KRITIKEN 2011/2012



Bremen

FREI NACH FUßFESSEL

Beeindruckend: International besetzter Doppelabend mit „Public in Private“ und „BLOOM!“ bei „Tanz Bremen“


  • Clément Layes mit 'Allege' Foto © Dieter Hartwig

Am Anfang ist der Wasserkocher. Er kocht vor sich hin, ganz hinten auf der beinahe leeren Bühne. Das dauert. Irgendwann deutliches Blubbern, dann, noch deutlicher, Dampf. Es geht um Wasser. Und es geht in einer Weise um Wasser, die vom Tanz im engeren Sinn sich Richtung Performance längst verabschiedet hat. Mit dem dampfenden Küchenutensil beginnt dieser Doppelabend im Rahmen von „Tanz Bremen“. Im eröffnenden Solostück „Allege“ geht es wie im nach der Pause folgenden Quintett „City“ der ungarisch-britischen Kompanie „BLOOM!“ um Fußfesseln, die die Bewegungen des sich der auf der Bühne befindlichen (aber auch des im ganz normalen Leben bewegenden) Körpers beschränken. Der entscheidende – und an diesem Abend originell, virtuos und eindringlich reflektierte – Unterschied: In der Kunst kann man sich diese Fesseln (meist) freiwillig an- und auferlegen.

Nach dem charakteristischen Wasserkocherklick kommt Clément Layes auf die Bühne. Er hat den Kopf nach vorne geneigt, auf seiner Nackenpartie steht ein Glas. Und bleibt lange dort stehen. Irgendwann wandert es in einer langen und zitternden Bewegung auf den Scheitel und von dort weiter auf die Wange. In permanentem Balanceakt markiert Layes die Bühne als Spiel- und Untersuchungsraum. Indem hier er ein knallgrünes Klebebandkreuz anbringt, indem er dort Gläser auf dem Boden verteilt, umordnet, mit Wasser füllt und sie wieder leert. Indem er immer wieder mit Kreide Versuchsanordnungen auf eine Tafel malt und mit seinem Körper den Raum durchmisst. Immer noch mit einem Glas im Nacken. „Allege“, das Layes gemeinsam mit der Dramaturgin Jasna Layes-Vinovrški als Performance-Produktionseinheit „Public in Private“ hergestellt hat, lebt von seiner Ausbildung als Zirkusartist. Doch ist dieses Artistische eher eine Abschussrampe. Das andere Artistische – nennen wir es einmal Theorie – macht die Dreiviertelstunde nicht nur schön, sondern rund.

Layes fingerschnippt die Zuspielmusik (nur ein Stück von David Byrne, das nie zu Ende gespielt wird) an und aus, dirigiert Spots, Blacks und Vollbeleuchtung. Auf dem Klebekreuz platziert er ein winziges grünes Bäumchen. Später wird Layes Wasser aus einer Flasche in seinen Kopfbecher füllen, das Nass durchs Haar auf die Blätter regnen lassen. Fast japanisch mutet in dieser Choreographie der präzise Blick auf kleinste Verrichtungen an, gebrochen durch den betont achtlosen Umgang mit den Requisiten, die gerade nicht dran sind. Alles ist hier Zeichen – was in einem komplett mit dem Zauber des ersten Teils brechenden zweiten Teil auch erklärt wird. Ohne dabei den Raum des Poetischen zu verlassen, der ja auch ein analytischer sein kann. Mittlerweile mit Worten benennt Layes die Handlungen, Gegenstände, Konstellationen, die wir zuvor zu sehen bekamen. Als würde ein freundlicher Derrida eine Heideggereinführung performen. „Der Traum“ (ein Tuch) verbindet sich mit „dem Ozean“ (einer Wasserpfütze, in die das Tuch geworfen wird), so entsteht „die Poesie“. Später wischt „der Traum“ „die Organisation“ (Zeichnung) von „der Möglichkeit“ (Tafel), damit „das Werkzeug“ (Kreide) „eine neue Möglichkeit“ (wieder leere Tafel) hat. Undsoweiter.

Bei „BLOOM!“ ist „his Master’s Voice“ eine Navi-Stimme (männlich). Sie begrüßt das Publikum. Sie formt, formiert und fordert die fünf Tänzerinnen, drangsaliert sie bisweilen. Der jeweilige Name ertönt, er/sie hebt die Hand. Daraus schält sich, beginnend in einem Lichtkreis, ein rasantes choreographisches Bild. Die Stimme fragt Eigenschaften ab: Mann? Ungarin? Schwul? Depressiv? Leidenschaftlich? Aus den entsprechenden tanzminiaturistischen Emblemen entsteht in atemberaubendem Accelerando ein Ensemblebild in permanenter Veränderung. Mit ihrem Stück „City“ gelingt es der jungen BLOOM!-Kompanie, das gegenwärtige choreographische Formenrepertoire – wechselnde Duette und Trios innerhalb von Tuttipassagen; Schöpfen aus dem Bewegungsapparat des Alltäglichen; ironischer Umgang mit zum Klischee geronnenen klassischen Bewegungsmustern – mit Zurichtungen und Dirigismen außerhalb der Tanzbühne kurzzuschließen. Dass die international besetzte Kompanie mit Großbritannien und Ungarn zwei politisch konträre Regimes in der Ensemblegeschichte verbindet, macht vielleicht die politische Dimension von „City“ aus. Denn das körperlich sichtlich anstrengende Duo allein aus Hinsetz- und Aufsteh-Bewegungen (wie sie die Masterstimme immer rascher und rigider verlangt) ist nicht nur in Richtung eines neutotalitären Einheitsstaates zu verlängern. Das weiß, wer einmal eine Episode einer beliebigen TV-Castingshow gesehen hat. Passend bestellt die knarrende Off-Stimme gegen Ende einen der Tänzer auf einen Laufsteg aus Licht. Die beiden Tänzerinnen dirigieren dessen verlangsamte Fort-Bewegung aus dem Halbdunkel mit langen Stangen, indem sie Körperpunkte antippen, damit sich der Schwerpunkt verlagert. Eine anatomische Mikrostudie, die – wie die Fußfessel – die Schönheit rasch einbüßt, sobald man sie über das Ästhetische hinausdenkt.

Tim Schomacker, in der Kreiszeitung am 19. März 2012 erschienen

Veröffentlicht am 20.03.2012, von Gastautor in Kritiken 2011/2012

Dieser Artikel wurde 1650 mal angesehen.



Kommentare zu "Frei nach Fußfessel"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    "EINE GROßE EHRE"

    Tarek Assam zum Sprecher der Bundesdeutschen Ballett- und Tanztheaterdirektoren Konferenz gewählt
    Veröffentlicht am 05.05.2017, von Dagmar Klein


    BOTSCHAFTER DES TANZTHEATERS

    Der Schweizer Choreograf Gregor Zöllig spricht mit Kirsten Pötzke über seine Wurzeln, die Begeisterung für den Tanz und die Arbeit mit Profis und Laien
    Veröffentlicht am 20.04.2017, von Kirsten Poetzke


    EINE JUNGE KOMPANIE FÜR BERLIN

    Marion Heinrich im Gespräch mit den Intendanten des „Landesjugendballetts Berlin“
    Veröffentlicht am 31.03.2017, von Gastautor



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DANCEMAKER SERIES #9

    Das Tanz-Ensemble des Luzerner Theaters präsentiert eigene Choreografien

    Am Ende der Spielzeit lädt «Tanz Luzerner Theater» jeweils zu den Dancemaker Series. Auch für die neunte Ausgabe gestaltet das Tanz-Ensemble das gesamte Programm, Bühnen- und Kostümbilder sowie Musikarrangements selber. Die Premiere von «Dancemaker Series #9» findet am 08. Juni im Südpol Luzern statt.

    Veröffentlicht am 05.05.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    WIE TANZT MAN REFORMATION?

    Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch
    Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    WOGEN GEGLÄTTET

    Sasha Waltz und Johannes Öhman geben Pressekonferenz beim Berliner Staatsballett

    Veröffentlicht am 01.05.2017, von tanznetz.de Redaktion


    DIE WELT ZU GAST IN MÜNCHEN

    Eine wunderbare Gala der Munich International Ballet School

    Veröffentlicht am 27.04.2017, von Karl-Peter Fürst


    „DU BIST NICHT NUR FLEISCH“

    Zu Gast in Leverkusen: Alvis Hermanis inszeniert Mikhail Baryshnikov

    Veröffentlicht am 15.05.2017, von Andreas Berger


    POESIE UND ERSCHRECKEN

    Jacopo Godanis „Extinction Of A Minor Species“ für die Dresden Frankfurt Dance Company im Bockenheimer Depot

    Veröffentlicht am 02.05.2017, von Boris Michael Gruhl


    WENN DIE TÄNZERIN DEIN NACHBAR IST

    Tiago Manquinhos “Nice to meet you?” am Staatstheater Braunschweig

    Veröffentlicht am 08.05.2017, von Andreas Berger



    BEI UNS IM SHOP