HOMEPAGE



Berlin

HOMMAGE AN DIE POSTMODERNE

Trisha Brown und Steve Paxton bei der 25. Ausgabe von „Tanz im August“



25 Jahre "Tanz im August": Das Berliner Festival erinnerte an die Postmoderne und präsentierte Browns "Early Works" und Paxtons "Bound" von 1982


  • Trisha Brown´s "Leaning duets" Foto © John Mallison
  • Jurij Konjar in Steve Paxtons "Bound" Foto © Juliano Mer Khamis

Rückbesinnlich begann das diesjährige Festival „Tanz im August“. Zum 25. Geburtstag startete der zweiwöchige Parcours mit einer Hommage an Choreografen, die die Postmoderne geprägt haben. Das Œuvre der Trisha Brown pflegt ihre eigene Kompanie, die sie in den 1970ern gründete. Da hatte sich Brown schon einen Namen gemacht als Protagonistin eines neuen Tanzstils, der jeden erzählenden Inhalt ablehnte: Bewegung als pure Form in streng komponierten, auch witzigen Raumrastern verschiedener Kürze. Zudem eroberte Brown dem Tanz fremde Aufführungsorte, etwa Galerien und das urbane Umfeld, die ihre Performances zu bewegten Skulpturen machten. Tänzer agierten auf Hausdächern, spazierten an Seilen Fassaden hinab, tanzten auf einem Floß inmitten eines Sees, kopfunter an der Zimmerdecke.

Am Anfang stand ein Solo 1961 in der New Yorker Judson Church, die sich dem Experiment geöffnet hatte. Daraus entwickelte sich mit Gleichgesinnter das Judson Church Dance Theater als Keimzelle des postmodernen Tanzes, wie er sich radikal von der Moderne einer Martha Graham mit ihrer emotionalen Erzählweise absetzte. Gelenkte Improvisation wurde für Jahre Browns Forschungsgegenstand. Was sie dabei zwischen 1970 und 1976 kreierte, bot „Early Works“ im neutral weißen, säulengegliederten Aktionsraum des Hamburger Bahnhofs mit neun Tänzern in Miniaturen als spannenden und amüsanten Überblick.

Unisex weiß gekleidet sind auch die Akteure. Sie legen sich in Reihe, ihre langen Holzstäbe bilden eine verbundene Linie, die sie trotz synchroner Bewegungen um diese Achse herum zu halten versuchen. Im Stand entspräche das einem Mehr-Mann-Hoch aus der Artistik. Mit Kommandos verständigen sie sich, dennoch reißt bisweilen die Stäbeverbindung: Scheitern einbegriffen. Dann gruppieren sich vier Tänzer um eine Säule, ihre Holzstäbe vom Kopf schräg bis auf den Boden. Gleichzeitig gehen sie aufs Knie und lagern den Stab auf dem rückwärts gebogenen anderen Fuß ab. Oder zwei Männer lassen ihre Holzschrägen vom Kopf aus auf dem Boden zusammenstoßen, vollführen die gleichen Beugeexerzitien – mit der Front, danach mit dem Rücken zueinander.

Solch winzige Variationen sind es, mit denen uns Trisha Brown den Blick für kleine Gesten und mechanische Rituale schärft und dennoch den menschlichen Faktor nicht außer Acht lässt. Zwei Frauen ertasten ohne Sichtkontakt und wieder in der Stille je eine Raumecke, mit Kopf, Hand, Knie, Fuß, Blick. Fünf Tänzer bilden eng an der Wand eine Reihe, die sich schwenkend, Körper an Körper, wie ein Zirkel vorwärts bewegt, wobei sich die Reihe durch rasche Wechsel während des Klappvorgangs jeweils ändert: Mit einem lebenden „Maßstab“ wird das Karree ausgemessen. Wenn acht Tänzer in Reihe stehen, zum Ticken eines Mälzel-Metronoms langsam ihre Arme über dem Kopf pendeln, funktionieren sie als kinematisches Gliedergetriebe. Wenn vier Frauen auf dem Boden liegen, die gleiche Arm-Bein-Bewegung ausführen, einzeln von den Männern umgruppiert werden, in andere Lage oder den Stand, stets unter Beibehaltung der Grundbewegung, führt Brown vor, wie aus der Gleichheit durch Veränderung der Position im Raum eine Choreografie mit multiplem Bewegungsklang entsteht.

Zweimal wird sie dem Prinzip der Stille untreu. Zu einem Song von Bob Dylan lässt sie zwei getrennt platzierte Frauen ihr typisches Vokabular zelebrieren: Der Daumen dreht, dann setzen das Becken, Bein und Fuß ein; schließlich addieren sich die Elemente auf einen spanischen Rhythmus zu einem minimalistischen, trotzdem tänzerischen Gebilde.

Zu einem Song von Greatful Dead „sammelt“ eine Frau im langsamen Vorwärts ihre drei Kolleginnen ein, bis der körperdichte Pulk an der Wand stoppen muss. Was dem einstündigen Programm für die Zuschauer zusätzlichen Reiz verleiht: Bei jeder Miniatur müssen sie nach Tänzeranweisung Platz und Sichtrichtung wechseln, sind so Bestandteil der Choreografien. Die sind hinreißend leicht und luftig.

Auch er hat einst bei Trisha Brown getanzt, entwickelt dann die Kontaktimprovisation: Für Berlin studierten Steve Paxton, mit Jahrgang 1939 nur drei Jahre jünger als seine Mentorin, und der exzellente Slowene Jurij Konjar das Solo „Bound“ von 1982 neu ein. Auch Paxton lässt mit Holzbrettern agieren wie auch mit weiteren Requisiten, die scheinbar planlos umgruppiert werden. Aktion und Bewegungssequenz, wie sie zufällig dem schlenkernden Körper entströmen könnte, wechseln einander ab. Zu einem italienischen Volkslied in blecherner Altaufnahme gelingt eine tänzerische Perle an komplett ungewöhnlicher Schleuderbewegung bei ganz eigener Musikalität. Insgesamt ist „Bound“ vielleicht weniger stringent als Browns Werk, sehenswert jedoch allemal.

Bis 31.8., Tanz im August, Kartentelefon 259 004 27 und 283 52 66,

Veröffentlicht am 18.08.2013, von Volkmar Draeger in Homepage, Tanz im Text, Kritiken 2012/2013

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