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München

VON DER POSTMODERNE ZUM HEUTE

Richard Siegal über die Uraufführung „Unitxt“ für Bayerische Staatsballett



„Exits and Entrances“ heißt der neue Zweiteiler im Münchner Prinzregententheater mit „Biped“ von Merce Cunningham und „Unitxt“ von Richard Siegal


  • Das Ensemble des Bayerischen Staatsballett in "Unitxt" von Richard Siegal Foto © Wilfried Hösl
  • Zuzana Zahradníková und Léonard Engel in "UNITXT" von Richard Siegal Foto © Wilfried Hösl
  • Katherina Markowskaja und Léonard Engel in "UNITXT" von Richard Siegal Foto © Wilfried Hösl
  • Javier Amo mit dem Ensemble des Bayerischen Staatsballett in "UNITXT" von Richard Siegal Foto © Wilfried Hösl

Von der Postmoderne zum Heute, diesen Bogen schlägt das Bayerische Staatsballett mit „Exits and Entrances“, einem neuen Zweiteiler im Münchner Prinzregententheater. Den Titel „ Abgänge und Zugänge“ kann man wohl als Verweis auf die kreative Offenheit der Stücke deuten. „Biped“ (1999),, eine deutsche Erstaufführung, stammt von dem großen US- Postmodernen Merce Cunningham (1919-2009), die Uraufführung „Unitxt“ von dem Amerikaner Richard Siegal, der nach seinem Tänzer-Engagement von 1997-2004 in William Forsythes Ballett Frankfurt erfolgreich als Choreograf zwischen Berlin, New York, Paris und München arbeitet.

Unaufdringlich eindringlich erklärt Siegal seine interdisziplinär ausgerichteten, intellektuell komplexen Arbeitsweisen. Seine 2002 gegründete „Bakery“ versteht sich als wechselnder Zusammenschluss unterschiedlichster Künstler zwischen Design, Musik und Medienkunst. Mit den Projekten seiner „Bäckerei“ strebt Siegal eine Form-Erweiterung des zeitgenössischen Tanzes an. Dazu nutzt er vor allem auch seine „if/then-Methode“. Es sei ein ganz einfaches Konzept der Kommunikation zwischen zwei Leuten mit Bewegungs-Variablen“, sagt Siegal. „Wenn ich 'x' mache, dann machst du 'y'. Wenn ich 'z' mache, dann macht ein anderer 'a'. Wie die Variablen sich dann zu einer Choreografie fügen, wird von den Tänzern innerhalb der Gruppe entschieden. Jede Performance fällt demnach ganz anders aus.“

Diese experimentelle „wenn/dann-Methode“ wäre fürs Staatsballett zu riskant gewesen. Seine Idee der Tanzerweiterung verfolgt Siegal jedoch auch hier. „Ich habe spät mit dem Tanzen angefangen“, holt er aus. „Und ich war fasziniert vom Spitzenschuh, wie er benutzt wurde, wie er den Körper der Tänzerin veränderte und die Partnerarbeit beeinflusste. Seitdem habe ich Skizzen gemacht und überlegt, ob man noch mit einem anderen Objekt das menschliche Bewegungspotenzial erweitern könnte. Ich entdeckte bald, dass Industrie-Design sich ja genau mit dieser funktionellen Beziehung zwischen Körper und Objekt beschäftigt.“ Beim Staatsballett-Auftrag hatte Siegal dann die Idee, den gebürtigen Münchner und vielfach ausgezeichneten Industrie-Designer Konstantin Grcic zu gewinnen, dessen lapidare Bemerkung „Bei einem Stuhl ist die entscheidende Frage: Wie benutzt man ihn?“ den Funktionsbedarf auf den Punkt bringt.

Crcic hat nun für die Damen ein mit Griffen versehenes Korsett entworfen, das Siegal mit hörbarer Bewunderung beschreibt: „Es ist eine hochraffinierte Konstruktion, die Gewicht und Zug standhält, aber eher unauffällig ist. Nicht das Kostüm an sich soll Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sondern – ähnlich dem Spitzenschuh – die Art und Weise, wie es die Bewegung verändern kann. Wie es vor allem die Partnerarbeit hinsichtlich Gewicht und Dynamik beeinflusst. Wenn eine Tänzerin sich in eine Richtung bewegt, kann der Partner ihre Richtung so blitzschnell ändern, wie es ohne die Griffe nie möglich wäre.“ Diesmal also keine Proben im bequemen Trainings-Dress: Um neuartige Bewegungen zu finden, mussten, zumindest zum Teil, die versteiften Korsetts schon bei der Erarbeitung der Choreografie getragen werden.

Auf die Frage zu seiner Musik, einer elektronischen Komposition von Carsten Nicolai, sagt Siegal, dass er - im Rahmen dieses Zweiteilers - indirekt eine Verbindung zu Merce Cunningham und seinem künstlerischen Partner John Cage gesucht habe: „Ich wollte für mein Stück auf jeden Fall eine getaktete Musik...Aber Cages musikalisches Konzept entstand auch aus seiner Vorliebe für Rhythmus und den Klang von Perkussions-Instrumenten. Für ihn waren Geräusche ja gleichwertige Partner der Harmonie. Und so viel ich weiß, sah er gespannt einer Entwicklung entgegen, in der man Musik ohne Musiker und ohne Instrumente kreieren könnte.“ Und mit einem gedanklichen Schlenker sieht Siegal auch eine Analogie zwischen der Präzision von Computer-generierter Musik und der durch körperfremde Objekte hervorgebrachten neuen Bewegung. Beide überstiegen natürliches physisches Vermögen, seien in gewisser Weise „superhuman“.

Richard Siegal, unter anderem ausgezeichnet mit dem New York Dance and Performance Bessie Award, dem Deutschen Theaterpreis Der Faust und dem Münchner Tanzpreis 2013, hat gerade hierorts schon mehrere ganz verschiedene Projekte realisiert. Sein Gruppenstück „Civic Mimic“ gestaltete er zwischen Tanzperformance und bildnerischer Ausstellung.
Seine poppige „Piraten“-Party integrierte das Publikum der vorletzten Dance-Biennale. Bei Dance 2012 zog sein von ihm selbst performtes düster-poetisches Sprach-Tanz-Solo „Black Swan“ in Bann. Da ist man jetzt mehr als gespannt auf seine erste Choreografie für ein großes klassisches Ballett-Ensemble.

Premiere ist heute Abend im Münchner Prinzregententheater, 19 Uhr 30. Nochmals am 26.6.

Veröffentlicht am 25.06.2013, von Malve Gradinger in Homepage, Leute

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Kommentare zu "Von der Postmoderne zum Heute"



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