KRITIKEN 2011/2012



Stuttgart

EINER FÜR ALLE

Stuttgart feiert mit „Celebration“ 5 Jahre Gauthier Dance im Theaterhaus


  • Gauthier Dance feiert im Theaterhaus Stuttgart fünfjähriges Bestehen Foto © Regina Brocke
  • Gauthier Dance feiert im Theaterhaus Stuttgart fünfjähriges Bestehen Foto © Regina Brocke
  • Das Ensemble von Gauthier Dance feiert zusammen mit Egon Madsen im Theaterhaus Stuttgart sein fünfjähriges Bestehen Foto © Regina Brocke

Applaus brandet auf, als Eric Gauthier all jene erwähnt, denen er den Erfolg der zurückliegenden fünf Jahre seit Gründung der Gauthier Dance Company verdankt. Noch mehr Applaus gibt es im bis auf den letzten Platz ausgebuchten Theaterhaus für die Nachricht, dass Gauthier seinen Vertrag für weitere vier Jahre verlängert hat. Gratulanten der gesamten bundesrepublikanischen Ballettszene sind zur Premiere „Celebration“ angereist. Stuttgarter Promis wie der Schauspieler Walter Sittler knabbern Popcorn. Ovationen gibt es für Bekanntes („Ball Passing“/Charles Moulton; „The Sofa“/Itzik Galili und „Poppea//Poppea“/Christian Spuck) wie Neues („Taiko“/Eric Gauthier; „Freistoß“/Roberto Scafati und „Cantata“/Mauro Bigonzetti) und nicht zuletzt für den filmischen Blick hinter die Kulissen der Start-up Kompanie, die von der Produktionsfirma teamWerk seit Beginn im Herbst 2007 mit der Kamera begleitet wurde.

„Ich habe mir schon immer einen roten Teppich gewünscht“ gesteht Gauthier, der nicht nur in vier der sechs Produktionen selbst tanzt, sondern augenzwinkernd moderiert. Der Abend vermittelt das, was Ballett am besten vermitteln kann: die Leichtigkeit des Seins. Großes Kino, ironisch gebrochen, fahren die Tanzsterne in Limousinen vor, die Menge jubelt. Im Film stapfen sie als aufgebrezelte Leinwandstars über den roten Teppich ins Theaterhaus, um wenige Sekunden später im selben Outfit den Saal zu stürmen und, ganz real, einmal mehr die Bühne (und die Herzen der Zuschauer) zu erobern. Die Mischung aus Konfetti und Kindergeburtstag, aus Kino, Komödie und Kunst ist temporeich, voll Elan und genau das, was man sich in Stuttgart von einer jungen Tanztruppe wünscht.

Als Reid Anderson seinen kanadischen Landsmann Eric Gauthier nach Stuttgart engagiert, ahnten nur wenige, dass sich aus der Doppelbegabung von Tänzer und Punkrocker ein Multitasking-Man von Format entwickeln würde, der sich ans Choreografieren wagt, der den Spagat schafft zwischen künstlerischem Anspruch samt hohem technischem Niveau und guter Unterhaltung, der als Mastermind der eigenen Kompanie genau die richtigen Leute castet und der mit seiner unbefangenen Jugendlichkeit zur Identifikationsfigur heranwächst.
So leichtfüßig wie er sich von der elitären Klassik ins populäre Musikermilieu bewegt, so geschmeidig sind seine Rollenwechsel in den Stücken unterschiedlicher Choreografen. Bei Galili wird der Frauen-Eroberer vom Subjekt zum Objekt der Begierde eines homosexuellen Kollegen. In Spucks erotisch-düsterer Vision „Poppea//Poppea“ tanzt er den verwöhnten Königssohn, um hinterher in der Moderation zu sagen, dass er sich im Leben eher als ein Robin Hood der Tanzkultur versteht. In Safatis gewitzter Slowmotion-Satire zum Thema Fußball (ohne Ball), gibt Gauthier, zur Liebeserklärung von Charles Aznavours „Sur ma vie“, den leidgeprüften Schiedsrichter in den nervenzerreibenden Sekunden vor dem „Freistoß“. Gauthiers Choreografie-Premiere „Taiko“, eine fulminante Bewegungsstudie für eine Tänzerin und zwei Tänzer, bezieht Energie, Rhythmus und Esprit aus der Musik, den kraftvoll rasanten Schlägen japanischer Trommeln. Ohne die aufgebockten Schlaginstrumente je wirklich zu berühren, ist das Stück die Fortschreibung seines legendären Luft-Gitarren-Solos.

Was bleibt da noch für Mauro Bigonzetti zu tun? Ein nicht zu unterschätzender Vertrauensbeweis des vielbeschäftigten Italieners, dass er sein lyrisch-expressives Meisterwerk „Cantata“ dem jungen, 12-köpfigen Ensemble überträgt. Von den vier robusten Damen der Gruppo Musicale Assurd angeleitet, entfalten die Gauthier-Tänzer zu den archaischen Klängen der neapolitanischen Folklore eine urwüchsige Kraft, die den Abend auf besondere Weise erdet. Zurück zu Riten und Wurzeln des Matriarchats entwickeln vor allem die Tänzerinnen in Soli und Zwiegesprächen schauspielerische Qualität, überzeugt die Gruppe mit dynamischem Sog und entfesseltem Ausdruck. Dazwischen tappert, tanzt und torkelt Egon Madsen, für den Bigonzetti, abweichend vom Original, die Rolle des väterlichen Alten kreiert hat. An seiner Seite Eric Gauthier als kongenial eigenwilliger Dorfdepp – und, fast wie im wirklichen Leben, aller Sympathieträger.

Veröffentlicht am 17.07.2012, von Leonore Welzin in Kritiken 2011/2012

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