KRITIKEN 2012/2013



Hamburg

GROßE KONTRASTE

Erste Vorstellung von Neumeiers „Kameliendame“ beim Hamburg Ballett in dieser Spielzeit


  • Hélène Bouchet und Thiago Bordin in Neumeiers “Kameliendame” Foto © Holger Badekow
  • Hélène Bouchet und Dario Franconi in Neumeiers “Kameliendame” Foto © Holger Badekow
  • Hélène Bouchet als Maguerite in Neumeiers “Kameliendame” Foto © Holger Badekow

Ein Wiedersehen mit dem Neumeier-Klassiker „Die Kameliendame“ gab es am 3. Oktober 2012 beim Hamburg Ballett, bei den Hauptrollen in einer Besetzung, die in dieser Form noch nie in Hamburg zu sehen war: Hélène Bouchet tanzte die Marguerite, Thiago Bordin den Armand. Mit einer beispiellosen Hingabe aneinander, an den Tanz, an die tragische Geschichte dieses Paares. Das war schon sehr besonders und sehr berührend. Hier wurde Bewegung ganz und gar in den Dienst des Ausdrucks gestellt, in die Darstellung großer Gefühle, ohne je übertrieben zu wirken oder ins Schwülstige abzugleiten.

Vor allem die gerade 32 Jahre alt gewordene Hélène Bouchet hat in den vergangenen Jahren an darstellerischer Kraft ungemein gewonnen. In dieser Rolle ist das besonders gefordert, und sie spielt das eben nicht nur, sie lebt es, mit allem, dessen sie fähig ist. Das macht die Magie aus, die diese Marguerite zu entfalten in der Lage ist. Sie muss nicht nur mit einer brillanten Technik getanzt werden, sondern vor allem mit der inneren Kraft der ganzen Persönlichkeit. Man kann eine Marguerite nicht spielen, man muss sie sein. Diese Qualität, das Innerste nach außen zu kehren, sich ganz und gar hinzugeben an die Figur, darin aufzugehen, fordert Neumeier in fast allen seinen Stücken, aber hier noch mehr als sonst. Hélène Bouchet ist an diesem Abend dieser Anforderung aufs Feinste gerecht geworden. In Thiago Bordin als Armand hatte sie ihren Wunschpartner – die beiden sind ein ideales Bühnen-Paar. Sie vertrauen einander blind. Gerade bei den schwierigen Hebungen und den komplizierten Pas de Deux ist das ein großes Plus. Es war Freude pur, die beiden in diesen Rollen zu sehen. Da capo bitte!

Im Kontrast dazu stand allerdings eine krasse Fehlbesetzung: Dario Franconi als Monsieur Duval, Armands Vater, wird der Rolle in keiner Weise gerecht. Im Dialog mit Marguerite macht Monsieur Duval eine Wandlung durch, die sichtbar und spürbar werden muss. Am Anfang ist er schroff ablehnend, verweigert sich, Marguerite die Hand zu küssen, wie es Sitte ist zu dieser Zeit. Sie, die Kokotte, ist in seinen Augen keine Dame, natürlich nicht. Deshalb kostet es ihn auch keine große Mühe, von ihr zu verlangen, auf Armand zu verzichten. Liebe kann es nicht geben zwischen Menschen aus so unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Erst im Laufe dieses Tanz-Dialogs wird ihm klar, was für eine tief fühlende Frau Marguerite ist, und er fühlt Erbarmen mit ihr, ohne von seiner Bitte abzulassen, dass sie auf Armand verzichten möge. Als Marguerite schließlich aus Liebe zu Armand voller Schmerz einwilligt, wächst in Monsieur Duval die Achtung vor ihr – und er küsst ihr zum Abschied Stirn und Hand. Dario Franconi macht diesen Prozess nicht nachvollziehbar, obwohl er lange genug beim Hamburg Ballett und auch alt genug ist, um zu wissen, was diese Rolle bedeutet. Man versteht bei ihm nicht, warum der Vater sich plötzlich doch Marguerite zuwendet, nachdem er sich gerade so unfreundlich behandelt hat. Diese Rolle erfordert große innere Reife und Stärke von einem Tänzer. Victor Hughes hat das beispielhaft auf der Bühne verkörpert, Eduardo Bertini ebenso, Reid Anderson (heute Ballettdirektor beim Stuttgart Ballett) und auch Carsten Jung. An diesen Vorbildern könnte sich Dario Franconi orientieren.

Als Manon kehrte Carolina Aguero nach ihrer Babypause auf die Bühne zurück – und schien weniger kühl und beherrscht zu sein als früher, da war plötzlich viel mehr Gefühl im Raum, und das steht ihr gut. Schade nur, dass Otto Bubenicek als Des Grieux, der für den erkrankten Ivan Urban eingesprungen ist, eher indisponiert schien –weniger technisch als mental. Selten ist diese Rolle mit weniger Verve und Engagement getanzt worden.

Große Kontraste also an diesem Abend – aber dank der überragenden Leistung der beiden Hauptprotagonisten überwog dann doch die Freude.

Veröffentlicht am 05.10.2012, von Annette Bopp in Kritiken 2012/2013

Dieser Artikel wurde 2536 mal angesehen.



Kommentare zu "Große Kontraste"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    DIE KRANKHEIT ZUM TODE

    Alina Cojocaru und Roberto Bolle gastieren in der „Kameliendame“

    Veröffentlicht am 06.10.2011, von Angela Reinhardt


    NUR MUT!

    Rollendebuts in der „Kleinen Meerjungfrau“ beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 12.11.2012, von Annette Bopp


    LANDSCHAFTEN ZWEIER SEELEN

    John Neumeiers Uraufführung „Purgatorio“ – Lieder von Alma Schindler-Mahler und die 10. Sinfonie von Gustav Mahler

    Veröffentlicht am 27.06.2011, von Annette Bopp


    WIEDERSEHEN MIT EINER LANGE ENTBEHRTEN

    Wiederaufnahme von Mahlers Dritter Sinfonie beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 08.11.2011, von Annette Bopp


    EINE ZEITLOSE LIEBESGESCHICHTE

    John Neumeier hat „Liliom“ von Ferenc Molnár für das Ballett adaptiert

    Veröffentlicht am 05.12.2011, von Annette Bopp


    VIELVERSPRECHENDER NACHWUCHS

    TänzerInnen des Hamburg Ballett als „Junge Choreographen“ im Schauspielhaus

    Veröffentlicht am 28.03.2012, von Annette Bopp


    EIN FURIOSER AUFTAKT

    Mit „Nijinsky Epilog“ eröffnete das Hamburg Ballett seine Jubliäums-Spielzeit – und am Horizont ziehen dunkle Wolken auf.

    Veröffentlicht am 17.09.2012, von Annette Bopp


    AUS DEM VOLLEN GESCHÖPFT

    „Onegin“ in der zweiten und dritten Besetzung in Hamburg

    Veröffentlicht am 13.12.2012, von Annette Bopp


     

    LEUTE AKTUELL


    IN MEMORIAM 'OE'

    Pick erinnert sich zum 90. Geburtstag des Tanzkritikers Horst Koegler
    Veröffentlicht am 21.03.2017, von Günter Pick


    RICARDO FERNANDO: VON HAGEN NACH AUGSBURG

    Marieluise Jeitschko sprach mit Ricardo Fernando über seine neue Wirkungsstätte
    Veröffentlicht am 19.03.2017, von Marieluise Jeitschko


    FÜR GÉRARD

    Am 14. Dezember verstarb Gérard Lemaître, der seit 1960 eine Schlüsselfigur des Nederlands Dans Theaters war.
    Veröffentlicht am 17.12.2016, von gert weigelt



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    NEXT GENERATION!

    Uraufführung - 3 Tanzstücke am 21. Februar. am Theater Trier

    "Wer ist Victor?" von Paul Hess - "Inner Jail" von Darwin José Diaz Carrero - "Going No Where" von Robert Przybyl

    Veröffentlicht am 31.01.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    WIE TANZT MAN REFORMATION?

    Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch
    Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger


    STANDING OVATIONS

    Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters
    Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    BRIDGET BREINER WAGT GROßES - UND GEWINNT

    „The Vital Unrest“ beim Ballett im Revier

    Veröffentlicht am 26.03.2017, von Marieluise Jeitschko


    WIE EIN FEDERLEICHTES TABLEAU

    „Der kleine Prinz“ von Maged Mohamed am Bayerischen Staatsballett

    Veröffentlicht am 25.03.2017, von Isabel Winklbauer


    POSTERINO IN MÜNCHEN

    Pick bloggt über „Through Pina’s Eyes“ und „Love me if you can!“ von Gaetano Posterino im HochX

    Veröffentlicht am 23.03.2017, von Günter Pick


    POWERPÄRCHEN BEI NACHT

    "Nachtstücke" beim Stuttgarter Ballett

    Veröffentlicht am 26.03.2017, von Alexandra Karabelas


    EIN OPULENTES SOMMERMÄRCHEN

    George Balanchines „Sommernachtstraum“ erstmals an der Pariser Oper

    Veröffentlicht am 24.03.2017, von Julia Bührle



    BEI UNS IM SHOP