KRITIKEN 2011/2012



Düsseldorf

WELTKLASSEBALLETT IN DER NRW-LANDESHAUPTSTADT

Premiere von b.11 mit Martin Schläpfers Kompanie


  • URI IVGI UND JOHAN GREBEN: BACKYARD (Sonny Locsin, Nicole Morel, Alexandre Simões) Foto © Gert Weigelt
  • NILS CHRISTE: FEARFUL SYMMETRIES (Bogdan Nicula, Ensemble) Foto © Gert Weigelt
  • MARTIN SCHLÄPFER: VIOLAKONZERT (Chidozie Nzerem, Camille Andriot) Foto © Gert Weigelt

Zehn Menschen in einem raumhohen Kettenkäfig. Barfuß tasten sie sich in schwarzen Kleidern – knappe Pumphose, langer Rock, enge Shorts, flatterndes Hemdchen – lautlos lauernd durch das kleine Quadrat. Ab und an setzt einer mit ausladenden Gesten zum raumgreifenden Tanz an. Als wolle er das Schweigen brechen, sich outen. Die Kettenvorhänge klirren und rasseln, wenn andere rückwärts aus dem Gefängnis treten. Hier zeigen sie ihr wahres Gesicht, das in dem abgeschotteten Areal verborgen bleibt. Nun fetzen und balgen sie sich, kämpfen, markieren Stärke und Macht. Irisierend und zuweilen irritierend spitz, aber auch mit betörend sanften Naturklängen durchwebt ertönen Bernd Alois Zimmermanns letzte Orchesterskizzen „Stille und Umkehr“. Urplötzlich lösen sich alle Ketten gleichzeitig aus der Verankerung. Mit voller Wucht kracht das Metall auf die Bühne. Nahtlos geht Zimmermanns beharrliches Ostinato und Klopfen in den ohrenbetäubenden, motorischen Blechbläser- und Paukenchor „Anger“ des japanischen Filmkomponisten Ryūichi Sakamoto über. Zu der Orchesterfassung von Arvo Pärts sakralen „Fratres“, setzt sich das archaisch anmutende Kriegsszenario zunächst fort. Manche posieren schließlich auf den inzwischen aufgetürmten Kettenbergen. Einige umarmen sich, ziehen sich in die Kulissen zurück, als wäre die Urgewalt des Gefühlsgewitters gebrochen. Übrig bleibt die eine, die ihre namenlose Wut aus allen Gliedmaßen, Gelenken, Muskeln, Sehnen in den Raum schleudert: Yuko Kato – die unvergleichliche Tänzerin, die seit Mainzer Zeiten in der Schläpfer-Kompanie immer von Neuem staunen macht ob ihrer vielschichtigen Ausdruckskraft und technischen Möglichkeiten.

Einmal mehr ist es Martin Schläpfer gelungen, für ein Auftragswerk seiner Kompanie in der internationalen Tanzszene fündig zu werden. Mit dem Israeli Uri Ivgy, Extänzer der Kibbutz Contemporary Dance Company, und dem Niederländer Johan Greben von Het Nationale Ballet lud er ein Choreografen-Team vom Kaliber Lightfoot/León an den Rhein ein. Die Düsseldorfer Uraufführung von „Backyard“ (Innenhof) – Chiffre für Geheimplatz intimster Gedanken und Gefühle - ist eine glänzende Visitenkarte des in Holland ansässigen Teams, das seit 2003 gemeinsam choreografiert, aber bisher noch von keiner deutschen Kompanie eingeladen worden ist. Dass die Amsterdamerin Nanine Linning in „Voice Over“ in Osnabrück kürzlich mit verblüffend ähnlicher Optik und demselben Duktus ihrer zehn Tänzer, freilich zu einem ganz anderen Thema, arbeitete, scheint allenfalls möglichen Trends im niederländischen Tanz geschuldet.

Martin Schläpfers „Violakonzert“ von 2002 auf Alfred Schnittkes Komposition gehört zu den Meisterwerken seiner Mainzer Zeit. Wie „Backyard“ und das abschließende, unterhaltsame Ballett auf John Adams‘ populäres gleichnamiges Minimal-Musik-Stück „Fearful Symmetries“ von Nils Christe (Auftragswerk für ballettmainz 2004) ist es eine weitgehend abstrakte Choreografie für eine größere Gruppe von Solisten. Bewundernswert die ästhetische Schönheit der Körper – gleich zu Beginn die drei im Profil hockenden Damen! – und die subtilen Bezüge zu den musikalischen Strukturen und Details. Vorzüglich ordnen sich vor allem der junge, geschmeidige Kanadier Paul Calderone, auffälligster Neuzugang dieser Saison, und der dunkelhäutige Chidozie Nzerem in die Reihe der Tänzer der Uraufführung ein. Eine Meisterleistung gelingt an diesem Ballettabend mit anspruchsvoller zeitgenössischer Musik auch den Düsseldorfer Symphonikern unter dem drahtigen Kapellmeister Christoph Altstaedt und ihrem Solobratschisten Gabriel Bala, Solist des Schnittke- Konzerts.

www.ballettamrhein.de

Veröffentlicht am 18.03.2012, von Marieluise Jeitschko in Kritiken 2011/2012

Dieser Artikel wurde 3086 mal angesehen.



Kommentare zu "Weltklasseballett in der NRW-Landeshauptstadt"



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

AKTUELLE KRITIKEN


TAG DER TRÄNEN, TAG DER FREUDE

„Requiem Pour L.“ des belgischen Theaterberserkers Alain Platel mit seinem Partner Fabrizio Cassol erlebt seine Uraufführung im Haus der Berliner Festspiele
Veröffentlicht am 22.01.2018, von Karin Schmidt-Feister


VIELSEITIGES KÖNNEN

Das „Bottaini Merlo International Center of Arts“ in München zeigte seine jährliche Gala im KUBIZ Unterhaching
Veröffentlicht am 22.01.2018, von Karl-Peter Fürst


MOZARTS SEELENTIEFEN EINFÜHLSAM ERGRÜNDET

Olaf Schmidts „Amadé“ am Theater Lüneburg
Veröffentlicht am 21.01.2018, von Annette Bopp



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



PLAN MEE: EAT THE FLOOR – A CONTEMPORARY CEREMONY

Eva Borrmanns Choreografie feiert am 01.02.18 in der Tafelhalle Nürnberg Premiere.

Auf der Suche nach einer neuen Körperlichkeit, ist es erlaubt, alle Sinne auszukosten.

Veröffentlicht am 19.01.2018, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


GLEICHNISHAFTE BILDER VOM MISSBEHAGEN AN DIESER WELT

Das Cullbergbaletten zeigt Jefta van Dinthers „Protagonist“ im HAU Berlin
Veröffentlicht am 15.01.2018, von Volkmar Draeger

MEISTGELESEN (30 TAGE)


HERZENSANGELEGENHEIT

Mit dem Abend „Dancing Souls“ stellt sich Alfonso Palencia als Ballettdirektor in Hagen vor

Veröffentlicht am 14.01.2018, von Marieluise Jeitschko


ACCESS TO DANCE



Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


PETER MARTINS TRITT ZURÜCK

Der langjährige Leiter des New York City Ballets verlässt im Zuge der Vorwürfe sexuellen Missbrauchs die Kompanie

Veröffentlicht am 02.01.2018, von tanznetz.de Redaktion


GRENZENLOSE GRENZEN

Die Uraufführung von Jessica Nupens „Don’t trust the border“ in der Hamburger Kampnagelfabrik begeistert mit unbändiger Fantasie und Kreativität

Veröffentlicht am 18.01.2018, von Annette Bopp


APOKALYPSE NOW

Neue Tiefenschärfen in John Crankos "Schwanensee"

Veröffentlicht am 28.12.2017, von Alexandra Karabelas



BEI UNS IM SHOP