KRITIKEN 2012/2013



Darmstadt

BURN OUT SYNDROM AUF DER BÜHNE

Uraufführung von „Lala auf der Couch“ von Mei Hong Lin


  • Rechts sitzt Rie Akiyama als Kind-Lala, im roten Kleid rennt die Mireia Gonzalez Fernandez als Traum-Lala und in der Mitte sitzt Andressa Miyazato, die reale Lala in Mei Hong Lins „LaLa auf der Coach“ Foto © Barbara Aumüller
  • Redaktionschaos in Mei Hong Lins „LaLa auf der Coach“ Foto © Barbara Aumüller
  • Andressa Miyazato als Lala und ihr Psychoanalytiker, getanzt von Wout Geers, in der Choreografie „LaLa auf der Coach“ von Mei Hong Lin. Foto © Barbara Aumüller

Nun hat es das „Burn out Syndrom“ auch auf die Tanztheaterbühne geschafft, auf die des Staatstheaters Darmstadt. Was früher Überarbeitung und Erschöpfung genannt und mit einer mehr oder weniger langen Auszeit kuriert wurde, das ist heute fast zur Modekrankheit geworden, die der Psychotherapie bedarf. Erst recht in bestimmten Kreisen der USA, in denen die Psychoanalyse zum Leben dazu gehört. Zumindest das wissen wir seit Woody Allens Filmen, längst gehen auch Gangsterbosse wie Soprano zum Therapeuten. Und die USA sind auch Lieferant von Filmen wie „Der Teufel trägt Prada“ und TV-Serien wie „Sex in the City“.

Dieser kulturelle Untergrund schwingt mit beim neuesten Tanzstück von Tanztheaterdirektorin Mei Hong Lin. Sie stattet ihre Hauptdarstellerin Lala, Chefredakteurin eines erfolgreichen Modemagazins, mit einem Mitarbeiterstab aus, der weniger einem geordneten Bürobetrieb gleicht als einem Tollhaus der Eitelkeiten. (Ist es Zufall, dass vor kurzem „La Cage aux Folles“ in Darmstadt Premiere hatte, bei dem die Tanzcompagnie ebenfalls mitwirkt?) Kein Wunder, dass Lala einen Zusammenbruch erleidet und sich in Therapie begibt. Allerdings ist auch der Psychoanalytiker sehr merkwürdig und kaum Vertrauen erweckend; seine Figurenzeichnung soll laut Dramaturgie ironisch sein, wirkt an dieser Stelle jedoch abwertend. Ist schon die Realitätsebene ein Tollhaus, so sind die Erinnerungen und Träume, die Lala während ihrer Therapie durchmacht, überbordend vor phantastischen Gestalten in einem fremden, oft Angst machenden Ambiente.

Das Chaos wird gelenkt durch eine strenge Regie und ein ebenso schlichtes wie wirkungsvolles Bühnenbild (Dirk Hofacker): auf der Vorderbühne ein weißes Längsoval mit Jugendstilanklängen, in dem Büro und Praxis verortet sind, im Hintergrund eine Blackbox für die Traumszenen. Auch über die Kostüme (Bjanka Ursulov) wird der Blick gebündelt und gelenkt: beim Mitarbeiterstab reichen diese von exzentrisch bis konservativ, bei den Verwandten sind sie hellblau und bei diversen andere Figuren so grotesk, dass sie geradewegs aus Comics zu kommen scheinen. Lala als Redakteurin hat einen roten Hosenanzug an, als unbeschwert fröhliche Frau eine langes rotes Kleid und als Kind ein rosa Kleidchen. Durchgängig dabei ist die Figur „Blue“, die aus Lalas Kindheit kommt, sie immer begleitet, geschützt und getröstet hat; psychoanalytisch gedeutet als ihr Unbewusstes.

Dazu kommt die Musik von Serge Weber, die zwischen Weltmusikzitaten, Collagen aus Alltagsgeräuschen und Stimmen, zwischen Klangteppichen und akzentuierten Rhythmen changiert. Die Musik scheint den Tanzenden auf den Leib geschrieben oder andersherum, die Choreografin lässt die Körperbewegungen ganz dicht am Sound. Den schwierigsten Part zu bewältigen hat Andressa Miyazato als Lala, schon weil sie die ganzen anderthalb Stunden nahezu ununterbrochen auf der Bühne ist, aber vor allem wegen der unglaublichen Intensität ihre Darstellung. Die bizarre Rolle des Blue füllt Christopher Basile mit großen Gesten und überzeugender Präsenz. Mei Hong Lin erzählt sehr bildhaft und direkt, nutzt gern Sprichwörter wie „eine harte Nuss knacken“ - die Aufgabe des Psychotherapeuten, der entsprechend mit Nüssen hantiert. Lins Tanzsprache visualisiert auf erstaunliche Weise unser Sprechen über Gefühle: ausrasten und überschnappen, sich vor Angst verkriechen und sich Schutz suchend an jemand anlehnen, vor Freude übermütig werden und nicht wissen wie man aus lauter Verliebtheit jemanden ansprechen soll. Am Ende gilt: alles wird gut. So sehen die Märchen unserer Zeit aus.

Die nächsten Vorstellungen: 20. und 26.12., 13. und 19.1.

www.staatstheater-darmstadt.de

Veröffentlicht am 15.12.2012, von Dagmar Klein in Kritiken 2012/2013

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