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Pforzheim

FREMD IM EIGENHEIM

„Nussknacker und Mäusekönig“ mit tiefenpsychologischem Blick neuinterpretiert von James Sutherland und Robert Eikmeyer



Das Künstlerduo ist Traumdeuter, die das Weihnachtsmärchen entstauben, ohne ihm den Zauber zu nehmen. Schon zur Ouvertüre geht es quicklebendig zu: Trott, trott, hopp, hopp, galoppieren unzählige weiße Schatten-Ratten über die Leinwand.


  • "Nussknacker und Mäusekönig" von James Sutherland am Theater Pforzheim Foto © Sabine Haymann
  • "Nussknacker und Mäusekönig" von James Sutherland am Theater Pforzheim Foto © Sabine Haymann
  • "Nussknacker und Mäusekönig" von James Sutherland am Theater Pforzheim Foto © Sabine Haymann
  • "Nussknacker und Mäusekönig" von James Sutherland am Theater Pforzheim Foto © Sabine Haymann
  • "Nussknacker und Mäusekönig" von James Sutherland am Theater Pforzheim Foto © Sabine Haymann

Kein Weihnachtsbaum unter dem Geschenke liegen! Kein geschnitzter Nussknacker, wie man ihn aus dem Erzgebirge kennt und auch keine Massenszenen, die den Kampf zwischen Mäusen und Zinnsoldaten illustrieren! Stattdessen überrascht das Ballett Pforzheim sein Publikum mit einer grandiosen, bildstarken Interpretation des Tschaikowski-Balletts „Nussknacker“, meist in Schläppchen, dennoch auf absolutem Spitzenniveau getanzt von der kleinen, exquisiten Tanztruppe des Pforzheimer Balletts unter Leitung von James Sutherland.

Forsythe-Moves rasanter, als man sie je gesehen hat neben lyrischen Pas de Deux‘ und Pas de Trois‘, die in Technik, Musikalität und Originalität faszinieren – so harmonisch, als sei diese postmoderne Körpersprache unmittelbar aus dem Geist der (Live gespielten Orchester-)Musik entwachsen. Brillant sind die Charaktere gezeichnet: Eine kindlich-zierliche, aber äußerst taffe Clara. Ein athletischer Drosselbart, der sich kampfsporterprobt in den Mäusekönig verwandelt und ein Nussknacker, dessen roboterartige Pantomime die Idee eines manipulierten, gar ferngesteuerten Wesens vermittelt. Dazu verblüfft das durch und durch vitale Ensemble, das von Anfang bis Ende wie ein Präzisionsuhrwerk interagiert, selbst schwierigste choreografische Aufgaben in Tanzsequenzen mit, über, unter und um die fünf Tische herum bravourös meistert.

Die Rahmenhandlung des Märchenoriginals „Nussknacker und Mäusekönig“ ist einfach: Clara bekommt zu Weihnachten von ihrem Patenonkel Drosselmeyer einen Nussknacker geschenkt. Im Traum taucht das Mädchen in eine Fantasiewelt: „Aber nicht Lichterchen waren es, nein, kleine funkelnde Augen, und Clara wurde gewahr, dass überall Mäuse hervorguckten und sich hervorarbeiteten. Bald ging es trott, trott, hopp, hopp in der Stube umher. Immer lichtere und dichtere Haufen Mäuse galoppierten hin und her…“ so beschreibt E.T.A. Hoffmann den Kampf zwischen Mäusen und Zinnsoldaten. Mit Claras Hilfe siegt der Nussknacker, der sich danach in einen Prinzen verwandelt. Die beiden reisen durch den Tannenwald ins Reich der Süßigkeiten, wo die Zuckerfee zu Ehren ihrer Gäste ein Fest veranstaltet.

Seit der Uraufführung im Mariinski-Theater 1892 bis heute hat das Märchens von E.T.A. Hoffmann, vereinfacht nacherzählt von Alexandre Dumas, schließlich vertont von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, von seiner Popularität nichts eingebüßt; allerdings ist es in der kanonisierten Fassung (des Librettisten Marius Petipa und des Choreografen Lew Iwanow) stecken geblieben.

Das Künstlerduo James Sutherland und Robert Eikmeyer sind Traumdeuter, die das Weihnachtsmärchen entstauben, ohne ihm den Zauber zu nehmen. Schon zur Ouvertüre geht es quicklebendig zu: Trott, trott, hopp, hopp, galoppieren unzählige weiße Schatten-Ratten über die Leinwand. Es überrascht wie scheinbar musikalisch die animierten Tierchen sind. Zuhause, also heimisch fühlt man sich in der Musik, heimlich schleichen sich die kleinen Nager ein, vermehren sich zusehends, unheimlich ist das Gewusel auch, weil es so erschreckend gut zur Musik passt. Die Gegenwelt zu diesem dunklen Raum stellt ein buntes Kinderzimmer im 2. Akt dar: 10.000 Plüschtiere – von Pforzheimer Kindern gespendet, pflastern von oben bis unten die Wände. Ein Hintergrund, dessen Wohlfühl-Metaphorik farbenfroher Fülle und puren Überflusses nicht zu übersehen ist – der tiefenpsychologische Blick erkundet das Unbewusste des Stückes, ergänzt durch Filmzitate eines David Lynch („Blue Velvet“) sowie viel inszenatorische Ideen wird die Ambivalenz zwischen rational und irrational aufgezeigt heimisch und das Märchen ganz nebenbei von seiner Fixierung auf Weihnachten befreit.

Veröffentlicht am 20.02.2014, von Leonore Welzin in Homepage, Tanz im Text, Kritiken 2013/2014

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Kommentare zu "Fremd im Eigenheim"



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