KRITIKEN 2012/2013



Zürich

ZART UND STARK: „GEFALTET“

Ein „choreografisches Konzert“ für acht Tanzende und vier Musizierende von Sasha Waltz und Mark Andre


Vier Tänzer schieben einen Flügel von rechts außen auf die Bühnenmitte. Der Pianist spielt unverdrossen weiter, und die auf dem Instrument herum kraxelnde Tänzerin lässt sich auch nicht beirren. Ein Kraftakt für alle Mitwirkenden, der leicht in Klamauk ausarten könnte. Tut er aber nicht: Die Szene spielt sich heiter, leicht und locker ab.

Das Zusammen- und Ineinanderwirken von Tanz und Musik in „Gefaltet“ fasziniert. Das Stück, so irritierend wie poetisch, erlebte im Januar 2012 in Salzburg seine Uraufführung und kam jetzt auf Einladung des Schauspielhauses für zwei Abende nach Zürich in die Schiffbauhalle. Mit großem Erfolg. Die je vier Tänzerinnen und Tänzer haben verschiedene Hautfarben; ihre Kostüme weisen über Kontinente und Zeiträume vom 18. bis 21. Jahrhundert hin. Alle tanzen barfuß, ihr Bewegungsstil ist aber alles andere als einheitlich. Trotzdem fügen sie sich wie selbstverständlich in die Ensembleszenen ein, die ihrerseits an alte Gemälde erinnern. Oder an kostbare Porzellanskulpturen, deren farbige Figuren lebendig geworden sind. Sie bewegen sich ebenso behutsam wie eigenwillig, in der Balance von Zart und Stark.

In fünf Blöcken erklingt Mozart-Musik, wunderbar live gespielt von einem Streichtrio und einem Pianisten, auch sie alle barfuß. Viermal schieben sich zeitgenössische Kompositionen des Franzosen Mark Andre dazwischen, die dieser für und mit Sasha Waltz entwickelt hat. Natürlich besteht ein starker Kontrast zwischen den beiden Musikstilen aus dem 18. und 21. Jahrhundert. Aber der Kontrast ist ungewohnt. Mark Andre reduziert nämlich Melodie und zeitweise auch den Rhythmus, wie sie Mozart auszeichnen. Stattdessen wendet er sich den Anfängen der Instrumente zu, lässt Geige, Bratsche, Cello, Klavier und ihre Saitenbespannungen zu klanglichem Experimentiermaterial werden. Da zischt, pocht, kratzt es – übrigens nicht als Improvisation, sondern ab Notenblatt. Der Komponist selber spricht von „Klangruinen und Klangschatten“ und präzisiert: „Es geht um den Wechsel, den Abschied, den Anfang und das Ende von Klangtexturen, Klangfamilien und inneren Klangräumen.“ Am Schluss von „Gefaltet“ erklingen zwei Mozart-Stücke, zuletzt der erste Satz aus dem Klavierquartett g-moll (KV 478). Auf dem Boden liegend, wohlig erschöpft und trotzdem aufmerksam hören die Tänzerinnen und Tänzer zu. Vorher haben sie nicht nur Musik von Mozart und Mark Andre interpretiert, sondern sich mit den Musizierenden gegenseitig ergänzt und verflochten. Die eingangs beschriebene Szene mit dem herum geschobenen Flügel war nur eine unter anderen Konstellationen. Unvergesslich bleibt etwa, wie der afrikanische Tänzer Edivaldo Ernesto die deutsche Violinistin Carolin Widmann hochhebt, ihre Beine nach oben und den Kopf nach unten richtet: Doch die Musikerin geigt unentwegt weiter, mit jenem Wohlklang, die ihr Spiel den ganzen Abend lang auszeichnete.

Veröffentlicht am 09.12.2012, von Marlies Strech in Kritiken 2012/2013

Dieser Artikel wurde 618 mal angesehen.



Kommentare zu "Zart und stark: „Gefaltet“"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    FREESTYLE HAPPENINGS

    Uraufführung von Jasmine Ellis „Empathy“ im Schwere Reiter in München
    Veröffentlicht am 15.01.2018, von Vesna Mlakar


    GLEICHNISHAFTE BILDER VOM MISSBEHAGEN AN DIESER WELT

    Das Cullbergbaletten zeigt Jefta van Dinthers „Protagonist“ im HAU Berlin
    Veröffentlicht am 15.01.2018, von Volkmar Draeger


    HERZENSANGELEGENHEIT

    Mit dem Abend „Dancing Souls“ stellt sich Alfonso Palencia als Ballettdirektor in Hagen vor
    Veröffentlicht am 14.01.2018, von Marieluise Jeitschko



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    MARIA HASSABI. STAGING: SOLO #2 (2017)

    Die Künstlerin und Choreographin Maria Hassabi gastiert vom 09.12.2017 – 21.01.2018 mit ihrer Live Installation „STAGING: Solo #2" in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Grabbe Halle)

    Das Projekt ist Auftakt einer geplanten Performancereihe der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen.

    Veröffentlicht am 08.12.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    GLEICHNISHAFTE BILDER VOM MISSBEHAGEN AN DIESER WELT

    Das Cullbergbaletten zeigt Jefta van Dinthers „Protagonist“ im HAU Berlin
    Veröffentlicht am 15.01.2018, von Volkmar Draeger

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    HERZENSANGELEGENHEIT

    Mit dem Abend „Dancing Souls“ stellt sich Alfonso Palencia als Ballettdirektor in Hagen vor

    Veröffentlicht am 14.01.2018, von Marieluise Jeitschko


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    PETER MARTINS TRITT ZURÜCK

    Der langjährige Leiter des New York City Ballets verlässt im Zuge der Vorwürfe sexuellen Missbrauchs die Kompanie

    Veröffentlicht am 02.01.2018, von tanznetz.de Redaktion


    POSTERINO’S NEUESTE WERKE ALS URAUFFÜHRUNGEN IN MÜNCHEN AUF DER BÜHNE

    20. Januar 2018: Ballett-Gala im Theater KUBIZ zeigt hochkarätiges Programm mit nationalen und internationalen Gästen

    Veröffentlicht am 20.12.2017, von Anzeige


    VON DER VERGÄNGLICHKEIT ALLEN LEBENS

    Eine Uraufführung von Adriana Hölszky und Martin Schläpfer: „Roses of Shadow“ in Düsseldorf

    Veröffentlicht am 17.12.2017, von Marieluise Jeitschko



    BEI UNS IM SHOP