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Görlitz

UND DANN SCHWEBEN SIE WOHL DOCH

Die Tanzcompany des Gerhart Hauptmann-Theaters in Görlitz bewegt sich in der dritten Dimension



"Alpha 1" von Dan Pelleg und Marko E. Weigert versetzt das Görlitzer Ensemble in andere Sphären.


  • Tanzcompany des Gerhard-Hauptmann-Theaters in "Alpha 1" von Dan Pelleg und Marko E. Weigert Foto © Marlies Kross
  • Tanzcompany des Gerhard-Hauptmann-Theaters in "Alpha 1" - Tanz in der dritten Dimension von Dan Pelleg und Marko E. Weigert Foto © Marlies Kross
  • Tanzcompany des Gerhard-Hauptmann-Theaters in "Alpha 1" von Dan Pelleg und Marko E. Weigert Foto © Marlies Kross
  • Tanzcompany des Gerhard-Hauptmann-Theaters in "Alpha 1" von Dan Pelleg und Marko E. Weigert Foto © MarliesKross

Wenn es dunkel wird im Görlitzer Theater sehen wir einen Film. In einer Konstruktion aus Metallstangen, symmetrischen Zuordnungen in einem übergroßen Würfelraum ohne Wände, innerhalb dessen eine Ordnung wie die eines Sternenkristalls den Blick anzieht, bewegen sich Menschen im bodenlosen Zustand der Leichtigkeit des Seins. Es gleicht einer optischen Täuschung, wenn der Film „wahr“ wird, die Projektion verlischt und das, was man für eine Fiktion halten konnte, jetzt wahrhaftig auf der Bühne steht. Eben jene Architektur der Linien, belebt von den sich darauf, dazwischen, und darin bewegenden sechs Tänzerinnen und fünf Tänzern der Görlitzer Company.

„ALPHA1“ heißt die neue Produktion für deren Konzept, Inszenierung und künstlerische Leitung die Chefs der Company, Dan Pelleg und Marko E. Weigert verantwortlich zeichnen, die auch gemeinsam mit den Tänzern die Choreografien dieses schwebenden Traumtheaters im Bühnenbild von Till Kuhnert zwischen der Versenkung und dem Bühnenhimmel des Theaters geschaffen haben.

Diesen Erkundungen einer imaginären Landschaft, so gut wie schwebend zwischen höllischer Tiefe und himmlischer Höhe, bei der es höchst selten Bodenberührungen gibt, folgt das Publikum in spürbarer Verwunderung, immer stärkerer Begeisterung, mehrfachem Zwischenapplaus und viel fröhlichem Jubel am Ende. Und dies obwohl es sich um die zweite Vorstellung handelt. Selbst ein sonniger Sonntagnachmittag konnte die Interessenten unterschiedlichster Altersgruppen nicht daran hindern, die neueste Produktion ihrer Tanzcompany zu sehen.

Und es gibt etliches zu sehen in dieser Produktion mit den ganz unterschiedlichen, jeweils sehr stimmungsvollen Musikzuspielungen, für die Steffen Ciplik verantwortlich ist. Seien es die Kompositionen für Cello und Laptop, ein Klavierstück von Arvo Pärt, ein Chanson von Edith Piaf, Irving Berlins Evergreen „The Say It´s Wonderful“ in unterschiedlichen Varianten. Oder seien es zum großen Vergnügen Originale Tribal Music aus Afrika, bei der die Tänzerinnen und Tänzer den animalischen Zauber das Dschungels beschwören.

Sonst wechseln bewegte Bilder der ganzen Company mit solistischen Szenen, synchron gearbeiteten Duopassagen mit wagehalsigen, eigentlich schon circensischen Attraktionen. Balancen, ja auch Sprünge, neugieriges Ausloten der Höhen und Tiefen und immer wieder verträumte Bilder. Etwa, wenn zu live gespielten Gitarrenklängen die Mitglieder der Truppe wie Kinder sich eingerollt in zwischen das Gestänge gespannten Tüchern wiegen. Dann aber auch immer wieder große Ernsthaftigkeit, das Innehalten, wenn ein Tänzer hoch oben angekommen ist und für Momente in der ungewissen Haltung verharrt, als gelte es, den allerletzten Sprung zu wagen.

Es ist wohl insgesamt doch ein großes, ernstes Spiel, ein Wechsel der Schwingungen, dem Augenzwinkern kann durchaus die Träne folgen. Aber alles in so wunderbarer, selbstverständlicher, unaufdringlicher Art. Keinen Augenblick entsteht der Eindruck, hier solle der Zuschauer überrumpelt werden. Nein es ist eben diese große Leichtigkeit, das Maß der Bewegung auszuloten. Und die Schwingungen der großen Freundlichkeit erreichen das Publikum bald, spätestens, wenn die Konstruktion bis ganz nach vorn, an die Rampe fährt, und fast über die ersten Reihen des Parketts ragt.

Irgendwann ist die Grenze überschritten, die Trennung zwischen dem Theater und der Bühne, und damit einher geht die freundliche Bereitschaft des Publikums, die Konstruktion der Metallstangen auszublenden, für unsichtbar zu halten, und den Traum der Tänzer mitzuträumen: den Traum vom Schweben, vom Fliegen, von der Überwindung der Schwerkraft.

So hoch hinaus will der Tanz. Und ganz am Ende, wie ein Gruß vom Himmel − oder aus dem Tanzolymp − öffnet sich eine Luke in der Bühnendecke des Theaters und die Strickleiter fällt heraus. Aber soweit ist es noch nicht, noch gilt es weiter zu tanzen, hier auf Erden, auf den Brettern, die die Welt bedeuten, und wo schon immer sich mehr zutragen konnte, von dem was möglich ist zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.

Leila Bakhtali, Lital Ben-Horin, Nora Hageneier, Mami Kawabata, Laura Keil, Beatrice Panero, Niko von Harlekin, William McQueen, Arkaitz Soria Pereiro, Fernando Baisera Pita und Ruslan Stepanowa lassen uns an ihren Träumen vom Tanz in der dritten Dimension dankenswerter Weise teilhaben.

Veröffentlicht am 17.06.2013, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Tanz im Text, Kritiken 2012/2013

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Kommentare zu "Und dann schweben sie wohl doch"



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