KRITIKEN 2011/2012



Augsburg

BALLETT VON FEIN GESCHLIFFENER NEOKLASSISCHER LINIE

Ein erstklassiger Ballettabend mit drei zeitgenössischen Choreografien von William Forsythe, Itzik Galili und Demis Volpi


Für Opern-Fans ist das Theater Augsburg immer wieder eine Reise wert. Aber auch die Sparte Ballett lockt auswärtige Besucher an, seit der Amerikaner Robert Conn 2007 die Leitung übernommen hat. Durch seine Solisten-Karriere im kanadischen Nationalballett und im Stuttgarter Ballett (von 1997-2003) hat Conn, der selbst nicht choreographiert, Kontakte zu international renommierten Tanzschöpfern. Für seine Premiere (24. März 2012) überließen Star-Choreographen wie der berühmte Schöpfer der postmodernen Neoklassik William Forsythe und der weltweit gefragte Israeli Itzik Galili dem Augsburger Ballett Werke aus ihrem Repertoire – ein Beweis auch für die technisch-tänzerische Qualität des Ensembles. Aber Conn lädt auch immer wieder junge Talente ein, diesmal den Argentinier Demis Volpi, Tänzer in Reid Andersons Stuttgarter Ballett und dort auch als Choreograf gefördert.

Den Auftakt machte Itzik Galilis „Things I told nobody“, das er 2000 für seine eigene Kompanie kreierte. Ein rein abstraktes Stück, das man nicht verstehen (der Titel ist lediglich eine Bezeichnung), sondern rein sinnlich aufnehmen muss. Die Bühne liegt zunächst im Dunkeln. Unter einer tief herabhängenden Lampe bewegt sich ein einzelner Tänzer. Die Konzentration seiner langsamen Bewegungen in dem scharf begrenzten Lichtraum stellt das feine Spiel der Muskeln, die skulpturale Qualität des Körpers heraus. Dann leuchtet ein weiterer Tänzer aus der Dunkelheit hervor, noch einer und noch einer. Und hier schon ist klar, dass in diesem Galili das stets „mitkreierende“ Licht (Yaron Abulafia und Galili) und die Plastizität des tanztechnisch modellierten, von engem Samttrikot umspannten Körpers die eigentlichen Protagonisten sind. Die Musiken von Händel, Mozart, Satie und Vivaldi sind nur dazu da, als musikalischer Atem diese sich nun weit in den Raum hinein entfaltende Choreografie zu tragen: locker schreitende Reihen a l l e r zehn Tänzer, Pas de deux, die sich zwischen Impuls und Gegenimpuls selbst zu generieren scheinen und Solos. Galili schreibt hier auf eigene Weise den in den 70er Jahren Schule machenden Modern Dance des großen Meisters Jiri Kylián weiter. Integriert aber auch – speziell in dem langen Frauen-Solo – die asiatische Bewegungsgeschmeidigkeit, wie man sie vom taiwanesischen Cloud Gate Dance Theater kennt.

Nach dem abstrakten Galili dann auf Bedeutung zielendes Tanztheater von Demis Volpi. Der junge Argentinier hat – dies gleich vorweg – einen ausgezeichneten Sinn für den Soundtrack. Die von ihm gewählte Musik - hauptsächlich Lieder der US-Avantgardesängerin und Komponistin Diamanda Galás - schürt das hier vertanzte Thema der „Verführung“. Volpi titelt „Hypnotisches Gift“, was in schrillem Gelächter, in französischem Erotik-Flüstern und in bis zum Radikal-Scat aufgejazzten US-Popsongs und Sirenengesängen exzellent transportiert wird. Das ist das Forte des Stücks.

Man kann natürlich die Sequenzen zwischen jüngferlich-zickig oder erwartungsvoll auf Spitze trippelnden Mädchen – solo oder belästigt von schwarz gewandeten Männern – als gefürchtete oder erwünschte Verführungen lesen; ganz eindeutig am Ende die Szene, in der eine Melusine in einem in den Bühnenboden eingelassenen Wasserbecken ein angelocktes Alphatier ins kalte Nass hinabzieht. Dies ist allerdings eine arg bedeutungschwangere Illustration. Und insgesamt choreografisch gesehen, fällt das Stück recht blass aus. Dabei muss man dem jungen Volpi immerhin positiv anrechnen, dass er versucht, seine eigene Handschrift zu finden, ohne Schielen auf große Vorbilder wie Jiri Kylián, Mats Ek oder William Forsythe.

Forsythe, der große postmoderne Neoklassiker, lieferte dann den brillanten Rausschmeißer: sein „Herman Schmerman“, 1992 für das New York City Ballet entworfen, zeigt exemplarisch, wie er die amerikanisch aufgelockert-lässige Neoklassik des großen Meisters George Balanchine noch weiter versportlichte: durch Verschrägung der Linien, vor allem durch eine neue, eine virile Dynamik, die sich durch Thom Willems' Impuls gebende Musik noch mal aufheizt. Und die Augsburger Tänzer – die Mädchen gleichberechtige Kumpel der Männer – blättern diese überspitze, überdehnte, oft auch skurril gebrochene neoklassische Bewegungskunst mit selbstverständlicher Bravour auf die Bühne. Conn, der als nicht choreografierender Ballettchef noch mehr haushalten muss – Gäste kosten –, hat dennoch hier wieder einmal erreicht, was er seinem Publikum bieten möchte: „Ballett, von fein geschliffener neoklassischer Linie auf Spitze bis zu sinnlich athletischem Tanz“.

Weitere Vorstellungen des neuen Augsburger Ballett-Dreiteilers am 27. 3., am 7., 15., und 21. 4. und am 3. 5.

Veröffentlicht am 26.03.2012, von Malve Gradinger in Kritiken 2011/2012

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Kommentare zu "Ballett von fein geschliffener neoklassischer ..."



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