HOMEPAGE



Bern

MORD IM WASSER

Estefania Miranda gibt mit "Othello" ihr Debüt am Konzert Theater Bern



In ihrer ersten Choreografie als Berner Ballettdirektorin nimmt Miranda das Publikum mit auf eine Reise ins Seelenleben ihrer Figuren. Die Bühne ist eine Insel, umgeben von Wasser. Obwohl es Holzboote gibt, scheinen die Figuren auf dieser Insel gefangen.


  • Estefania Mirandas "Othello" am Konzert Theater Bern Foto © Philipp Zinniker
  • Estefania Mirandas "Othello" am Konzert Theater Bern Foto © Philipp Zinniker
  • Estefania Mirandas "Othello" am Konzert Theater Bern Foto © Philipp Zinniker

Othello ist in seinen Erinnerungen und seinem Körper gefangen. Seine Bewegungen wirken automatenhaft, nicht zu ihm gehörig. Das Publikum erlebt am Konzert Theater Bern einen Othello, der sich in seiner eigenen unwirklichen Welt bewegt. «I’m a honourable murder», spricht eine Stimme aus dem Off, die das Solo von Tänzer Winston Ricardo Arnon begleitet, «for naught I did in hate, but all in honour.» Unter den Dramen Shakespeares ist «Othello» dasjenige, das am heftigsten von Besitzverlagen zwischen Liebe und Hass handelt. Othello ermordet seine Geliebte aus Leidenschaft, angefacht durch eine Intrige.

Die Geschichte über den Kriegsherrn, dessen Hautfarbe ihn zu einem Fremden macht, diente der Berner Ballettdirektorin Estafania Miranda als Inspiration für ihren «Othello». Sie zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die sich zwischen Integration und Ausgrenzung bewegt. Die Bühne ist eine Insel, umgeben von Wasser. Obwohl es Holzboote gibt, scheinen die Figuren auf dieser Insel gefangen. Liebespaare treffen sich zum Schäferstündchen in den Schiffen. Alsbald tanzt jeder in seinem eigenen Boot, übernimmt sein eigenes Ruder. Ein Symbol für eine Gesellschaft als Schiffswrack, in der jeder sein eigenes Rettungsboot flüchtet?

In ihrer ersten Choreografie als Berner Ballettdirektorin nimmt Miranda das Publikum mit auf eine Reise ins Seelenleben ihrer Figuren. Sie erzählt Shakespeares Liebesdrama vom fremden Krieger und der Tochter aus gutem Hause in starken Bildern von Liebe und Hass, Treue und Verrat. Othellos Liebe ist ungestümes Besitzverlangen, dem er sich mit Hingabe widmet. Die Liebenden jagen sich durch den Wassergraben, der sich rund um die Bühne ergiesst; sie lieben sich leidenschaftlich in einem Boot. Die Choreografin versteht es, Leidenschaften in Bewegungsbildern zu zeichnen, die nahe gehen. Die Liebe zu Desdemona macht Othello stark, doch macht sie ihn auch einsam.

Mirandas Othello ist gezeichnet von traumatischen Kriegsereignissen, er kann seiner Vergangenheit in der Fremde nicht entfliehen, die die Choreografin im in von Kriegen erschütterten Afrika ansiedelt. Videoprojektionen von Kindersoldaten projiziert sie als Zeugen heutiger Ereignisse an die Bühnenwand. Das Ensemble kriecht und robbt zu marschierender Tonkulisse. Othello ist immer stärker in minimalen, repetitiven Bewegungsmustern gefangen. Ausbrechen kann er, wenn er seiner geliebten Desdemona begegnet. Doch sein Reflex zum Töten ist grösser als die Liebe. «I know what has to happen», ertönt die Stimme von Desdemona, getanzt von Maria Demandt. Nach einem Kampf um Liebe, Leben und Tod ertränkt Othello seine Geliebte im Wassergraben.

Mit "Othello" sorgte das Berner Ensemble für einen intensiven Tanzabend, für den die niederländischen Künstler Jeroen Strijbos und Rob van Rijswijk die Musik komponierten. Entstanden ist eine Kulisse aus zeitgenössischer Musik, Textpassagen und Tonaufzeichnungen. Eine getanzte Geschichte, die Leiden und Leidenschaften des Helden verstärkt, und zu zeigen vermag, wie menschliche Körper von Affekten erfasst und erschüttert werden.

Veröffentlicht am 28.04.2014, von Sulamith Ehrensperger in Homepage, Tanz im Text, Kritiken 2013/2014

Dieser Artikel wurde 1239 mal angesehen.



Kommentare zu "Mord im Wasser"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    BOTSCHAFTER DES TANZTHEATERS

    Der Schweizer Choreograf Gregor Zöllig spricht mit Kirsten Pötzke über seine Wurzeln, die Begeisterung für den Tanz und die Arbeit mit Profis und Laien
    Veröffentlicht am 20.04.2017, von Kirsten Poetzke


    EINE JUNGE KOMPANIE FÜR BERLIN

    Marion Heinrich im Gespräch mit den Intendanten des „Landesjugendballetts Berlin“
    Veröffentlicht am 31.03.2017, von Gastautor


    IN MEMORIAM 'OE'

    Pick erinnert sich zum 90. Geburtstag des Tanzkritikers Horst Koegler
    Veröffentlicht am 21.03.2017, von Günter Pick



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZ 4 (UA)

    Uraufführung der Tanzcompany am Theater Trier am 7. Mai 2017

    Mit den Tanzstücken "IMAGINE A … RIGHT IN THE MIDDLE" von Julio Cesar Iglesias Ungo und Alexis Fernandez Ferrera und "AND MY BELOVED" von David Hernandez

    Veröffentlicht am 25.04.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    WIE TANZT MAN REFORMATION?

    Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch
    Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger


    STANDING OVATIONS

    Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters
    Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    EIN GENIE DES BALLETTS WIRD TATSÄCHLICH SCHON 80 JAHRE ALT

    Pick bloggt zum 80. Geburtstag von Marcia Haydée

    Veröffentlicht am 12.04.2017, von Günter Pick


    FRÜHLINGSMATINEE VON BALLETTAKADEMIE UND JUNIOR COMPANY

    Im Rahmen der BallettFestwoche München zeigte auch der Nachwuchs sein Können

    Veröffentlicht am 13.04.2017, von Karl-Peter Fürst


    DAS LEBEN DURCHLEUCHTEN MIT BACH

    Jörg Weinöhl entwickelt in „Kontrapunkt. Auf der anderen Seite von Bach“ am Opernhaus Graz spezielle Tanzqualitäten

    Veröffentlicht am 09.04.2017, von Andrea Amort


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    FREIBEUTERROMANTIK UND ORIENTALISCHER ZAUBER

    „Le Corsaire“ von Gonzalo Galguera am Ballett Magdeburg

    Veröffentlicht am 07.04.2017, von Herbert Henning



    BEI UNS IM SHOP