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Duisburg

TOTENGEDENKEN UND FASCHINGSSCHERZ

Der neue Ballettabend b.18 des Ballett am Rhein vereint Werke von George Balanchine und Martin Schläpfer sowie eine von Nils Christe.



Vom sakralen Trauermarsch in Christes "Sorrowful Songs", zum parodistischen alpenländischen Volkstanz in Schläpfers "Sinfonien" hin zum geometrisch-vornehmen "Episodes" von George Balanchine - die Zuschauer des Ballett am Rheins dürfen sämtliche Gefühlslagen durchleben.


  • Jackson Carroll in "Episodes" von G. Balanchine © The George Balanchine Trust Foto © Gert Weigelt
  • Ann-Kathrin Adam, Philip Handschin, Alexandre Simões, Louisa Rachedi in Balanchines "Episodes" © The George Balanchine Trust Foto © Gert Weigel
  • Paul Calderone und Ann-Kathrin Adam in Nils Christes "Sorrowful Songs" Foto © Gert Weigelt.
  • Feline van Dijken in Nils Christe "Sorrowful Songs" Foto © Gert Weigelt
  • Doris Becker und das Ballett am Rhein in Nils Christes "Sorrowful Songs" Foto © Gert Weigelt
  • Wun Sze Chan und das Ensemble vom Ballett am Rhein in Nils Christes "Sorrowful Songs" Foto © Gert Weigelt
  • Alexander McKinnon, Marlúcia do Amaral und Alexandre Simões in Martin Schläpfers "Sinfonien" Foto © Gert Weigelt
  • Das Ballett am Rhein in M. Schläpfers "Sinfonien" Foto © Gert Weigelt
  • Alexander McKinnon und Marlúcia do Amaral in Martin Schläpfers "Sinfonien" Foto © Gert Weigelt
  • Paul Calderone und Nicole More in "Episodes" von G. Balanchine © The George Balanchine Trust Foto © Gert Weigelt

Gut gelaunt klinkt sich Martin Schläpfer am Beginn der heißen Phase der rheinländischen "Fünften Jahreszeit" in das närrische Treiben ein und bringt aus Mainzer Tagen seine "Sinfonien" auf die Duisburger Bühne, dazu Balanchines witzig-virtuose "Episoden" und eine todernste Uraufführung von Nils Christe.

Dessen neue Choreografie "Sorrowful Songs" auf zwei Sätze aus Henryk M. Góreckis "Sinfonie der Klagelieder" löste bei der Premiere Beifallsstürme aus - vorwiegend offensichtlich von per Bus angereisten niederländischen Landsleuten des Choreografen. Die minimalistisch strukturierte Komposition vertont das Gebet einer jungen Frau für ihre Mutter, entdeckt in einem Gestapo-Folterraum in Zakopane, und ein polnisches Volkslied, in dem eine Mutter um ihren im Krieg gefallenen Sohn trauert. Litanei-artig reihen sich mit enormer Intensität kurze Sequenzen zu einem endlosen Trauermarsch. Über den archaisch wirkenden sakralen Klängen, kraftvoll intoniert von den Duisburger Philharmonikern unter Christoph Altstaedt, erhebt sich die klare Frauenstimme der jungen Mezzosopranistin Annika Kaschenz.

In einfacher Alltagskleidung und barfuß mischt sich die Sängerin unter die Frauen in einem mit Gitterstäben umgebenen, düsteren Raum. Wie in Trance wandeln die Frauen, immer wieder erhebt sich eine, ringt die Hände verzweifelt, bricht zusammen, kauert sich zusammen wie ein geschundenes, gehetztes Tier. Dicht gedrängt schreiten alle schließlich hinaus - wohin?

Zum zweiten Lied treten junge, lebensfrohe Männer durch die drehbaren Metallplatten des Rückprospekts. Kleine Solos und Duette vergegenwärtigen Visionen von Müttern an den Abschied vom Sohn und Erinnerungen an glückliche Zeiten. Ein Hauch von Versöhnung mit dem Schicksal blitzt auf im kurzen Anklingen einiger Dur-Akkorde nach dem tiefen Moll. Die Choreografie entstand in Zusammenarbeit mit den Tänzern. Sie überzeugt durch Frische und Natürlichkeit. Die Tanzsprache Christes erinnert gelegentlich an Mats Ek.

Es ist schwer, sich Wilhelm Killmayers Sinfonien "Fogli" und "Ricordanze" ohne Martin Schläpfers parodistischen alpenländischen Volkstanz vorzustellen. Die einzeln wie durch den Raum schwebenden Töne und Kluster wirken wie Farbtupfer zu den bukolischen Zeitlupentänzen der acht "Ländler". Mit sauertöpfischem Gesicht zelebriert Yuko Kato in schwarzer Festtagstracht den Tanz. Marlúcia do Amaral - furchterregend wie ein wütender Stier ins Publikum stierend - hat sich immerhin mit einem ärmellosen tief dekolletierten Dirndl mit halblangem Tutu-artigen Petticoat-Rock aufgebretzelt. Die zierliche Nicole Morel im Dunkelgeblümten spielt zurückhaltend mit. Anne Marchard im hellblau Geblümten mit Puffärmelchen gibt das blauäugige Blondchen. Oben ohne treten die Männer in langen roten Plisseeröcken mit grün-schwarzen Bordüren auf (waren's in Mainz nicht diese schwarzen Kylián-Glockenröcke?). Alle sind barfuß und schleppen nach der Tanzplackerei hölzerne Wasserbottiche und schwarze Hocker an die Rampe, um sich mit plumpem Platschen und ungehemmten Spritzen zu erfrischen.

Auch George Balanchine überrascht in seinen "Episoden" auf Instrumentalmusik von Anton Webern mit Witz - aber natürlich in seiner ganz eigenen vornehmen Art von Körperkunst. Geometrische Muster formen raffiniert sich verschlingende Arme und Beine der Paare. Unglaublich elegant bewegt sich dabei Louisa Rachedi mit Alexandre Simões, zart und schwebend Nicole Morel mit Paul Calderone, herb So-Yeon Kim mit Andriy Boyetskyy, geschmeidig Claudine Schoch mit dem hochgewachsenen Marcos Menha. Schwarz und weiß ist das Farbschema - als seien die Tänzer Figuren eines Brettspiels .

In den einheitlich schwarzen typischen Balanchine-Badeanzügen tritt die Damengruppe auf - im weißen Ganzkörpertrikot Jackson Carroll in dem sogenannten "Taylor-Solo", das schon wenige Jahre nach der Uraufführung dieser Choreografie für einen Abend gemeinsam mit Martha Graham in New York 1959 gestrichen wurde. Paul Taylor selbst, für den Balanchine es schuf, gab es 1980 an Peter Frame weiter. Der wiederum studierte es nun mit Carroll ein - eine tanzhistorische Kostbarkeit. Ein sattes Tanzvergnügen bietet diese Premiere wieder einmal!

Veröffentlicht am 18.01.2014, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Tanz im Text, Kritiken 2013/2014

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