KRITIKEN 2011/2012



Nürnberg

EIN DON JUAN, DER ROCKT

Der neue Coup des Nürnberger Ballettchefs Goyo Montero


  • Rafael Rivero, Simone Elliott und Ensemble Foto © Jesús Vallinas
  • Saúl Vega, Ana Baigorri und Ensemble Foto © Jesús Vallinas

Keine Frage: Goyo Monteros neuer Coup „Don Juan“ rockt und der Nürnberger Ballettchef scheint damit endgültig auf dem besten Wege, einer der stilbildenden europäischen Choreografen zu werden, die die alte Form des Handlungsballetts mühelos, hochvirtuos und schlicht aufregend für die Gegenwart zu inszenieren weiß. Bewundernswert sind die Tänzerinnen und Tänzer, mit denen der 38-jährige Spanier seit vier Jahren am Staatstheater Nürnberg konsequent seinen Weg verfolgt.

Nicht ein Hauch von Ermüdung war der zwanzigköpfigen Truppe nach der langen Saison anzusehen. Ausgestattet mit einer fabelhaften Präsenz tanzte das fein aufeinander abgestimmte Ensemble die elf Szenen dieser letzten Uraufführung der Saison im Rahmen der „Internationalen Gluck-Opern-Festspiele“ mit beeindruckender Dynamik, voller Energie und Ausdruckskraft. Einen besseren Ausblick auf die kommende Spielzeit hätte die Kompanie nicht geben können: In nur acht Wochen am 30. September startet das Ballett des Staatstheaters Nürnberg mit weiteren Vorstellungen dieses überraschenden Wurfs.

Richtig Freude macht dieser im dramaturgischen Rhythmus perfekte ausbalancierte „Don Juan“ aus vielen Gründen: Gasttänzer Rafael Rivero, viele Jahre Erster Solist bei Nacho Duato, bildete einen Frauenverführer erster Güte ab. Schwarzes Lockenhaar um schwarze Augen, dazu ein betörender Tänzer, flanierte er im roten Gehrock durch diesen in seinem ganzen Elend sichtbar werdenden Mythos vom Manne, der nicht nur die Körper, sondern auch die Seelen der Frauen verschlang. Wie mit diesem Muster, zugleich historischen Erbe, umgehen, schließlich handelt es sich beim „Don Juan“ um eines der ersten vollständigen „ballet en action“, geschaffen 1761 vom Choreografen Gasparo Angiolini und eben mit Gluck als Komponisten? Montero entschied sich für schlicht umwerfende Tanzbilder auf einer beständig wandelnden Dreh- und Stufenbühne, die im neoklassisch-modernen Bewegungsfluss eine packende Sprache sprechen, herzhaft-direkt im Ton, wenn etwa lauter Paare im Kreis in unterschiedlichen Konstellationen zueinander stehen und Don Juan durch sie hindurchwedelt, sie verändert doch ohne Spuren zu hinterlassen.

Mit viel Witz und ironischer Distanz gelangt Montero zu einer klaren Aussage: Mythos und reale Erfahrung des „Don Juan“ werden ebenso überleben wie die Frauen, deren Lebenswege einmal ein solches Exemplar kreuzte. Befreiendes Gelächter deshalb in einem zum Schluss, als Rivero wie ein vom Kreuz davon gekommener Christus zittrig einen Fuß vor den anderen setzt und hinter ihm die Truppe auf die Hymne aller Verlassenen – „I will survive“ von Gloria Gaynor in der Version von Cake - abtanzt. Kongeniale Partnerin Riveros ist die Schauspielerin Julia Bartolome, die als Erzählerin und Teufelsfigur diabolisch-unberechenbar durchs Stück führt und die Rahmenhandlung etabliert, in der alles Geschehene nur wie ein Traum wirkt. Montero ist es dabei gelungen, Text und Tanz, Sprache und Bewegung bruchlos zueinander zu führen. Besonderer Höhepunkt ist hierbei der auf Sprachinhalt und –melodie abgestimmte ruppige Bewegungsfluss von Ana Baigorri als Dona Ines, einer Novizin, die Don Juan als höchste Errungenschaft begehrt, weil er meint, durch sie ein besserer Mensch zu werden. Eine Vielzahl von liebevoll gestalteten Momenten kommt hinzu, die, gepaart um die spannende Musikauswahl, die außer Glucks Komposition auch Tom Waits und Mozarts „Don Giovanni“ integriert, das Herz knapp zwei Stunden höher schlagen lässt.

Veröffentlicht am 29.07.2012, von Alexandra Karabelas in Kritiken 2011/2012

Dieser Artikel wurde 1609 mal angesehen.



Kommentare zu "Ein Don Juan, der rockt"



Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

LEUTE AKTUELL


ARBEITEN WIE EIN KRAFTWERK

Goyo Montero im Gespräch
Veröffentlicht am 01.12.2017, von Alexandra Karabelas


"TANZ DER MENSCHLICHKEIT"

Nestroy Spezialpreis für Doris Uhlich und Michael Turinsky mit "Ravemachine"
Veröffentlicht am 17.11.2017, von Pressetext


JÖRG WEINÖHL VERLÄSST DIE OPER GRAZ

Der Ballettdirektor wird seinen Vertrag nicht verlängern
Veröffentlicht am 13.11.2017, von Pressetext



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



CARMINA BURANA

Aufgrund des großen Erfolgs und des überwältigenden Feedbacks von Publikum und Presse, wird es am 27. und 28. Dezember 2017 zwei weitere Vorstellungen im Wuppertaler Opernhaus geben.

Zusammen mit der Junior Company, der Company und den Musicalkids vom Tanzhaus Wuppertal, sowie der 3. Klasse der St. Antonius Grundschule, bringt Zech diese klassische Meisterwerk auf die Bühne des Wuppertaler Opernhauses.

Veröffentlicht am 06.12.2017, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


GLEICHNISHAFTE BILDER VOM MISSBEHAGEN AN DIESER WELT

Das Cullbergbaletten zeigt Jefta van Dinthers „Protagonist“ im HAU Berlin
Veröffentlicht am 15.01.2018, von Volkmar Draeger

MEISTGELESEN (7 TAGE)


HERZENSANGELEGENHEIT

Mit dem Abend „Dancing Souls“ stellt sich Alfonso Palencia als Ballettdirektor in Hagen vor

Veröffentlicht am 14.01.2018, von Marieluise Jeitschko


GRENZENLOSE GRENZEN

Die Uraufführung von Jessica Nupens „Don’t trust the border“ in der Hamburger Kampnagelfabrik begeistert mit unbändiger Fantasie und Kreativität

Veröffentlicht am 18.01.2018, von Annette Bopp


FREESTYLE HAPPENINGS

Uraufführung von Jasmine Ellis „Empathy“ im Schwere Reiter in München

Veröffentlicht am 15.01.2018, von Vesna Mlakar


FEUER, WASSER – UND ROCKENDE BIENEN

Zwei Meisterwerke in Zürich: „Speak for Yourself“ von León/Lightfoot und „Emergence“ von Crystal Pite

Veröffentlicht am 14.01.2018, von Marlies Strech


FRIVOL FRANZÖSISCH

Les Ballets de Monte-Carlo: „La Mégère apprivoisée“ von Jean-Christophe Maillot

Veröffentlicht am 12.01.2018, von Hartmut Regitz



BEI UNS IM SHOP