KRITIKEN 2012/2013



München

ENTTÄUSCHTE VORFREUDE

Wiederaufnahme von Marius Petipas „La Bayadère“ beim Bayerischen Saatsballett


  • Marius Petipas „La Bayadère“. Ensemble Foto © Charles Tandy
  • Marius Petipas „La Bayadère“. Vadim Muntagirov Foto © Charles Tandy
  • Marius Petipas „La Bayadère“. Ekaterina Petina und Vadim Muntagirov Foto © Charles Tandy

Zwei schöne Frauen - die Tempeltänzerin Nikija und die Radscha-Tochter Gamzatti - im Kampf um einen stolzen Krieger in einem exotischen Ballett-Märchenland – Marius Petipas „La Bayadère“ von 1877 – vielleicht den anspruchsvollsten unter seinen Klassikern – brachte Staatsballettgründerin Konstanze Vernon 1998 in einer neuen Fassung heraus. Es sollte zu ihrem Direktionsabschied ein glanzvolles Klassik-Juwel werden. Und wurde es bei dem von Rudolf Nurejew geschulten Choreografen Patrice Bart: in seiner Tanzfülle, in seiner Dramatik, nicht zuletzt in der Pracht-Ausstattung des Japaners Tomio Mohri. Und wir lagen Maria Eichwald und Elena Pankowa zu Füßen, Lisa-Maree Cullum und später Lucia Lacarra – alle, aus einer künstlerischen Emotion heraus, wunderbare Nikijas.

Große Vorfreude jetzt bei der Wiederaufnahme (nach vier Jahren Pause) im Münchner Nationaltheater – zumal Ballettchef Liska den jungen viel gelobten Russen Vadim Muntagirov vom English National Ballet für die Rolle des Kriegers Solor eingeladen hatte. Und dann – ein Fall ins Leere. Enttäuschung fast auf ganzer Linie. Der erst 23jährige Muntagirov zeigt zwar nach einem vorsichtigen Gastauftritts-Einstieg (man kann das nachvollziehen) allmählich seine Stärken: zum Zurücklehnen technisch sichere, federnd leicht absolvierte Solovariationen. Statt Viril-Bravour – wie man sie von einem Russen erwarten würde – alle Konzentration auf Präzision, Sauberkeit, Linie. Muntagirov kam mit 17 an die Royal Ballet School und ist geprägt vom elegant britischen Understatement-Stil. Das gilt alles auch so für seine Partnerarbeit. Zusammen mit der Debüt-Nikija Ekaterina Petina, einer sehr schönen, aber dramatisch noch nicht geweckten Tänzerin, „vollzieht“ sich Liebe und Leidenschaft dann gerade mal in der Gleichführung der Ports de bras (Tipp: am 5. und 13. 10 tanzt die exquisite Bolschoi-Prima Svetlana Zakharova mit Marlon Dino).

Für einen Spritzer Erotik sorgen zumindest die wilden Hindu-Tänzer, angeführt von Wlademir Faccioni. Ein Hingucker ist auch das Debüt von Karen Azatyan als kraftvoll-kantiges „Goldenes Idol.“ Münchens einstige edel-kühle Myrtha Elaine Underwood, längst kundig-wichtige Spitzenschuhverwalterin, ist als dramatische Sklavin Aija auf die Bühne zurückgekehrt. Man wird sie sicher in weiteren Charakterrollen sehen.

Der Rest, mag es hart klingen, ist eines Staatsballetts nicht würdig. Die Nikija-Rivalin Gamzatti von Roberta Fernandes bringt ein bisschen Glamour in die matte Atmosphäre. Aber es fehlt, übrigens dem gesamten Ensemble, die für dieses Ballett unbedingt geforderte ausgefeilt-geschliffene Klassik-Technik. Und in der Pantomime, generell leider ein aussterbendes Genre, braucht es mehr als das Tragen eines pompösen Kostüms. Das Staatsballett, mit seiner pointierten Modern-Dance-Schiene, hat es natürlich schwer, für solche mächtigen Klassiker-Brocken fit zu sein. Und ausgerechnet gleich nach der langen Sommerpause, wo die Spannkraft noch nicht wieder in die Muskeln zurücktrainiert ist. Ex-Chefin Vernon hätte da garantiert auf längere Probenzeit gedrungen. Jedenfalls so getanzt, auch so ganz ohne Schatten-Akt-Poesie, degeneriert „Bayadère“ zum verstaubten Museums-Schinken. Was auch das Staatsorchester unter Michael Schmidtsdorff verhindern könnte. Selbst ein „ballettiger“ Minkus kann, wenn liebevoll musiziert, ganz gut klingen.

weitere Vorstellungen: 28.9., 4. und 5.10., 19.30 Uhr, 13.10. 18.00 Uhr. Karten 089/2185 1920

Veröffentlicht am 24.09.2012, von Malve Gradinger in Kritiken 2012/2013

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