KRITIKEN 2011/2012



Berlin

KÜNSTE IM ENGSTKONTAKT

Im Radialsystem hat Sasha Waltz Tanz und Musik „gefaltet“


Flüsternd betreten die Tänzer und Musiker einzeln die Szene im Radialsystem. Was sie in ihrer Diagonalstaffelung säuseln, ist nicht zu verstehen. Später zitiert eine Tänzerin Witziges aus den Briefen von Mozart, ehe auch sie ins Flüstern gerät. Er, der große Salzburger, steht musikalisch im Zentrum von Sasha Waltz‘ neuer Produktion. Thomas Schenk hat ihr dafür eine Art Konzertzimmer gebaut, heller Boden, als Hintergrund ebenfalls hölzern ein bühnenlanges Paneel. Als zweiter Komponist ist der Franzose Mark André mit im Boot. Seine auf Stille bedachten, ungewöhnlich die Instrumente einsetzenden Eingebungen laufen im Wechsel mit Werken Mozarts, Sätzen aus Divertimenti und Sonaten sowie einem Adagio für Klavier. Blüht Mozarts Klangwelt üppig, so verweigert sich André eher, sucht das Verschwinden des Tons hörbar zu machen. „gefaltet“ heißt Waltz‘ Abend von ungemein intensiven zwei Stunden Dauer und verallgemeinert den Begriff Faltung, das Miteinander von Impuls und Antwort in der Musik, auf eine Kollaboration der Künste Tanz und Musik.

In ihren barock inspirierten Kostümen von Beate Borrmann gehen die Tänzer aktiv auf die vier Instrumentalisten zu, betasten, umringen sie, kippen sie aus der Senkrechten. Der Musik kann das nichts anhaben, ihr Klang ist unabhängig von der Lage des Konzertierenden im Raum. Auch die Tänzer untereinander sind in steter Beobachtung, ballen sich zur Gruppenform, als würden sich chemische Grundbausteine zu Molekülen vereinigen, ehe die Form wieder zerfällt, oft nur, weil eine Person ausschert. Als eines der Bewegungsmotive dient die Standwaage, in der Tänzer verharren oder von anderen um ihre Achse herum geführt werden. Furios ist bisweilen der Kontakt zwischen Ton und Tun, wenn die Akteure durch den Raum fliegen, als würden sie abheben wollen, kontrastiert von Einzelindividuen, die statuarisch bleiben. An Malerei im Raum mag das erinnern. Gespannte Atmosphäre erzeugen Soli mit ihren Schwüngen, Sprüngen, Spiralen, Verzögerungen im Tempo, was die Dynamik anheizt.

Zu den schönsten Begegnungen von Tanz und Musik gehört ein Duo, in dem Edivaldo Ernesto, ohnehin eine der zentralen Figuren im Dialog der Künste, unendlich zart Carolin Widmann hebt, trägt, ohne dass der blühende Ton ihrer Violine Schaden nähme. Musik entschwebt hier auch gegenständlich in höhere Sphären. Auf den Boden holt Alexander Lonquich zurück: Er klopft das Holz seines Flügels, ehe er Mozarts traumartiges Adagio KV 540 spielt. Auch die Streicher entlocken ihren Instrumenten ungewöhnliche Töne, ziehen den Bogen über den Holzkörper statt über die Saiten, was Tänzer aufnehmen, Bögen als Peitschen einsetzen, sie mit dem Fuß betätigen. Skulptural wirken die Ballungen der Tänzer, verwenden Stütze und Balance als Prinzipien, erzählen so etwas über die Verantwortung, den anderen nicht stürzen zu lassen. Das lebt ein Paar in seinem gespannten Duett aus, während ein Mann eine Frau aus dem Gleichgewichtstaumel erlöst, im Flügel ablegt. Näher an der Musik geht nicht. Bücher platziert sie dort auf den Saiten, weshalb dem Instrument sein Nachhall abhandenkommt. Beeindruckend originell erfunden wie vieles in dieser Produktion ist ebenso ein Duett mit strikt ineinander verschränkten Armen, bis diese Form der Körpernähe zerspringt. Am Ende schieben Tänzer den Flügel auf Bühnenmitte, stellen Stühle für die Streicher davor. Überraschend respektvoll zieht sich der Tanz in die Rolle des Lauschenden zurück, während sich im konzertreifen Spiel das Allegro aus Mozarts Klavierquartett KV 478 zum letzten „Wort“ des anregenden Abends entfaltet.

Nochmals 18.3., 29., 30.6., Radialsystem, Holzmarktstr. 33, Kartentelefon 288 788 588, www.radialsystem.de

Veröffentlicht am 17.03.2012, von Volkmar Draeger in Kritiken 2011/2012

Dieser Artikel wurde 1406 mal angesehen.



Kommentare zu "Künste im Engstkontakt"



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


DAS DRAMA UM DIE LEIDENSCHAFT

„Anna Karenina“ von Christian Spuck am Bayerischen Staatsballett
Veröffentlicht am 21.11.2017, von Michaela.Schabel


WER BIN ICH?

Zur Gala des Stuttgarter Solo-Tanztheater-Festivals in der Hebelhalle Heidelberg
Veröffentlicht am 21.11.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


AUFTAUCHER

Der Tanzabend von Henrietta Horn feiert am 30.11.2017 in der taT-Studiobühne des Stadttheaters Gießen Premiere.
Veröffentlicht am 21.11.2017, von Anzeige



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



90 JAHRE LOLA ROGGE SCHULE IN HAMBURG

Jubiläumsfest am 25.11.17 mit Tanzprogramm in der Lola Rogge Schule im Kiebitzhof ab 15 Uhr, Landwehr 11-13, 22087 Hamburg

Sich künstlerischen und – nicht zu vergessen – körperlichen Herausforderungen immer wieder zu stellen, lernten viele Generationen der hier ausgebildeten Tänzerinnen und Tänzer, Tanzpädagoginnen und Tanzpädagogen.

Veröffentlicht am 19.11.2017, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

„Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

MEISTGELESEN (30 TAGE)


JÖRG WEINÖHL VERLÄSST DIE OPER GRAZ

Der Ballettdirektor wird seinen Vertrag nicht verlängern

Veröffentlicht am 13.11.2017, von Pressetext


SEHNSUCHT – DER GRÖßTE GEMEINSAME NENNER

Ein taufrisches Meisterwerk bei tanzmainz: Sharon Eyals „Soul Chain“

Veröffentlicht am 30.10.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


ACCESS TO DANCE



Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


UN GRANDE

Gregor Zöllig choreografiert „Peer Gynt“ am Staatstheater Braunschweig

Veröffentlicht am 22.10.2017, von Andreas Berger


DER NACKTE KÖRPER – SONST NICHTS

„ZeitGeist“ – ein neues Tanzstück von Éric Trottier in der Mannheimer Trinitatiskirche

Veröffentlicht am 07.11.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel



BEI UNS IM SHOP