KRITIKEN 2012/2013



München

ABWECHSLUNGSREICHER EINBLICK IN DIE JÜNGERE TANZGESCHICHTE

Bayerisches Staatsballett mit "Forever Young"


  • "Broken Fall" von Russell Maliphant mit mit Stephanie Hancox, Matej Urban, Erik Murzagaliyev Foto © Charles Tandy
  • „The Moor's Pavane“ von José Limón. Tänzer: Cyril Pierre, Sèverine Ferrolier Foto © Charles Tandy
  • Ensemble in "Choreartium" von Leonide Massine Foto © Charles Tandy

Ob der werbe-clevere Über-Titel „Forever Young“/“Ewig Jung“ auf die drei präsentierten Werke zutrifft, wird erst die Zukunft zeigen. Es ist auf jeden Fall ein abwechslungsreicher Einblick in die jüngere Tanzgeschichte, mit dem das Bayerische Staatsballett jetzt die Saison im Münchner Nationaltheater eröffnete. Am Ende lang anhaltender Applaus.

Ein einziges, aber schnell überklatschtes Buh nach Russell Maliphants un-ballettischem „Broken Fall“. Von Weltsstar-Ballerina Sylvie Guillem in Auftrag gegeben und mit ihr 2003 am Londoner Royal Opera House uraufgeführt, ist es seit Jahresbeginn auch im Münchner Repertoire. Das Stück ist eine lange Folge von riskant akrobatisch bewegten Körper-Skulpturen im Raum. Stephanie Hancox, Matej Urban und Erik Murzagaliyev sind fit beim Übereinander-Klettern, bei den equilibristischen Zweier- und Dreier-Figuren, dem zirzensischen Stehen auf Partnerschultern und blind vertrauendem Stürzen in auffangende Partnerarme. Aber es fehlt noch eine aus starker Tänzerpersönlichkeit heraus wirkende Extra-Qualität, die Maliphants Live-Bildhauerei, Michael Halls' bewusst fahl düsterem Licht und Barry Adamsons distanziertem filmischem Soundtrack erst die beabsichtigte Traumhaftigkeit verleiht. (Hancox und Urban, beide zweite Besetzung, sind wegen Kollegen-Verletzung kurzfristig eingesprungen!).

Wie „Broken Fall“ wäre auch José Limóns „The Moor's Pavane“ von 1949 besser auf einer kleineren Bühne (im Cuvilliés-Theater zum Beispiel) aufgehoben. Enger herangerückt an diesen Klassiker aus der Zeit des US-Modern-Dance-Aufbruchs würde man das klug geraffte Eifersuchtsdrama um Othello und Desdemona wahrscheinlich packender erleben. Sehr geschickt hat Limón die von Jago und seiner Frau eingefädelte Intrige in die gemessen schreitende Pavane (Musiken aus Henry Purcells „The Gordian Knot Undited“ und „Abdelazer oder The Moor's Revenge“) eingeflochten. Ein Flüstern ins Ohr, ein Spiel mit dem weißen Taschentuch, Umarmung hier, Wutausbruch da, das alles fügt sich in diesen höfisch eleganten, hier jedoch etwas blass wirkenden Reigen. Liegt es allein an dem großen Bühnenraum? Oder doch auch am heute befremdlich anmutenden Tanzgestus des frühen expressiven Modern Dance – in den sich die vier Protagonisten Cyril Pierre (Mohr), Séverine Ferrolier (Desdemona), Tigran Mikayelyan (der Freund Jago) und Gözde Özgür (dessen Frau) noch nicht intensiv genug eingefühlt haben? Im Grunde letztlich daran, dass pantomimischen Ausdruck forderndes Ballett-Theater heute ein nicht mehr kultiviertes Genre ist? Heute können Tänzer viel eher mühelos komplizierte Schritte und Sprünge auf die Bühne fetzen. Und da sind sie natürlich im neoklassischen „Choreartium“ von Léonide Massine gleich zu Hause. 1933 uraufgeführt von den Ballets Russes de Monte Carlo im Londoner Alhambra Theatre, war dieser viersätzige Tanz-Marathon zu Brahms' 4. Symphonie (am Pult Robertas Servenikas) mit das erste abstrakte, rein auf die Musik bezogene Ballett. Also ohne Inhalt, aber durchwebt mit allen damaligen tänzerischen Neuheiten, von den pseudo-indischen Tänzen der US-Tanz-Pionierin Ruth St. Denis und der Zweidimensionalität in Nijinskys Balletten bis zum Expressionismus der großen Mary Wigman. Und so Tanzsequenz nach Tanzsequenz: jeder Schritt exakt auf Note, Takt und Rhythmus, gefühlt stimmig, nie mechanisch.

Bei musikalischen Aufschwüngen schweben die Damen hoch oben auf starken Männerarmen. In Allegro-Passagen flitzen die Männer in Speed-Sprüngen und -Pirouetten über die Bühne. Im so sanft-melodischen Andante-Moderato, in seiner Ruhe und architektonischen Klarheit der schönste Satz, schreiten die Mädchen in langen Reihen mit übereinander gekreuzten Armen andächtig wie Jungfrauen eines kultischen Festes. Spalten sich auf zu Dreier-Reihen. Vereinen sich wieder zu rankenden Art-déco-Figurationen, während Lucia Lacarra, eine wunderbare Oberpriesterin, ihre lyrischen Arme das hohe Lied des Tanzes „singen“ lässt.

Man kann nur staunen über Massines musikalisch-strukturelle Mammut-Leistung. Auch über die engagierte Ausdauer, mit der Massines Sohn Lorca – selbst ein anerkannter Choreograf – und seine Assistentin Anna Krzyskow diesen choreographischen Brocken dem Staatsballett einstudiert haben. Und großen Respekt zollt man den Tänzern – damals wie heute –, die all diese sich überlagernden Schrittmuster und verzwickten Raumwege im Kopf haben.

Im Münchner Ensemble aufgefallen: Lisa-Maree Cullum, die endlich aus der Mutterschaftspause zurück ist. Lukás Slavický und Tigran Mikayelyan in energiegeladener Bestform. Und Ivy Amista, die nach langwieriger Verletzung hier gertenschlank, in Ausdruck und tänzerischer Allüre gereift, sich als vielversprechende Ballerina empfiehlt. Für heutige Zeitbegriffe ist „Choreartium“, wie der Brahms, zu lang. Das Ballett kann auch seine Entstehungszeit nicht leugnen. Wenn es dennoch ganz modern wirkt, verdankt sich das zu einem guten Teil der heute (im Vergleich zu 1933) besseren Tanztechnik. Wobei das Bayerische Staatsballett da schon noch ein bisschen zulegen kann. Verdankt sich aber auch der neuen Ausstattung des holländischen Künstlers Keso Dekker: hautenge, Körper und Tanz herausstellende Trikots und spitzenleicht schwingende Kleidchen, je nach Satz in Blau-, Grün- und Rosttönen, in Gelb, Schwarz und Violett. Und auf seinen aus breiten Bändern bestehenden Hängern – die Massines Struktur-Besessenheit aufnehmen – wiederholt sich in wechselndem Lichtspiel (Christian Kass) die Farbsinfonie seiner Kostüme.

nochmals 23., 29. Nov., 19.30 Uhr, Tel. 2185 1920

Veröffentlicht am 20.11.2012, von Malve Gradinger in Kritiken 2012/2013

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