KRITIKEN 2012/2013



München

PROTHESEN-KÖRPER UND SCHWARZE VÖGEL

Werke von Chouinard, Beutler und Siegal auf der Münchner Dance Biennale


  • Marie Chouinard “bODY_rEMIX/gOLDBERG_vARIATIONS“ Foto © C. Chouinard
  • Nicole Beutlers Version von Lucinda Childs “Radial Courses" Foto © Anja Beutler

Es muss einem nicht alles gefallen, aber farbig, abwechslungsreich – vom Multimedia-Psychotrip bis zum exaltierten Körpertheater – ist diese 13. Münchner Dance-Biennale (bis 4.11.). Die Kanadierin Marie Chouinard, hier schon durch ihre Solo-Choreografien bekannt, lässt ihr zehnköpfiges Ensemble in “bODY_rEMIX/gOLDBERG_vARIATIONS“. auf Spitze tanzen, auch die Männer. Gleichzeitig aber auch mit Gurten, Krücken und rollenden Geh-Hilfen. Für die Tänzer ungewohnte Behinderungen, die zu gebeugter, gekrümmter, abknickender (Fort-)bewegung führen. Chouinard hat sich zu ihrer Kombination von artifizieller Ballettklassik – bei ihr noch tierhaft überdehnt – und (scheinbar) lädiertem Körper eine Menge einfallen lassen: vom Gehen auf allen spitzenbeschuhten Vieren bis zu turnerischen Übungen an Ballettstangen. Eine Qualität, zugegeben, hat Chouinards Körper-Show. Für mich jedoch erschöpft sich diese hochverkünstelte ästhetische Irritation schon nach wenigen Minuten.

Durchgehende Wahrnehmungslust bei Nicole Beutler, obwohl sie „nur“ zwei musiklose Stücke der großen US-Minimalistin Lucinda Childs von 1976/77 zu einer fein abgestimmten Minimal-Komposition neu aufgelegt hat. Das von vier Tänzern vorgeführte, lediglich mit verändertem Körper-Abstand, mit Hüpfern und Kehrtwendungen variierte Schnell-Gehen und Laufen im Kreis ergibt in seiner Wiederholung dennoch – soghaften puren Tanz. Mit der Uraufführung „Black Swan“ des aktuellen Muffatwerk-Residenzlers Richard Siegal schließt Münchens Dance an die interdisziplinären Tanz-Trends an. Ex-Forsythe-Tänzer Siegal bewegt sich auf der abgedunkelten Muffathallen-Bühne mit gebrochenen Schwanen-Gesten und immer sprech-singend, während die Texte auf eine konvexe Großleinwand projiziert werden. Als eine Art Neo-Sphinx kündet er nach der „Black Swan“-Theorie (siehe dazu im Internet) von unvorhergesehenen einschneidenden Ereignissen (Waterloo, Verdun, Felix Baumgartners Rekord- Himmelssturz). Sehr ähnlich – sowohl formal wie in der suggerierten existenziellen Verunsicherung – der Flame Jan Van den Broeck, der assoziativ-kryptisch die Psyche des urban gehetzten Menschen auszuloten scheint.

Veröffentlicht am 30.10.2012, von Malve Gradinger in Kritiken 2012/2013

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