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Nürnberg

HOHE ÄSTHETIK

Nacho Duato und Goyo Montero im Nürnberger Ballettabend "Melancholia"



Die Renaissance-Ästhetik der Musik wird sehr reizvoll mit sportiver Körperkunst von heute verknüpft.


  • „Black Bile – Schwarze Galle“ von Goyo Montero im Rahmen von "Melancholia" im Staatstheater Nürnberg Foto © Jesús Vallinas
  • „Por vos muero“ (Ich sterbe für Euch) von Nacho Duato: Ensemble Foto © Jesús Vallinas
  • „Por vos muero“ (Ich sterbe für Euch) von Nacho Duato: Hirotaka Seki, Marina Miguélez, Simon van Heddegem, Sophie Antoine Foto © Jesús Vallinas
  • „Black Bile – Schwarze Galle“ von Goyo Montero: Ensemble Foto © Jesús Vallinas

In der Dürerstadt Nürnberg erweisen zwei spanische Choreografen dem fränkischen Renaissancekünstler Albrecht Dürer Reverenz. Dessen berühmter Kupferstich "Melancholia" ist im Programmheft abgedruckt und gibt dem neuen Ballettabend mit Kurzchoreografien von Nacho Duato und Goyo Motero den Titel.
Duatos "Por vos muero" (Für dich sterbe ich) von 1996 wie auch Monteros neue Kreation "Black Bile" (Schwarze Galle) sind von hoher Ästhetik und Eleganz geprägt, zeigen Licht und Schatten menschlichen Lebens, Lebensfreude wie Trauer. Tristesse oder Weltschmerz kommen selten auf.

Spanische Volkstänze und Lieder legt Duato seinem überaus anmutigen halbstündigen Ballett zugrunde. Fließend und sehr harmonisch ist seine Körpersprache, garniert mit Zitaten höfischer Tänze und der Natürlichkeit des Volkstanzes und wirkt doch sehr modern. Nackt (in hautfarbenen Trikots) stehen die je sechs Tänzerinnen und Tänzer zunächst mit dem Rücken zum Publikum auf der Bühne. Eine löst sich, beginnt Knie und Arme zu beugen, wie Schlemmers Gliederpuppen gerade abzuwinkeln. Ein Partner gesellt sich zu ihr, fängt sie im Fall auf und in der Drehung. Die Körper umspielen und verknoten sich mit einander, bis sie schließlich in großer Gelassenheit nach hinten abgehen, das Terrain dem nächsten Paar überlassen. Und so fort. In langen blauen, wehenden und sich plusternden Röcken und engen Samtmiedern treten die Damen dann wieder nach und nach auf, die Herren in kurzen Samthöschen und Renaissancehemden. Ausgelassene Fröhlichkeit kommt auf. Ein reizvoller Maskentanz jetzt, eine kraftvolle Männernummer dann. Und plötzlich das Ende: in malerischer Pose erstarrt ein Paar.

Geradezu quirlig und sportiv geht es dagegen in Goyo Monteros "Black Bile" zu. Die Bühne haben Eva Adler und Montero üppig bestückt mit Klötzen und Kisten (die an Särge erinnern sollen, wie aus dem Programmheft zu erfahren ist) und Schrägen, die Solaranlagen auf Dächern ähneln und mitunter störend laut (aber wohl absichtlich) klappern, wenn Tänzer drauf hocken, hinabgleiten, balancieren. Alle Teile lassen sich leicht verschieben, mit frappierendem Raffinement arrangieren. Das 17-köpfige Völkchen in schwarz von Angelo Alberto mit Montero gewandet - sehr stylisch die Damen in unterschiedlichen, knappen Röckchen, die bunt gegürtet und gefüttert sind; manche Kostüme sind im Oberteil mit geometrischen Streifenmustern dekoriert, auch die Frisuren sehr individuell gestylt. Trauergesänge von John Dowland erklingen zu den akrobatischen Akten in der sehr harschen Interpretation der Forge Players (als hätten sie Tom Waits in ihren Reihen!). Ab und an wird eine kleine Geschichte erzählt. So sitzt eine Diva - unnahbar, aber unübersehbar - auf einer der schwarzen Kuben, ein Galan ist fasziniert. Umspielt von einem Kobold nähert er sich der Schönen und wirbt um sie: "Come, come, come - while I have a heart to desire thee..."

Schnelle, abrupte oder auch fast unmerkliche Lichtwechsel unterstreichen in beiden Choreografien die Stimmung zwischen Tod und Leben, gallebitterem Ernst und Lebensleichtsinn, Licht und Schatten - am schönsten wirkt das, wenn die Tänzer in Monteros Ballett wie Diebe, Halodris oder Katzen über Dächer huschen, Schatten werfend oder schemenhaft. In Weltschmerz zerfließen muss der Zuschauer an diesem Abend nicht. Vielmehr darf er sich entzücken an der Grazie und technischen Geschmeidigkeit des fabelhaften Nürnberger Balletts.

www.staatstheater.nuernberg.de

Veröffentlicht am 27.04.2014, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2013/2014

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