KRITIKEN 2012/2013



Hamburg

RAP AUF BALLETT – BALLETT AUF RAP

Das Bundesjugendballett wagt ein bemerkenswertes Experiment im Rahmen von „Im Aufschwung IV“ im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater


  • Yukino Takaura und Graeme Fuhrmann in ”Dressed up in Tissue Paper” von Natalia Horecna Foto © Melanie Ferreira Caetano
  • Maurus Gauthier und Daan van den Akker in "Hide and Seek" von Marc Jubete Foto © Marcus Renner
  • Das Bundesjugendballett und Rapper OMP bei "Rap auf Ballett"" Foto © Marcus Renner
  • Das Bundesjugendballett und die Rapper AKA AJ (links) und OMP bei "Rap auf Ballett" Foto © Marcus Renner

„Im Aufschwung“ heißen die Ballettabende, die das Bundesjugendballett in Kooperation mit dem Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg präsentiert – in diesem Jahr jetzt schon zum vierten Mal. Es war ein Abend der überwiegend positiven Überraschungen.

Zu Anfang stand noch einmal „Dressed up in Tissue Paper“ auf dem Programm, ein Stück der ehemaligen Solistin des Hamburg Ballett Natalia Horecna, die seit geraumer Zeit beim Nederlands Dans Theater zuhause ist und sich mehr und mehr zur Choreografin mausert. Schon im Januar diesen Jahres hatte das Bundesjugendballett (BJB) dieses Stück bei „Im Aufschwung I“ aus der Taufe gehoben, und die erneute Begegnung zeigt: damit hat das achtköpfige Ensemble ein Kleinod im Repertoire – spannungsgeladen, ebenso witzig wie melancholisch und technisch wie darstellerisch höchst anspruchsvoll. Die zehn Monate Zwischenzeit haben der Präsentation gut getan, Ballettmeister Yohan Stegli hat im Training ganze Arbeit geleistet. Das Stück wirkt jetzt tänzerisch ausgereifter, ausdrucksstärker, intensiver. Und immer noch gibt es Neues zu entdecken! Möge das BJB dieses Stück bitte immer und immer wieder zeigen. Und möge Natalia Horecna für weitere Choreografien zurückkehren – gerne auch zum Hamburg Ballett selbst! Der zweite Teil des Abends gehörte drei Pas de Deux, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft repräsentieren sollten. Der Anfang stammte aus dem Gestern und war ein schockartiger Kontrast zum davor Gezeigten: ein Pas de Deux aus „La Sylphide“, Generalprobe für den Katalanen Aleix Martinez und die Chinesin Xue Lin vom Hamburg Ballett für die Erik-Bruhn-Competition in Kanada, an der die beiden teilnehmen werden. Das ließ zwar technisch kaum zu wünschen übrig (abgesehen von ein paar nicht so richtig sauber gelandeten double tour en l’air von Aleix Martinez, der das aber eigentlich im Schlaf kann), und das war auch schön zelebriert, wirkte nach diesem fulminanten Auftakt aber doch etwas deplatziert. Und es ist schon gewöhnungsbedürftig, wenn sich eine grazile Chinesin und ein für sie etwas zu klein gewachsener Spanier um dieses doch arg verstaubt wirkende Werk bemühen...

Definitiv interessanter dann das Beispiel aus dem Heute: „Hide and Seek“ von Marc Jubete, Gruppentänzer beim Hamburg Ballett, der dieses Stück 2010 im Rahmen seiner Kompositionsarbeit in der Theaterklasse choreografiert hatte. Ein erstaunlich reifes, gesammeltes Stück auf A-capella-Musik von Imogen Heap, wunderbar schlicht und hoch konzentriert getanzt von den BJB-Tänzern Maurus Gauthier und Daan van den Akker. Ebenso innig: „Nocturne“ von Kevin Haigen, dem Künstlerischen Direktor des BJB, auf Musik von Antonin Dvorak, eine Hamburg-Premiere in neuer Fassung. Winnie Dias und Graeme Fuhrmann interpretierten diese Liebeserklärung an die Liebe auf sehr feine, zurückhaltende Art. Weniger war hier wirklich mehr – eine große Leistung dieser ja noch sehr jungen Tänzer.

Der Clou des Abends kam dann aber nach der Pause mit „Rap auf Ballett“, das besser mit „Ballett auf Rap“ betitelt wäre. Denn nicht die Rapper haben ihre Texte auf die Tänzer abgestimmt, sondern umgekehrt orientieren sich die Tänzer mehr am Rap, an der Musik, an den Texten. Und werden von der Bühnenpräsenz der beiden Rapper fast an die Wand gespielt. OMP (31) stellt sich in einem der Stücke selbst mit den Worten vor: „Mein Name tut nichts zur Sache, doch für dieses Projekt nennt mich doch einfach den Baryshnikow des Rap – yeah!“ Aus dem Munde eines bulligen Kahlkopfs zu den hämmernden Beats klingt das einfach urkomisch und spricht für eine unerwartet intelligente Selbstironie. Wie auch sein Kollege AKA AJ (26) hat auch OMP in der Justizvollzugsanstalt Rottenburg eingesessen – und dort entstand dieses ungewöhnliche Projekt. Schwere Jungs und Tanz – geht das zusammen?? Es geht! Und wie! Die Poesie des Raps wird durch den Tanz verstärkt, und die TänzerInnen des BJB lassen sich zum Glück nicht verleiten, plötzlich in wilden Hip-Hop auszubrechen oder den Rap zu persiflieren. Sie bleiben das, was sie sind: klassische TänzerInnen, die aber auch ausbrechen können aus den Konventionen.

Die Rap-Texte (mit Titeln wie „Headbanger“, „Kriminelle Energie“, „Tagebuch“, „Was du nicht weißt“, „ClickClickBang“) handeln von Sehnsucht und Trauer, von Einsamkeit und Aggression, von Liebe und Hass. AKA AJ, OMP und weitere Autoren (die noch einsitzen und deshalb vom Band zugespielt werden) zeigen darin eine bemerkenswerte Sensibilität und Verletzlichkeit, und wieder einmal wird deutlich, dass Kreativität unteilbar ist – wer schöpferisch arbeitet, wird Mensch, ganz egal, was er sonst in seinem Leben so alles angestellt hat. Diese Jungs können noch so viel verbrochen haben – wenn sie ihre Seele zeigen, enthüllen sie ihr empfindsames Inneres, da sind sie Menschen wie du und ich. Es sind Texte wie: „Ich stehe abends am Fenster und möchte nur schreien“, „warum tust du mir das an, warum hast du mich verlassen“, „Waffen und Drogen, das war mein Praktikum“, „ich werd’ mich niemals verändern, oder doch? ich hab gelernt“, „eines Tages öffnet sich auch für mich das Tor...“ Oder: „Was mich schmerzt im Herzen, tu ich auf Papier niederlegen, ich red mir den Frust von der Seele, dann hab ich einen Grund, wieder weiterzumachen, dann kann ich ein neues Kapitel anfangen“, sagt einer der Jungs in dem Dokumentarfilm, den Lukas Palm zu diesem Projekt gedreht hat (den Trailer gibt’s bei youtube ).

Die Tänzer greifen das auf, setzen die mitreißenden Beats in Bewegung um, zu zweit, einzeln, im Ensemble. Sie kombinieren Klassik und Moderne, Tütüs, Trikots, legere Kleidung. Die Bühne wird währenddessen nach hinten geöffnet, auf die Rückwand aus Baumaterial werden Ausschnitte aus dem Dokumentarfilm projiziert. Manches erscheint improvisiert, ist aber doch durchgearbeitet und eine feste Choreografie der TänzerInnen selbst, die mit Unterstützung von Kevin Haigen und Yohan Stegli entstanden ist. „Unser Ziel dabei war, eine Verbindung zwischen Rap und Ballett herzustellen“, sagt BJB-Tänzer Maurus Gauthier. „Die Gefangenen hatten am Anfang eine völlig falsche Vorstellung von Ballett – Mädchen in Tüllröcken und Jungs in Strumpfhosen... Es war toll zu zeigen, was es wirklich ist.“ Und auch Tänzerin Winnie Dias ist begeistert über die neue Erfahrung: „Für uns sind die Rapper ganz normale Menschen, sie sind Künstler wie wir, sie machen gute Musik – das hat die Zusammenarbeit erleichtert. Klar waren wir anfangs noch etwas scheu und ängstlich, wir waren ja noch nie im Gefängnis und wussten nicht, wie die Leute dort reagieren würden.“ Sie reagierten begeistert: „Bei der Vorstellung im Knast gab es anfangs viel Gelächter, aber am Schluss mussten wir den Rap ‚Ab in den Knast’ dreimal wiederholen, und alle sangen mit!“, erinnert sich Maurus Gauthier.

Tanz und Rap laufen auf der Bühne allerdings nebeneinander her, nur einmal gibt es eine direkte Begegnung zwischen einer Tänzerin und OMP, der ihr galant beim Aufstehen hilft. Diese Distanz ist durchaus gewollt. Denn: „Der Rap steht für sich“, erklärt AKA AJ. „Wir sind wir, wir sind wie wir sind auf der Bühne. Das reicht. Mir reicht schon das Publikum, und mein Kumpel. Die Tänzer machen ihren Job, wir unseren. Wenn du vorne bist und hinter dir geht’s ab bei den Tänzern, das ist schon cool. Die machen ihre Sache gut, dann will ich es auch gut machen.“ Und sein schwergewichtiger Kumpel OMP ergänzt: „Wir machen die Begleitmusik, den Tanz überlassen wir den Profis. Beweg Dich mal mit 107 Kilo im Takt... Nein, ich habe Respekt vor den anderen, ich würde nur stören!“ Rap und Ballett – das scheint eine vielversprechende Kombi zu sein. Und die Aufführungserie jetzt in Hamburg war sicher nicht die letzte. Gefängnisse gibt es überall – und es wäre zu wünschen, dass das Projekt bundesweit Schule macht. Denn Kultur öffnet die Herzen – im Knast ebenso wie im Theater. Das teilweise recht hanseatische Publikum im Ernst-Deutsch-Theater (der Lions Club überreichte dem BJB anlässlich der Premiere von „Aufschwung IV“ einen Förder-Scheck über 40.000 Euro) riss es nach diesen 30 Minuten jedenfalls von den Sitzen, und es huldigte den schweren Jungs und den TänzerInnen mit Standing Ovations. So etwas gibt es nicht alle Tage. Also nichts wie hin!

Weitere Vorstellungen am 22. und 23. November im Ernst-Deutsch-Theater, jeweils 19.30 Uhr. Karten zu 20-34 Euro (Schüler 9 Euro) über Telefon 040-22701420 oder online unter tickets@ernst-deutsch-theater.de

Veröffentlicht am 21.11.2012, von Annette Bopp in Kritiken 2012/2013

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Kommentare zu "Rap auf Ballett – Ballett auf Rap"



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