KRITIKEN 2011/2012



Bremen

NICHTS WÄRMT SO WIE DAS RAMPENLICHT

Gelungener Auftakt des Festivals Tanz Bremen mit Gallim Dance im Theater am Goetheplatz


  • "Wonderland" von Andrea Miller Foto © Yi-Chun Wu
  • "Wonderland" von Andrea Miller Foto © Yi-Chun Wu

Mit dem rasanten, revueartigen Stück "Wonderland" der New Yorker Choreografin Andrea Miller wurde das Festival Tanz Bremen am Freitag im ausverkauften Theater am Goetheplatz eröffnet. Bis zum 25. März folgen noch diverse Gastspiele auswärtiger Compagnien und Auftritte der hiesigen Szene.

Das alle zwei Jahre stattfindende Festival Tanz Bremen bietet dem Publikum die Möglichkeit, Formen des Tanzes kennenzulernen, die auf den hiesigen Bühnen sonst nicht zu sehen sind. Andrea Millers Stück "Wonderland", das ihre Compagnie Gallim Dance jetzt zur Eröffnung des Festivals als Europapremiere zeigte, ist beispielsweise im Ballett verankert und hat mit dem deutschen Tanztheater nur wenig gemein. Die Besucher im ausverkauften Theater am Goetheplatz honorierten den Auftritt mit begeistertem Applaus.

Obwohl das reduzierte Tournee-Ensemble von Gallim Dance nur aus insgesamt acht Tänzerinnen und Tänzern besteht, füllt es die große, leere Bühne des Theaters am Goetheplatz doch erstaunlich gut aus. Denn die Choreografin lässt ihre Akteure immer wieder in einem weiten Kreis laufen oder teils sie in zwei Gruppen aus, die sich gegenüberstehen und langsam annähern, dirigiert ihre Tänzer also so geschickt umher, dass die sich ständig verändernden Formationen den Raum beleben.

Das etwa 60-minütige "Wonderland" besteht aus Szenen, die sich abwechselnd mit Interaktionen in menschlichen Gruppen und der Rudelbildung bei Tieren beschäftigen. Während zu Beginn aus dem Lautsprecher Pferdegetrappel zu hören ist, tauchen aus der Dunkelheit die Akteure auf und bewegen sich in einer komplexen Tanzsprache synchron über die Bühne, bis sie rückwärts ganz im Nebel verschwinden. Diese ruhige, geheimnisvoll anmutende Eröffnung wird regelrecht weggefegt von einer grellen Bühnenshow mit Anklängen an den Stil der 40er Jahre.

Mit aufgerissenen Mündern und einem Dauerlächeln im Gesicht türmen sich die Männer und Frauen zu Pyramiden auf, tanzen ausgelassen wie in einer Musicalshow über die Bühne und verkörpern eine professionelle, heutzutage albern wirkende Heiterkeit, die die Anstrengung dahinter nur unzureichend verbirgt.

Immer wieder thematisiert Andrea Miller, die einst bei Batsheva getanzt hat, die eigene Profession, wenn sie etwa eine Ballerina Pirouetten üben lässt, oder Trios sich in Hebungen versuchen. Wiederholt brechen Einzelne aus der Gruppe aus, ihr Wunsch, sich aus der Menge hervorzuheben, treibt sie zu besonderen Leistungen an, die der Rest der Gruppe staunend verfolgt. Sie liegen der Tänzerin dann buchstäblich zu Füßen, strecken die Arme nach ihr aus und robben sich in ihre Nähe. Der Widerspruch, Mitglied einer Gemeinschaft zu sein und trotzdem als Solitär glänzen zu wollen, durchzieht den Abend. Nur so ist es auch zu verstehen, warum in einer Gruppe, die sich eben noch friedlich in archaischen Tänzen vereint hat, plötzlich Streit und Kampf auftreten.

Andrea Miller zieht ihren Akteuren das Kleid der Zivilisation aus und zeigt, dass der Mensch manchmal gar nicht so weit vom Tier entfernt ist. Wie ein Rudel Wölfe, mit schnellen, langen Schritten und vornübergebeugt, rennen ihre Tänzer dann über die Bühne oder laufen wie Pferdchen im Kreis. Abgerichtet wie Zirkustiere - oder eben auch wie Tänzer. Diese Uneindeutigkeit der Zuschreibung wird von den Kostümen noch unterstützt. Einerseits erinnern sie mit ihren korsettartigen Oberteilen an Bühnenbekleidung, gleichzeitig lassen die dunklen Streifen auf der Brust an den Schmuck der Indianer denken, wie auch die irokesenartigen Schöpfe der Männer und Frauen.

Mit ihrer Tanzsprache gibt Andrea Miller ihrem Thema ein festes Gerüst: Sie führt Anleihen aus dem Ballett, aus Varieté und Akrobatik sinnvoll mit archaischen Tanzschritten und Tierbewegungen zusammen. Ihr junges, technisch versiertes Ensemble setzt diese komplexe Mischung tadellos um. Mit "Wonderland" hat das Bremer Festival einen gelungenen Auftakt erlebt, einen schmissigen, unterhaltsamen, tänzerischen Abend, der vortrefflich für die eigene Kunst geworben hat.

Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz (SPD) versicherte in ihrer Eröffnungsrede, dass die Tanzsparte am Bremer Theater und auch das Festival eine Perspektive hätten. Schon am ersten Abend konnten die Veranstalter eine Auslastung von 95 Prozent melden. Das Publikumsinteresse ist also vorhanden.

Alexandra Albrecht, Weser-Kurier Mit freundlicher Genehmigung der Bremer Tageszeitungen AG

Veröffentlicht am 20.03.2012, von Gastautor in Kritiken 2011/2012

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Kommentare zu "Nichts wärmt so wie das Rampenlicht"



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