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Dresden

TANZEN KANN MAN ÜBERALL

Junge Choreografen vom Semperoper Ballett in der Gläsernen Manufaktur von Volkswagen Dresden



Zum dritten Mal ein Forum für junge Tänzerinnen und Tänzer vom Semperoper Ballett sich als Choreografen zu präsentieren. Zu erleben waren am Wochenende am außergewöhnlichen Ort, den es mitunter zu bezwingen galt, sieben gänzlich unterschiedliche Arbeiten.


  • Zarina Stahnke in Yuki Ogasawaras "Self Acceptance" Foto © Ian Whalen
  • Jossia Clement in Caroline Beachs "Holding the light" Foto © Ian Whalen
  • Julia Weiss und Jon Vallejo in "Unreachable" von Duosi Zhu und Raquel Martinez Foto © Ian Whalen

Zum dritten Mal ein Forum für junge Tänzerinnen und Tänzer vom Semperoper Ballett sich als Choreografen zu präsentieren. Zu erleben waren am Wochenende am außergewöhnlichen Ort, den es mitunter zu bezwingen galt, sieben gänzlich unterschiedliche Arbeiten.

Der Abend beginnt romantisch, elegisch gar und endet turbulent. Mache Arbeiten konzentrieren sich auf die Tanzfläche vor dem außergewöhnlich breiten Publikumspodest. Andere spielen mit den Möglichkeiten räumlicher Grenzenlosigkeit vor Nobelkarossen hinter Glas auf mehreren Stockwerken, einer von zwei Seiten begehbaren Kugel, Treppenaufgängen und im Dunkel verschwindender, weiter, ferner Räume.

Zu Beginn rein optisch reizvolle Gegensätze. Szenen im Salon, beim Picknick oder im Atelier, Menschen gekleidet nach der Mode am Beginn des letzten Jahrhunderts in der futuristisch, praktikablen Glasarchitektur der Autofabrik von heute. Ungewöhnlicher noch in diesem Ambiente die Musik: Gustav Mahlers „Adagietto“ aus der fünften Sinfonie. Aschenbach im Autohaus? Oder der einsame Mahler im seelischen Konflikt mit einer so unerreichbaren wie eckig agierenden Malerin an ihrer Staffelei hoch oben über der Tanzfläche?

Eindrucksvolle Charakterstudien von Jón Vallejo und Julia Weiss, Genrebilder mit 15 weiteren Tänzerinnen und Tänzern in dieser sehr persönlichen Choreografie „Unreachable“ von Duosi Zhu & Raquél Martínez deren ästhetische Kraft es aber noch nicht mit den Emotionen der Musik Gustav Mahlers aufnehmen kann.

„Self-acceptance“ nennt Yuki Ogasawara ihre Choreografie für Elena Diéguez, Zarina Stahnke und Emanuele Corsini. Da tanzt das dreimal gespiegelte „Ich“, als eine Tänzerin, die sich so gut wie doppelt, einem Tänzer, dem der attraktivste Part vorbehalten ist, auf der Suche nach Selbstachtung und Akzeptanz zwischen drei Spiegeln mitunter in nahezu klassischer Eleganz.

„Zeitgeist“ von Zarina Stahnke, versteht sich als Hommage an die expressionistische Künstlergruppe „Brücke“ mit ihren ästhetischen und persönlichen Korrespondenzen zwischen Tanz, Musik und Malerei. Es bleibt letztlich aber ein schön anzusehender Elfenreigen der Tänzerinnen Yuki Ogasawara, Gina Scott, Zarina Stahnke und Sonia Vinograd mit gelegentlicher Farbperformance.

Waltet in diesen ausgesprochen sehenswerten Arbeiten doch eine gewisse Vorsicht, auch manches Zugeständnis an unverbindliche Gefälligkeit, so setzt Caroline Beach mit „The Holding Light“ einen Kontrast. Zwei Tänzerinnen, zwei Tänzer, ein Hut, ein Scheinwerfer. Zu sehen gibt es Bezugsvarianten, auch ein bisschen Brutalität und immer wieder schöne Schattenspiele von geheimnisvoller Wirkung in der Dunkelheit des großen Raumes. Da tanzen und schlittern die Menschen, werfen Schatten, stellen einander ins Licht und blenden sich aus. Von blendender Erscheinung und tänzerischer Präsenz hier Casey Ouzounis als Teilnehmer des Elevenprogramms mit der Palucca Hochschule für Tanz Dresden.

Fern vom Zuschauerpodest, auf einem Podium im weiten, rechten Drittel des großen Raumes, leuchtet ein Kleid, das Verwendung als Lampenschirm findet. Eine Tänzerin entfernt sich, verschwindet in einer der Öffnung in der großen Kugel hinter der Tanzfläche um aus der anderen wieder zu kommen, eine Videoprojektion macht die Kugel farbig. „Angst“, so einer der beiden Musiktitel von The Krauts & Marsimoto im deutschen Hip-Hop-Stil. Johannes Schmidt nennt seine Choreografie „Ich das Neue, Du das Dunkel“. Cindy Hammer, als Gast aus der Dresdner freien Tanzszene, überzeugt mit ihren kraftvollen Bewegungen der beständigen Veränderungen angesichts der großen Dimensionen dieses Raumes. Dem eigenwilligen Rätsel kann man sich ob seiner kraftvollen, sehr individuellen Haltung nicht entziehen.

Freundlich und ein wenig verspielt tanzen Gina Scott und Saverio Pescucci ein so maßvolles wie elegantes Duett zur Musik von Ennio Morricone, das Claudio Cangialosi unter dem Titel „With(in)“ für sie kreiert hat. Cangialosi ist es auch, der zum Abschluss das Stimmungsruder regelrecht herumreißt in seiner Choreografie „Real D“ für 25 Tänzerinnen und Tänzer. Kein Stück für Menschen mit Flugangst, denn jetzt heben wir ab in einem wilden Mix aus Filmsequenzen und starken Tanzvarianten, bei dieser wilden Jagd durch die Genres. Sience fiction, Mystery und Fantasy, Agententhriller, Flugzeugentführung oder kosmische Katastrophe, tanzende Terroristen und sogar Außerirdische toben wild durch den futuristischen Raum. Da möchte man doch allzu gerne wissen, wann der nächste Flug geht, wann es wieder möglich ist abzuheben mit den jungen Choreografinnen und Choreografen vom Semperoper Ballett.

Veröffentlicht am 22.01.2013, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Tanz im Text, Kritiken 2012/2013

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Kommentare zu "Tanzen kann man überall"



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