KRITIKEN 2011/2012



Bremen

EFFEKTVOLLE BAROCKWELT

Die Compagnie Catherine Diverrès bei Tanz Bremen


Mit starken Bildern und beeindruckenden tänzerischen Leistungen präsentierte sich am Dienstagabend die Compagnie Catherine Diverrès beim Festival Tanz Bremen im Schauspielhaus. Die französische Choreografin zeigte eine stimmige, hochästhetische Verschmelzung von Tanz, Licht und Klang. Doch gegen Ende der 90-minütigen Aufführung schien sich dieses effektvolle Gesamtkunstwerk auch ein wenig leergelaufen zu haben. Elegante Bilder, doch wo lag der Kern? Diverrès kontrastiert dabei überaus kunstvoll die einzelnen Elemente ihrer Bilderwelt. "Encore" ist deren Titel, womit möglicherwiese auf jenes ewig zermürbende Echo angespielt wird, mit dem die Welt auf die Mühen eines Tänzers reagiert: Bitte noch einmal, encore une fois! Von Mühen, Lärm und Entledigungen erzählt die Aufführung auf vielen und visuell meist attraktiven Ebenen. Mit einer überwältigenden Klangspur werden zudem die Körper die Tänzer ebenso umhüllt wie konfrontiert. Hoch über der Bühne und an der Rückwand blitzen dazu Lichtpunkte von Glühlichtern, während aus den Lautsprechern eine Mischung aus archaischem Lärm und Klängen einer industriellen Moderne faucht. Aus Gewitterdonner schält sich metallisches Hämmern hervor. Alles, was Kraft und aufgekratzte Präsenz besitzt, ist in dieser Mischung willkommen.

Hier präsentieren sich die Körper der Tänzer inmitten eines machtvollen Geräuschpegels, der sie in der ersten Szene beinahe niederdrückt. In spannungsvollem Gegenlicht entwickeln sie ihre Bewegungsstruktur, die sich einerseits dem Vokabular des klassischen Balletts vergewissert. Andererseits scheint die Überwindung jener alten Formen eines der treibenden Themen zu sein. Der Barock-Kostüme entledigt man sich am Ende mit leiser Trauer, auch wenn diese zuvor noch als höchst prachtvolle Zitate getragen wurden. Tanz bedeutet hier auch: einen Erinnerungsraum zu schaffen, in dem Reibungen mit Historischem sinnfällig ausgestaltet werden.
Getanzt wird dabei mit vielen starken Impulsen: modern, klassisch, zitatenreich. Die Szenen mit der Tänzerin Isabelle Kürzi beeindruckten dabei besonders: Wie diese beispielsweise in albtraumhafter Gehetztheit von Hundegebell getrieben wird, oder in androgynem Kostüm- und Geschlechterwechsel Rollen als Fiktionen zeigt, besitzt einen flirrenden und immer athletisch grundierten Zauber. Denn sämtliche Körper funktionieren in dieser Inszenierung nicht einzig als Tanzende, die sich mit präzisen Be- und Entschleunigungen bewegen.

Immer wieder finden sie auch zu sinnbildlichen Arrangements zusammen: zu traumhaften Bildern, die sich oft aus der Bilderwelt des Barocks speisen. Ergänzt durch aktuelle Assoziationen: Da trägt etwa ein Torero ein rotes Tuch herein. Oder handelt es sich um die rote Fahne eines Sozialisten? Am stärksten wirkt dann eine Sequenz, in der sich das Ensemble beinahe nackt zu einer einzigen körperlichen Masse verbindet. Ist das eine Orgie, wie die fünf sich dort, nun plötzlich blutbeschmiert zu einem körperlichen Kollektiv vereinigen? Es könnte auch das Bild einer menschlichen Geburt widerspiegeln. In solcher Doppeldeutigkeit findet der Abend seine besten Momente. Ein herausragender Beitrag zum Festival war er in jedem Fall.

Sven Garbade, Weser-Kurier

Veröffentlicht am 23.03.2012, von Gastautor in Kritiken 2011/2012

Dieser Artikel wurde 973 mal angesehen.



Kommentare zu "Effektvolle Barockwelt"



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

AKTUELLE KRITIKEN


GANZ OHNE GEWINNER UND VERLIERER

„Infinite Games“ von Jonas Frey und Joseph Simon in der Hebelhalle in Heidelberg
Veröffentlicht am 18.09.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


DAS LEISE AUSATMEN DER HÄNDE

In Dresden geht die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Tanzerbe Mary Wigmans weiter
Veröffentlicht am 14.09.2017, von Rico Stehfest


KEINE GRENZEN DER GENRES

Die Dresdner go plastic company präsentiert mit „INAROW“ ein Festival der Künste im Festspielhaus von Hellerau
Veröffentlicht am 11.09.2017, von Boris Michael Gruhl



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



BEYTNA

Ein Stück von Omar Rajeh / Maqamat Dance Theatre am 06.10.2017 in der Tafelhalle Nürnberg

Beytna feiert die Vielstimmigkeit und lädt Sie zum Mahl auf die Bühne ein.

Veröffentlicht am 14.09.2017, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

„Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

MEISTGELESEN (30 TAGE)


DEUTSCHLAND BLEIBT TANZLAND

Das Spielzeitheft Nr. 4 ist da!

Veröffentlicht am 30.08.2017, von tanznetz.de Redaktion


AUF NEUEN WEGEN

Bettina Wagner-Bergelt verlässt das Bayerische Staatsballett

Veröffentlicht am 29.08.2017, von tanznetz.de Redaktion


VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater

Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl


ACCESS TO DANCE



Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


HELL YES!

Richard Siegals „El Dorado“ auf der Ruhrtriennale im PACT Zollverein in Essen

Veröffentlicht am 27.08.2017, von Carmen Kovacs



BEI UNS IM SHOP