KRITIKEN 2011/2012



Gießen

INTERNATIONAL, INNOVATIV UND IMPOSANT

TanzArt ostwest 2012 in Gießen – Internationales Programm zum 10-Jährigen


  • Die chinesische Tanzkompanie Shenzhen Song and Dance Ensemble zeigt Ausschnitte aus ihrem abendfüllenden Programm “Phoenix Dancing over Oriental Land“ Foto © Rolf K. Wegst
  • Das Bohemia Ballet Prag tanzt Jirí Kyliáns „Un Ballo" Foto © Rolf K. Wegst
  • Henrik Kaalunds feucht-fröhliche Revue „Dirty Cleaning“ Foto © Dagmar Klein
  • „Hungry – Try Out“ von Irene Kalbusch Foto © Rolf K. Wegst
  • Auch eingeladen war Robert Przybyl mit „With Guts out“ Foto © Rolf K. Wegst
  • Katharina Wunderlich und Henrik Kaalund in "Insensatez" Foto © Rolf K. Wegst

TanzArt ostwest in Gießen ist in 10 Jahren zu einem wichtiger Bestandteil des Kulturlebens der Universitätsstadt geworden. Zum Jubiläum war der Austausch Ost und West besonders weit gefasst: bei der Gala am Samstagabend konnte Ballettdirektor Tarek Assam sogar Gäste aus China und New York begrüßen. Der internationale Star der Tanzszene, Rubinald Pronk (NL/USA), tanzte „L’Effleuré“ auf seine besondere und ausdrucksstarke Weise. Aus dem Rahmen des Üblichen fiel das „Shenzen Song and Dance Ensemble“ (VRC), das mit elf Protagonisten dank Förderung durch das hessische Kulturministerium dabei war. In bunten Kostümen erzählten sie zu pathetischer Musik eine traditionelle chinesische Geschichte, die unserer Romeo & Julia-Tragödie sehr nahe kommt.

Zum ersten Mal dabei war das Ballett Bremerhaven mit „Triple Fall“ (Sergej Vanaev). Zu den TanzArt-Aktiven der ersten Stunde zählt Irene Schneider (Magdeburg), die „Bach á l’oriental“ von einem weiblichen Trio tanzen ließ. Die Tänzerin Marina Kanno (Berlin) war noch einmal zu sehen in dem Flamenco-Duett „Transparente“ von Ronald Savkovic (Staatsballett Berlin). Auch das fiel auf: ein Pas-de-Deux zum Blues „Little Red Rooster“, eine Choreografie von Xin Peng Wang (Dortmund).

Ganz dem neoklassischen Ballett verpflichtet sind die Staatstheater Schwerin und München, die mit jeweils einem gemischten Doppel vertreten waren, und das Ballett Koblenz unter seinem neuen Leiter Steffen Fuchs, der drei Paare mit „Les Étoiles“ geschickt hatte. Besonders angetan war das Publikum im ausverkauften Stadttheater Gießen von „Un Ballo“ des Ballett-Altmeisters Jirí Kylián, einstudiert von der jungen Kompanie des „Bohemia Ballet Prag“. Drei Mitglieder der Tanzcompagnie Gießen (TCG) brachten mit „You again“ eine witzige Kurzchoreografie rund um einen Stuhl (Tarek Assam).

Die Auftaktveranstaltung findet traditionsgemäß eine Woche vor der eigentlichen TanzArt an einem außertheatralen Ort statt. Dank Förderung durch das Kulturamt der Stadt, kann ein Choreograf eingeladen werden, der mit der Hälfte der TCG ein Stück erarbeitet. In diesem Jahr hatte sich Henrik Kaalund (Dk/Berlin), Tänzer und Choreograf, mit einer Autowaschstraße als Austragungsort zu befassen. „Dirty Cleaning“ war eine fröhliche Revue rund um Schmutz und Sauberkeit. Am Donnerstag vor Pfingsten startete das Festival mit der Uraufführung von Tarek Assams „Hausrat“ (siehe eigene Besprechung).

Das Austauschprogramm auf der Studiobühne im Theater im Löbershof (TiL) brachte an drei Abenden abwechslungsreiche und spannende Inszenierungen, die einmal mehr demonstrierten wie vielfältig Tanzhandschriften sein können. In diesem Jahr war es für die Gießener wie eine große Wiedersehensfeier. Ehemalige TCG-Mitglieder kamen als Tänzer und/oder Choreografen wieder. Morgane de Toeuf gleich in drei Kölner Formationen: „Human Zoo“ der SchrittArt Company (Tarek Assam/Guido Markowitz), „Hot Dog Preview“ von Massimo Gerardi und das sozialpsychiologische „Shades of Grey“ des Brachlandensembles.

Bei Irene Kalbusch (Eupen/B) sind vier ehemalige Gießener Tänzer gelandet: Masami Sakurai und Hiroshi Wakamatsu, Melodie Lasselin und Svende Obrocki. In ihrem „Hungry – Try Out“ erprobten sie nicht nur das Material Plastikfolie, sondern die Frauen auch die Umgangsweisen mit ihren Brüsten. Miranda Glikson, die schon als Fotografin in Erscheinung trat, hat dieses Mal eine Performance mit Video-Live-Projektion gewagt. Sven Gettkant kam mit vier Kolleginnen vom Ballett Eisenach, mit denen er „Shave“ einstudiert hatte, eine witzige Show rund um Frauenbilder.

Das „Elephant Circus Orchestra“ (Nürnberg) brachte Zirkus- und Cowboy-Atmosphäre mit, während Jason Jacobs in seinem Solo eher nordamerikanisches Stepdance- und Musical-Feeling transportierte. Zwei Beiträge aus Polen gingen der menschlichen Existenz auf den verzweifelten Grund: der kräftige Robert Przybyl mit „With Guts out“ und die zierliche Korina Kordova mit „Borderline“. Der männliche Teil des klassisch geschulten Jugendensembles vom „Bohemia Ballet Prag“ erfreute mit dem flotten Stück „The Red Button“ zur Menschwerdung des Mannes. Wieder gekommen waren das gemischte Duo „La Verita Dance Company“ (Athen/Brüssel) und das weibliche Trio „Breathing Art Company“ (Bari/I) mit ästhetisch ansprechenden Performances. Ein neoklassisches Pas-de-Deux fand ungewöhnlicherweise im TiL statt; die Vertreter vom Pfalztheater Kaiserslautern (Stefano Gianetti) konnten wegen eigener Vorstellung erst am Tag nach der Gala kommen.

Die letzte Spätabendvorstellung nutzen TCG-Mitglieder traditionsgemäß um eigene Choreografien vorzustellen. Die Chance nutzten: Jeroen van Acker, Robina Steyer, Mamiko Sakurai und Keith Chin, Ekaterine Giorgadze. Die bisher eher unscheinbare Hsiau-Ting Liao hatte dabei ihr umjubeltes Coming out als Tänzerin. Den ebenso aufregenden wie friedvollen Abschluss machte der Mann von der Auftaktveranstaltung. Henrik Kaalund trat jetzt als Tänzer auf, zusammen mit Katharina Wunderlich in einem wunderbar geschmeidigen, partnerschaftlichen Dialog.

Veröffentlicht am 29.05.2012, von Dagmar Klein in Kritiken 2011/2012

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