KRITIKEN 2011/2012



Hamburg

VIELVERSPRECHENDER NACHWUCHS

TänzerInnen des Hamburg Ballett als „Junge Choreographen“ im Schauspielhaus


  • Sasha Riva und Silvia Azzoni in der Choreografie von Sasha Riva Foto © Yan Revazov
  • Yuka Oishi und Lennart Radtke in der Choreografie von Marcelino Libao Foto © Yan Revazov
  • Lennart Radtke und Yuka Oishi in der Choreografie von Marcelino Libao Foto © Silvano Ballone
  • Patricia Tichy in der Choreografie von Aleix Martínez Foto © Silvano Ballone
  • Alexandr Trusch, Konstantin Tselikov, Zachary Clark, und Sophie Vergères in der Choreografie „Zozula“ on Edvin Revazov Foto © Silvano Ballone
  • Silvano Ballone und Lucia Solari in der Choreografie von Miljana Vracaric Foto © Yan Revazov

Wie schon im Vorjahr, so präsentierten auch dieses Jahr Tänzer des Hamburg Ballett eigene choreografische Arbeiten, wiederum in Kooperation mit dem Hamburger Schauspielhaus: „Junge Choreographen“ heißt die Reihe, die Hamburgs Ballett-Intendant John Neumeier schon 1974 ins Leben gerufen hatte und die seither in unregelmäßigen Abständen gezeigt wurde. Die Tänzer studierten ihre fünf bis 15 Minuten dauernden Stücke neben dem laufenden Spielplan ein und zeichneten nicht nur für die Schritte und Musikauswahl, sondern auch für Kostüme, Kulisse und Programmblatt verantwortlich.

Der Anfang war eher verhalten und von Düsternis geprägt. Alban Pinet ließ in „Vor dem Gesetz“ zwei Paare umeinander und etwas ratlos um ein weißes Hemd kreiseln. Florian Pohl schuf mit „Nobody Sees“ zu Musik von Portishead („Roads“) ein Solo, das Verlorenheit und Verzweiflung, Sehnsucht und Hilflosigkeit eines jungen Mädchens darstellt – sie wird einfach nicht gesehen, so sehr sie sich auch verbiegt und streckt (sehr eindrücklich umgesetzt von Yun-Su Park). Braulio Álvarez stellte eine Bewegungsstudie über seine „Vorstellung von der Wirklichkeit“ für drei Tänzerinnen zu drei Walzern von Eric Satie – auch das ein eher melancholisches Stück. Lennart Radtke hatte einen eher harmlosen und über weite Strecken zu süßlichen Pas de Deux über die erste Liebe eines jungen Paares zur Sonate für Cello und Klavier (live auf der Bühne gespielt!) einstudiert. Diese Belanglosigkeit verwunderte - hatte er doch 2011 ein bemerkenswertes New-York-Stück zur Rhapsodie in Blue von Gershwin präsentiert.

Umso erfrischender dann der „flüchtige Blick in die Welt der Glühwürmchen“, den Marcelino Libao von den Philippinen zu heimatlicher Volksmusik gewagt hat. Aus blau getränktem Bühnennebel lösen sich drei Frauen in schwarzen, eleganten Trikots, Netzstrümpfen und Spitzenschuhen und farbig bemaltem Gesicht (Yuka Oishi, Isadora Valero Meza, Futaba Ishizaki), die vor lindgrünlichtem Prospekt über die Bühne flirren, aufgescheucht von einem ebenso virilen wie fragilen männlichen Wesen (Lennart Radtke). Zwei von ihnen räumen schließlich das Feld, und das übrig bleibende Paar liefert sich einen funkensprühenden Paarungstanz. Das platzt vor Witz und Phantasie und bringt erfrischend neue Bewegungsideen auf die Bühne – großes Kino! Bei Aleix Martinez wird es in „Trencadís“ dann wieder eher schwermütig. Er lässt die gesamte Beleuchtungsmaschinerie tief über die schwarz ausgehängte Bühne herunterfahren und öffnet die Gassen, sodass man auch dort die Scheinwerferbatterien sieht. Das schafft eine nüchterne, technisch betonte, beängstigende Atmosphäre, in der zwei Tänzerinnen und zwei Tänzer mehr aneinander vorbei als miteinander tanzen. Auf dem Boden liegt eine verhüllte Gestalt, die sich langsam aus ihrer grauen Hülle schält. Alle fünf mühen sich nach Kräften, sich aus Zwängen verschiedenster Art zu befreien und zur Wahrheit zu finden, ganz nach dem Motto von Antoni Gaudí, unter das Aleix Martínez seine Arbeit gestellt hat: „Der Gedanke ist nicht frei, sondern dient der Freiheit. Freiheit ist keine Sache des Denkens, sondern des Willens. Die Liebe zur Wahrheit muss über jeder anderen Liebe stehen.“ Das ist keine leichte Kost – lässt aber ahnen, wie viel Nachdenklichkeit und Tiefgründigkeit in diesem Tänzer und jungen Choreografen steckt. Constant Vigier bietet dazu mit „3x2 für M&M“ für drei Paare zu Musik von Mozart und Mendelssohn-Bartholdy einen freundlich-heiteren Kontrast – bleibt aber doch sehr in Neumeier-Anleihen gefangen und kann hier noch kein eigenes Profil entwickeln.

Die unstrittigen Höhepunkte des Abends folgten nach der Pause: „Zozula“ von Edvin Revazov nach ukrainischer Volksmusik – eine grandiose Verhaltens- und Lebensstudie über fünf Vögel im Sumpf. Revazov findet hier eine ebenso expressive wie musikalische Bewegungssprache, die sich kongenial der Musik anpasst, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren. Sasha Riva wählte ein hoch emotionales Stück von Mika („Over the shoulder“) sowie elektronische Musik von Apocalyptica, um seine „Reflexion über Gegensätze und das Bemühen, sie ins Gleichgewicht zu bringen“ auf die Bühne zu bringen – verkörpert in einem großartigen Pas de Deux zwischen der 18 Jahre älteren, Silvia Azzoni und ihm selbst. Erfahrung, Reife, Gelassenheit und Souveränität treffen auf Neugier, Unsicherheit, Ängstlichkeit, Ungestüm und Hingabe. Da zeigt sich ein ganz großes choreografisches und darstellerisches Talent.

Wunderbar fließend und leichtfüßig zum Ausklang des Abends: die „Einflüsse“ von Miljana Vracaric, eine sensible, feminine Studie für fünf Paare zu Musik von Albinoni, wie sie harmonischer und vielfältiger zugleich nicht sein könnte – pure Freude an Musik und Bewegung, aber auch an der Begegnung und Eigenständigkeit. Das zerging auf der Zunge wie edelstes Konfekt.

Eine weitere Aufführung am heutigen Mittwoch, den 28. März, um 20 Uhr im Hamburger Schauspielhaus, Kartentelefon 040-248713 (10-19 Uhr) oder online unter www.schauspielhaus.de

Veröffentlicht am 28.03.2012, von Annette Bopp in Kritiken 2011/2012

Dieser Artikel wurde 4391 mal angesehen.



Kommentare zu "Vielversprechender Nachwuchs"



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


BALLETT DORTMUND STARTET MIT INTERNATIONALEN TANZSTARS IN DIE SPIELZEIT 2017/2018

XXVI. Dortmunder Ballettgala am 30. September und 1. Oktober 2017 im Dortmunder Opernhaus
Veröffentlicht am 19.09.2017, von Anzeige


GANZ OHNE GEWINNER UND VERLIERER

„Infinite Games“ von Jonas Frey und Joseph Simon in der Hebelhalle in Heidelberg
Veröffentlicht am 18.09.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


BEYTNA

Ein Stück von Omar Rajeh / Maqamat Dance Theatre am 06.10.2017 in der Tafelhalle Nürnberg
Veröffentlicht am 14.09.2017, von Anzeige



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



„HAMLET“

Ballett von Cathy Marston am Musiktheater im Revier

Nach dem plötzlichen Tod des Königs muss seine trauernde Witwe Gertrude feststellen, dass ihr introvertierter Sohn Hamlet nicht in der Lage ist, das bedrohte Reich zu führen...

Veröffentlicht am 31.08.2017, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

„Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

MEISTGELESEN (7 TAGE)


DEUTSCHLAND BLEIBT TANZLAND

Das Spielzeitheft Nr. 4 ist da!

Veröffentlicht am 30.08.2017, von tanznetz.de Redaktion


KEINE GRENZEN DER GENRES

Die Dresdner go plastic company präsentiert mit „INAROW“ ein Festival der Künste im Festspielhaus von Hellerau

Veröffentlicht am 11.09.2017, von Boris Michael Gruhl


DAS LEISE AUSATMEN DER HÄNDE

In Dresden geht die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Tanzerbe Mary Wigmans weiter

Veröffentlicht am 14.09.2017, von Rico Stehfest


TANZDEMONSTRATION

Neue Saison der Volksbühne startet auf dem Tempelhofer Feld

Veröffentlicht am 11.09.2017, von Miriam Althammer


NANINE LINNING GEHT NEUE WEGE

Im Sommer 2018 verlässt die Leiterin der Tanzsparte Heidelberg

Veröffentlicht am 07.09.2017, von Pressetext



BEI UNS IM SHOP