me" Foto © Dieter Hartwig
  • Toula Limnaios´neues Solo "the rest of me" Foto © Dieter Hartwig

Die Anfangsszene atmet mythische Kraft. Ein hoher karger Lichtraum: vorn rechts sitzt eine weißgewandete Frau, unbeweglich. Durch die linke Hand läuft ein langer Faden vom Knäul am Boden und hüllt ihren Kopf rot ein. Die statuenhafte Erstarrung dieser griechischen Schicksalsgottheit fesselt den Blick, während auf der hinteren Wand im Video eine Frau in unendlichen Anläufen auf einem Waldweg auf den Betrachter zu rennt. Sehr behutsam und im rhythmischen Wechsel beginnt die Moira den Faden vom Kopf zu wickeln, ungläubig zweifelnd hält sie ihn zwischen den sprechenden Händen, die nicht zu glauben scheinen, dass er immer länger wird und so viel Lebenszeit in ihm gespeichert ist. Die Statue entpuppt sich. Es ist Toula Limnaios, die ihren eigenen Lebensfaden diagonal durch den Raum legt. In fragmentierten Bildern beginnt ihr innerer Monolog mit der gelebten Zeit.

Klein, so zerbrechlich wie energiegeladen, die langen Haare offen – Toula Limnaios liefert sich ganzkörperlich aus. Selbstbefragung ohne direkte biografische Bezüge. Sie steht damit in der hundertjährigen Tradition der Moderne (Isodora Duncan, Mary Wigman, Gret Palucca, Kurt Jooss, Valeska Gert, Dore Hoyer und andere), die das Tanz-Solo als eigenständige tanzkünstlerische Ausdrucksform in Verbindung zu den gesellschaftlichen und ästhetischen Umbrüchen erprobte und als existenzieller Erfahrungsausdruck der eigenen Individualität etablierte. Virginia Woolf sprach von den ´verschiedenen Selbsten´, die jeder Mensch in sich trägt. Auch Toula Limnaios´ neue Soloarbeit untersucht die eigene komplexe Befindlichkeit, das Ringen um das Eigene und die Permanenz der Zerstörungen in der Innen- und Außenwelt, die in ihrem Körper eingegraben sind. „the rest of me“ gibt Einblicke in Tabuzonen, die den Zuschauer bewusst zum Betrachter machen. Anfangs trägt Toula Limnaios einen Riesenranzen, der sie immer wieder rücklinks zu Boden reißt. Später tritt sie in superhohe heels und übt perfekte Tango-Posen mit geballten Fäusten, zwingt sich zur Ruhe, doch der Körper gehorcht nicht, Gliedmaßen verkannten, ihr bebender Handrücken streicht über den Leib. Sie tanzt barfuß repetierende Passagen auf Zehenspitzen, zelebriert demütige Verbeugungen mit ruckartig geöffneten Armen. Sie streicht sich wieder und wieder über den Kopf, als würde er bersten. Einmal steht sie ganz nah frontal zu den Zuschauern und prustet clownesk lächelnd Haarsträhnen aus dem Gesicht. An der Grenze zum Irrsein kippt sie weißen Puder ins Haar, verhüllt ihr Antlitz und rennt (korrespondierend mit ihren Videobildern in der U-Bahn, im kahlen Birkenwald, von abgasverpesteten Wolkenballungen und Giftfässern) bis zur Erschöpfung; Toula Limnaios´ Suche ist auch eine Flucht.

„the rest of me“ lebt in den Bruchstücken aus Tanz, sinnstiftenden Videosequenzen (cyan) und der multiplen Musiksprache von Ralf R. Ollertz, der hier die Risse, Brüche, vertikalen Zeitschienen durch chorische Vokalisen, Liedmotive über hämmernden ostinaten Schlägen eindringlich verdichtet. Toula Limnaios tritt erhaben, erschüttert und erschütternd, kraftvoll, grotesk, kindlich, schutzlos und schutzsuchend in den Dialog mit sich selbst und ihren Zuschauern. Fokussiert auf ihre Künstlerpersönlichkeit als Choreografin und Tänzerin in Personalunion, trägt und prägt sie diesen Abend mit ihrem Körper. Ihr neues Tanzsolo „the rest of me“ ist eine konzentrierte einstündige Suche nach dem Eigenen in der fortschreitenden Zersplitterung der Existenz. Der Ausgang ist offen, denn der Lebensfaden der jetzt 48jährigen Griechin ist erst zur Hälfte gesponnen.

In der finalen Transzendenz scheint Toula Limnaios in überirdisch langsamem Gehen wie eine Karyatide der Ewigkeit verhaftet ehe sie als winziges Schattenbild verlischt und Vogelschwärme in immer neuen kalligrafischen Ballungen schwarzflirrend den Himmel beherrschen. Ich denke an „Ce n´est point le temps qui manque, c´est nous qui lui manquons/ Es ist nicht die Zeit, die fehlt, wir sind es, die sie verfehlen“ ( Paul Claudel) und an „Es ist nicht die Zeit, die vergeht, wir sind es, die vergehen“ (Stephan Heym).

Nächste Vorstellungen: 15. – 17. März jeweils 20 Uhr HALLE Tanzbühne Eberswalder Straße 10-11 ticket@halle-tanz-berlin.de

Veröffentlicht am 12.03.2012, von Karin Schmidt-Feister in Kritiken 2011/2012

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