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München

NICHT OHNE HELDEN

Jungchoreograf Terence Kohler wagt sich mit "Helden" wieder an einen Abendfüller



Dringend gesucht: junge Choreografen, die Abendfüller für große Kompanien erarbeiten können. Wieder ein Fall für Terence Kohler, der sich beim Staatsballett ein Thema mit mythologischer Tiefe und aktuellen Bezügen vorgenommen hat.


  • Terence Kohler Foto © Sakari Viika/ Finnisches Nationalballett
  • Das Ensemble des Bayerischen Staatsballetts in Terence Kohlers Uraufführung von "Helden" Foto © Wilfried Hösl
  • Terence Kohlers "Helden" Foto © Wilfried Hösl
  • Emma Barrowman (Athena Parthenos), Lukaš Slavický (Prometheus) in Terence Kohlers "Helden" Foto © Wilfried Hösl

Terence Kohler hat sich minimalst verspätet, bittet höflich vielmals um Entschuldigung.Probenarbeit, Meetings, Photoshooting – der übliche Premierenstress eines Künstlers −, dafür hat man Verständnis. Nein, vom Babysitting komme er, berichtet Kohler mit strahlenden Augen, er habe auf den Eineinhalbjährigen einer Tanzkollegin aufgepasst. Moment! Sind die Tage bis zur Uraufführung seiner neuester Kreation »Helden« nicht minutengenau durchgetaktet? Steht er als »choreographer in residence« beim Bayerischen Staatsballett nicht unter enormem Druck, die für Ivan Liškas Ensemble geschaffenen Werke wie »Once Upon an Ever After«,»Série Noire – ein choreographischer Krimi« oder »Daphnis und Chloé« mit Erfolg weiterzuführen?

Er habe inzwischen gelernt, entspannter und nachhaltiger mit seiner Arbeit umzugehen, sagt der gebürtige Australier, Resultat einer schmerzlichen Erfahrung, als den 28-jährigen ein beginnendes Burn-out-Gefühl zum Umdenken zwang. »Künstlerisch zu arbeiten bedeutet, sich selbst etwas glauben zu machen. Kreativität beinhaltet eine gewisse Kraft, aber auch eine Last. Ich bin dankbar dafür, dass ich als noch sehr junger Mensch Erfolg mit meiner Arbeit hatte. Doch ich habe auch die Kehrseite der Medaille kennengelernt. Ich musste lernen, mit Druck umzugehen, und mich regelmäßig zurückziehen, um Energie zu schöpfen«, erklärt Kohler, der im In- und Ausland eine steile Karriere hinlegte, von Kritikern und Publikum als »Ballett-Shooting-Star« umjubelt. Dabei lerne er immer noch, sagt er und mahnt, man solle jungen Choreografen auch Fehltritte einräumen, schließlich müsse die eigene Stimme frei entwickelt werden. Kohler betont das Vokale mit Nachdruck: Er sehe sich viel mehr als Bewegungskomponist, denn als Choreograf: »Der Begriff Choreograf ist mir zu holistisch gedacht.«

Kohler ist mit Tanz, Theater und Musik aufgewachsen. Seine Mutter war 1984, im Geburtsjahr von Terence Kohler, Gründungsmitglied des McDonald College in Sydney, der ersten Performing Arts School in Australien. »Ich wurde meiner als Tänzer schnell selbst überdrüssig«, erzählt er, »ich war es leid, gegen meine eigenen physischen Defekte anzukämpfen. Immer wenn ich trainierte, schweiften meine Blicke ab zu den anderen Tänzern. Ich erkannte deren Befähigungen. Von da an kristallisierte sich der Wunsch heraus, choreografisch zu arbeiten.« Kohler schrieb sich an der Akademie des Tanzes in Mannheim ein und wurde Protegé der ehemaligen Cranko-Ballerina Birgit Keil. Als Tänzer des Karlsruher Ballettensembles arbeitete Kohler unter anderem mit William Forsythe und dem britischen Ballettdirektor des Birmingham Royal Ballets Peter Wright zusammen. 2007 gewann Kohler den Deutschen Tanzpreis »Zukunft« für Choreografie und entschloss sich freischaffend zu arbeiten.

Bezieht sich der Titel »Helden« auf Vorbilder aus Kohlers Leben? Das Thema sei eher allgemeingültig, es gehe um die kritische Hinterfragung von Menschen in einer hochtechnologisierten Welt, um die feine Gratwanderung zwischen Kollektivität und den unreflektierten Folgen, das Leben zwischen Fortschrittsglauben und -skepsis. Kohlers Meinung nach ließen sich Menschen heute viel zu sehr von Marketing-Strategien einwickeln, würden Opfer konsumorientierter Prophezeiungen. »Warum glaubt man Menschen wie Steve Jobs, die erklären,warum wir Dinge brauchen, bevor wir sie überhaupt wollten?«

Am Beispiel des griechischen Titanen Prometheus, des progressiven Technophilen, und dessen Bruder Epimetheus dem Fortschrittsskeptiker, möchte der Choreograf die griechischen Helden in die aktuelle Zeit transportieren. An ihnen will Kohler exemplarisch gesellschaftspolitische Themen wie Machtmissbrauch, Gier und Kommerzialisierung beleuchten. Beide Brüder beanspruchen für sich das Recht, es kommt zum Konflikt. Den männlichen Figuren stehen Pandora und die Weisheitsgöttin Athene gegenüber, deren jungfräuliche und besonnene Qualitäten in seiner Adaption als konfliktmildernd zum Tragen kommen sollen.

Kohlers »Helden«-Stück sei zudem als ein Gang durch die Menschheitsgeschichte konzipiert. »Zu Beginn der Inszenierung liegen grüne Äpfel auf dem Bühnenboden, die die Darsteller aufsammeln. Doch dann halten Konsum und Warentausch Einzug, die Menschen streiten und enden in Isolation.« Die biblische Referenz sei bewusst gesetzt, moralisieren möchte Kohler jedoch nicht. Aber: Theater müsse aktuell werden, seiner Meinung nach sei das Handlungsballett im 20. Jahrhundert verblasst. »Damit kann man sich heute schwer identifizieren«, so Kohler, »Theater muss für heutige wie künftige Zuschauer relevant sein.«

Dennoch greift der Choreograf auf Bewährtes zurück, er arbeitet mit Spitzentanz und legt Wert auf die Entwicklung von Charakteren, aber als klassizistisch würde er sich nicht bezeichnen. »Helden« folgt dem klassischen fünfaktigen Schema, so der Choreograf, der sich während eines Fernstudiums der Philosophie ausgiebig mit Aristoteles’ »Poetik« beschäftigt hatte. Einzelne Akte sind verschiedenen Protagonisten gewidmet und musikalisch klar voneinander getrennt.

War es doch die Musik, die für Kohlers Münchner Inszenierung Pate stand. Erstmals verwendet er Kompositionen von Alfred Schnittke: »Mich fasziniert sein polyphonischer wie ironischer Ansatz. Für den zweiten Akt verwende ich sein Werk ›(K)ein Sommernachtstraum‹, in dem er musikalisch Bezüge zu Mozart und Schubert herstellt, nur um der Dekonstruktion willen.« Noch mehr schätzt Kohler die Kooperation mit der Wahlamerikanerin Lera Auerbach. Dabei stand die Kollaboration mit ihr anfangs unter keinem guten Stern: »Ich hinterließ, als ich Lera 2009 in New York erstmals traf, ein Manuskript in ihrem Studio. Während ihrer Abwesenheit brannte das Studio völlig aus. Lera verlor auch ihr Piano, an dem sie bisher jede Note ihres Lebens komponiert hatte! Ihre musikalische Antwort auf mein Manuskript war zu Staub zerfallen. Lera versuchte die Komposition zu rekonstruieren, doch der kreative Impuls war nicht der gleiche. ›Eterniday‹ entstand sprichwörtlich wie Phönix aus der Asche, man kann die Traurigkeit und den Schmerz regelrecht fühlen.«

Zum dritten Mal arbeitet der Choreograf mit der Künstlerin rosalie zusammen, die seit 2005 zu seinen engen Freunden zählt. Es sei ihre subjektive, kindliche Imagination, die ihn fasziniere. »Sie führt mich ein Stück weit zurück in die Kindheit«, schwärmt er. Bewusst hätten sich die beiden entschieden, auf ein Bühnenbild im klassischen Sinne zu verzichten. Die Tänzer sollten durch eine Art wandelbarer 3-D-Installation navigieren. Diese würde im Verlauf des Balletts einen fast eigenständigen Charakter entwickeln. Dabei seien die Kostüme der Monochromie unterworfen, der Auerbachs düsterer Komposition entspricht.

Und wer tanzt? Die Rolle des Prometheus übernehmen der Erste Solist Lukáš Slavický und der Solist Karen Azatyan; Epimetheus werden am Premierenabend entweder der Demi-Solist Ilia Sarkisov oder der Solist Wlademir Faccioni verkörpern. Mit der Ersten Solistin Katherina Markowskaja und der Solistin Mai Kono trainierte er für die Rolle der Pandora. Ein gewisser Hang zum Antagonismus lässt sich auch bewegungssprachlich wiederfinden: Die Solistin Séverine Ferrolier, für ihre weiblich-anmutige Ausdruckskraft geschätzt, wie auch die Demi-Solistin Emma Barrowman, für Kohler ein Power-
House analytischer Bewegungsstruktur, tragen beide zur Entstehung der Figur Athena bei. »Ich entwickle Bewegungsphrasen für die eine, dann für die andere Tänzerin und am Ende lernen beide voneinander.«

Kohler folgt einem anthroposophischen und ko-kreativen Ansatz. Nicht nur die körperliche Ausdrucksfähigkeit des Tänzers, sondern auch der Intellekt und der Mut zum kritischen Hinterfragen ließen ihn die Wahl seiner Mitstreiter treffen: »Ich möchte, dass die Tänzer, mit denen ich arbeite, ihren eigenen Weg finden. Das Bayerische Staatsballett zeichnet sich durch ein polystilistisches Repertoire aus. Dies beinhaltet allerdings auch, dass sich die Darsteller stets in eine vorgegebene Rolle einfühlen müssen. Nun haben sie die Chance, in den Entstehungsprozess der Choreografie miteinzugreifen. Für mich sind der Austausch mit den Tänzern wie auch die Dynamik und Polarität, die zwischen zwei Darstellern entsteht, ausschlaggebend für den choreografischen Prozess.« Er sei inzwischen dazu übergegangen, Aufführungen von der Seitenbühne aus beizuwohnen. »Ich möchte instinktiv die Ausdrucksfähigkeit eines Tänzers oder einer Tänzerin entdecken und herausfinden, wie deren Körper zu mir sprechen, auch wenn sich die Tänzer unbeobachtet fühlen.«

Trotz seiner Leitungsfunktion als Choreograf sei er sich bewusst, dass es immer Tänzer geben werde, die über einen größeren Erfahrungsschatz verfügen als er selbst. Für ihn als noch relativ jungen Choreografen keine leichte Ausgangssituation. Doch er habe eine Vision und den Mut seine Ideen umzusetzen. Kohler glaubt fest daran, dass Menschen das Bedürfnis haben, Teil von etwas zu sein und an einer Idee mitzuwirken.

Beirag für das Münchner Feuilleton, April, Seite 8

Veröffentlicht am 22.04.2013, von Anke Hellmann in Homepage, Leute, Vorankündigungen

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Kommentare zu "Nicht ohne Helden"



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