HOMEPAGE



Gießen

"WAS MÖCHTE ICH DARSTELLEN?"

12 Jahre Tarek Assam am Stadttheater Gießen



Tarek Assam ist seit 12 Jahren Ballettdirektor am Stadttheater Gießen. Er hat die kleine Tanzcompagnie zu einer in der Szene respektierten Größe geführt, und das jährliche Festival TanzArt ostwest zu einer festen Institution entwickelt.


  • Tarek Assam Foto © Stadttheater Gießen

Tarek Assam ist seit 12 Jahren Ballettdirektor am Stadttheater Gießen. Er hat die kleine Tanzcompagnie zu einer in der Szene respektierten Größe geführt, und das jährliche Festival TanzArt ostwest zu einer festen Institution entwickelt.


Wie beschreiben Sie die Entwicklung ihrer eigenen choreografischen Arbeit?

Ursprünglich komme ich aus dem klassischen Tanz. Ich habe mein Studium an der Musikhochschule Köln abgeschlossen, unter Ursula Borrmann und Petr Vondruska. In dieser Zeit habe ich die Graham-Technik studiert. Danach erst habe ich mich mit weiteren zeitgenössischen Tanzsystemen auseinander gesetzt, die mir viel fruchtbarer erschienen. In meiner Zeit als Tänzer in Düsseldorf und Wiesbaden tanzte ich vorwiegend klassisch. Einen persönlichen Entwicklungsschub erhielt ich unter Valerie Aris in Pforzheim. Sie hat freier choreografiert, auf der Basis des neoklassischen Tanzes. Hier habe ich auch meine ersten choreografischen Ideen umgesetzt.
Damals fragte ich mich auch: Was stelle ich auf der Bühne eigentlich dar? Und: Was möchte ich darstellen? Das Ergebnis war, dass ich mehr aus unserem heutigen Verständnis heraus choreografieren, dafür aber nicht eine eigene Tanzsprache entwickeln wollte, wie es bis dahin üblich war, sondern das Gesamtkunstwerk in den Vordergrund stellte, unter Einsatz der vielfältigen neuen Tanztechniken und technischen Möglichkeiten.
Es sollte ein neuer Weg der Darstellung sein, das Wagen von Experimenten, auch mit dem Publikum. Für mich persönlich hat es sich angefühlt wie ein Aufatmen. Die Tore waren nun geöffnet, die teils starren Systeme der Tanzstile und Bühnenmittel konnten variabel eingesetzt werden und sich wechselseitig befruchten.

Welche Rolle spielen für Sie die anderen Bühnengewerke und die Musik?

Ich erlebe sie als unglaubliche Bereicherung. Im Prinzip kann Tanz ja auch ohne sie bestehen, aber mit den anderen Gewerken ist es weit lebendiger auf der Bühne. Die Tools der anderen Künstler bringen einen enormen kreativen Input, den ich als Einzelner gar nicht leisten kann. Wir diskutieren im Vorfeld, schöpfen aus einem großen Denk- und Wissenspool. Nur dadurch sind wir am Puls der Zeit. Natürlich ist der Choreograf damit nicht überflüssig, er gibt die Leitlinie vor. Unter der Maßgabe, die künstlerischen Impulse der anderen zu respektieren und mit zu verwenden. Dazu gehören für mich vor allem das Licht, die neuen Medien und die Musik.

Wieviele Stücke waren es bislang in Gießen?

(lacht) Da muss ich erst mal nachzählen. (nach einer Pause) Insgesamt waren es 40 neue Produktionen, davon 17 für die kleine und 19 für die große Bühne; auf der großen Bühne fand die Mehrzahl (14) mit dem Philharmonischen Orchester statt, zwei sogar mit Auftragskompositionen.

Sie haben Gastchoreografen geholt und Ihnen ihre Compagnie anvertraut, Sie haben auch gemeinsam mit anderen choreografiert, was in der Szene in der Regel für unmöglich gehalten wird. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Nun, die Erfahrungen waren unterschiedlich. Einiges lief sehr gut, anderes weniger. Die gemeinsame Arbeit im Ballettsaal habe ich immer wieder als gegenseitige Befruchtung erlebt. Vorausgesetzt natürlich, dass sich beide der Grundidee des Stücks unterordnen und das eigene Ego hinten anstellen. Man muss offen sein für die Umsetzungsideen des anderen. Belohnt wird man dann mit einem Ergebnis, mit einem Stück, das man allein so nie gesehen hätte.

Welche Ziele verfolgen Sie für Ihr Publikum?

Ich wollte nie Erwartungen bedienen oder das Publikum nur glücklich machen. Mein Wunsch war immer, auf ein aufgeschlossenes Publikum zu treffen, das mit Interesse aufnimmt, was an Tanzkunst herausgekommen ist - bei einem in der Regel einjährigen Entstehungsprozess. Da ich ein intelligentes Publikum voraussetze, das die Geschichte oder den Grundgedanken kennt, mache ich keine plakative Bebilderung. Auch bei „Dornröschen“ nicht.

Was möchten Sie für die oft jungen Tänzer/innen erreichen?

Zunächst mal sehe ich sie als künstlerische Partner, die mit mir an einem Stück arbeiten. Die Jugend ist dem Tanz an sich geschuldet, sie bringt auch eine enorme Frische in eine bestehende Gruppe, die gut nutzbar ist. Ansonsten ist der Tänzerberuf die Quadratur des Kreises: einerseits sollten Tänzer jung sein und zugleich Bühnen- und Berufserfahrung mitbringen. Dass auch ältere Tänzer noch auf die Bühne gehen, also wenn sie jenseits der 40 sind, ist in unserem Kulturkreis immer noch die Ausnahme. Pina Bausch hat es mit ihrer Gruppe geschafft.

Was waren für Sie die bisherigen Highlights in Gießen?

Oft die Stücke, die beim Publikum nicht so gut ankamen, wie „Opus exotica“ und „Jagos Frau“ in der Anfangszeit. Bei diesen Stücken habe ich den intellektuellen Überbau am weitesten getrieben, was mich persönlich in meiner Arbeit weiter gebracht hat. Nicht jedes Mal, wenn ich mich sehr intensiv mit Themen auseinander gesetzt habe, wurden es Highlights. Vor allem bei „Ikarus“ hat es nicht so funktioniert, wie ich es gewünscht hatte, worunter ich sehr litt. In der jüngeren Zeit gehören „Galileo und Kopernikus“, „Der Blick des Raben“ und „Siddharta“ zu den Highlights. Wobei die letzten beiden auch beim Publikum sehr gut ankamen.

Bereits in Ihrem ersten Jahr organisierten Sie das TanzArt ostwest-Festival in Gießen. Wie kamen sie überhaupt auf die Idee?

Das begann in meiner vorherigen Position in Halberstadt am Nordharzer Städtebundtheater. Ich war als einer der ersten Choreografen aus der alten Bundesrepublik in die neuen Länder gegangen und habe dort eine große Einsamkeit des Tanzes festgestellt. Das Publikum hatte komplett andere Sehgewohnheiten, die über Jahrzehnte tradiert waren. Ich wollte, dass sie auch anderes anschauen (konnten), doch das scheiterte an fehlenden Budgets.
Also haben wir 16 Ballettdirektoren zu einem Symposium eingeladen und gemeinsam überlegt, wie wir das mit einem Low Budget Modell ändern könnten. Es folgte ein Antrag an die EU, einen Austausch zu finanzieren, damit das reiche Tanzerbe Osteuropas im Westen gezeigt werden könnte. Es herrschte eine große Aufbruchsstimmung. Nun, einige Vernetzungsversuche scheiterten, andere funktionieren – bis heute.

Welche Ziele verfolgen Sie damit? Haben die sich aktuell gewandelt?

Ich möchte dem Publikum zumuten, selbst zu schauen und auszuwählen, was ihm gefällt. Ich will nicht wie ein Kurator agieren und bestimmte Tanzstile oder –gruppen vorab auswählen. Dabei steht nie die Qualität der Ensembles zur Diskussion, sondern das Bühnengeschehen als bewusst Gesetztes. Das ist immer noch genauso wie am Anfang.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Vernetzung von Theaterensembles und freier Szene?

Ich habe gerade darüber auf dem Symposion „Tanz und Politik“ des Dachverbands Tanz gesprochen. Es besteht in den Köpfen noch immer diese unüberwindbare Schlucht: „zeitgenössisch“ ist freie Szene und klassisch ist Stadttheater. Doch wenn man genau hinschaut, haben sich längst die Formen und Inhalte vermischt, und man kann nicht leugnen, dass beide Seiten, so sehr sie eifersüchtig aufeinander schielen und daher die Tendenz haben, sich gegenseitig schlecht zu machen, voneinander profitieren. Das Stadttheater arbeitet mit der „freien Szene“ genauso wie die „freie Szene“ gerne und oft am Stadt-, Landes- oder Staatstheater arbeitet. Für beide Seiten gelten wechselnde und unterschiedliche Gründe. Um auf die Frage zurück zu kommen: ich habe gute Erfahrungen damit gemacht.

Welche Ziele und Wünsche haben Sie für die nächsten Jahre?

Dass der Tänzerberuf endlich als eigenständiger anerkannt und an Theatern genauso gut bezahlt wird wie die anderen Bühnenberufe. Für mich persönlich: dass ich mich auch in Zukunft nicht choreografisch und thematisch festbeiße. Dass ich weiterhin mit hochinteressanten Künstlern zusammen arbeiten kann.


Tipp: Zum Jubiläum von Tarek Assam gibt das Stadttheater Gießen demnächst eine Broschüre heraus. siehe dazu www.tanzcompagnie.de, www.stadttheater-giessen.de
Und: Das nächste Festival TanzArt ostwest steht kurz bevor, an Pfingsten in Gießen. www.tanzart-ostwest.de

Veröffentlicht am 08.05.2014, von Dagmar Klein in Homepage, Leute, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 2726 mal angesehen.



Kommentare zu ""Was möchte ich darstellen?""



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    TANZART OSTWEST IN GIEßEN ERÖFFNET

    Tanzcompagnie Gießen zeigt „Schlaflabor - InPatients Suite“ von Marcos Marco und „Seid was ihr wollt“ von Massimo Gerardi

    Mit Atmosphäre - einmal räumlich, einmal sprachlich - spielen die diesjährigen Gastchoreografen Marcos Marco und Massimo Gerardi.

    Veröffentlicht am 02.06.2017, von Dagmar Klein


    EINE KLEINE REVOLUTION

    Kooperation zwischen "TanzArt ostwest" und der Shenzhen Arts School

    Seit 2012 steht Tarek Assam als Leiter der "TanzArt ostwest" in regelmäßigem Austausch mit verschiedenen Städten und Tanzkompanien in China. Nun will er mit der Arts School in Shenzhen einen Lehrplan für zeitgenössischen Tanz erarbeiten.

    Veröffentlicht am 31.01.2017, von Dagmar Klein


    EIN SCHWERES THEMA GANZ LEICHT

    „Gravitas“ (UA) - Tanzabend von Tarek Assam am Stadttheater Gießen

    Multimedial nähert sich Tarek Assem in seinem neuen Stück der Gravitation, einem wahrlich weltumspannenden Thema.

    Veröffentlicht am 13.05.2016, von Dagmar Klein


    RÜCKSCHAU

    Zum 12. Mal TanzArt ostwest in Gießen

    Eine gelungene Auftakt-Veranstaltung, zwei Tanzfoto-Ausstellungseröffnungen von Frank Sygusch und Dietmar Janeck, die Premiere des neuen Tanzstücks von Ballettdirektor Tarek Assam und Gastchoreograf Robert Przybyl „Die Wirrniss der Pinguine“ und schon am gleichen Abend ging es mit den ersten Gästen weiter.

    Veröffentlicht am 11.06.2014, von Dagmar Klein


    VERZWEIFELTES GRUPPENRINGEN

    Neues Tanzstück von Tarek Assam und Robert Pryzbyl auf der TiL-Studiobühne

    Wie schon in den vergangenen 12 Jahren startete die TanzArt ostwest in Gießen mit einer Uraufführung der gastgebenden Tanzcompagnie Gießen, in diesem Jahr hat sie die „Wirrnis der Pinguine“ zum Thema. Und wieder einmal hat Ballettdirektor Tarek Assam einen Choreografen dazu geholt, mit dem er das experimentelle Stück gemeinsam erarbeitet hat.

    Veröffentlicht am 07.06.2014, von Dagmar Klein


    STADTERKUNDUNGEN

    12. TanzArt ostwest in Gießen startet mit Site-Specific-Project

    Ort des Geschehens ist das Obergeschoss einer Einkaufsgalerie, das bis vor kurzem ein Fitnessstudio beherbergte. Vor allem die Fensterfront zur Weststadt, das bedeutet in Gießen der Blick über die Lahn und darüber hinaus, ist faszinierend. An dieser Seite begann im Abenddämmerlicht Marcos Stück „A Ciegas / Blindlings“.

    Veröffentlicht am 01.06.2014, von Dagmar Klein


    HYPNOTISCHE CHOREOGRAFIEN

    Die Tanzcompagnie Gießen zeigt „Hypnotic Poison – Dinge, die ich keinem erzählte“ von Tarek Assam und Robert Przybyl

    Veröffentlicht am 10.12.2012, von Dagmar Klein


    INTERNATIONAL, INNOVATIV UND IMPOSANT

    TanzArt ostwest 2012 in Gießen – Internationales Programm zum 10-Jährigen

    Veröffentlicht am 29.05.2012, von Dagmar Klein


    DAS BISSCHEN HAUSHALT...

    Uraufführung „Hausrat“ – Tanzstück von Tarek Assam eröffnet die TanzArt ostwest

    Veröffentlicht am 27.05.2012, von Dagmar Klein


     

    LEUTE AKTUELL


    SPRECHENDE SCHULTERN, SCHREIENDE ELLBOGEN UND FLÜSTERNDE KNIE

    Interview mit Wayne McGregor: Neuer Ballettabend am Bayerischen Staatsballett
    Veröffentlicht am 15.04.2018, von Vesna Mlakar


    STAKEHOLDER IN STRUMPFHOSE ODER BETRIEBSJUBILÄUM AUF DER BÜHNE

    Jason Reilly – ein Interviewportrait von Alexandra Karabelas
    Veröffentlicht am 13.03.2018, von Alexandra Karabelas


    „WIR GEHEN NIE OHNE ZIEL UND ZWECK AUF DIE BÜHNE“

    Ballet BC: Deutschlanddebüt bei Movimentos, dem Festival der Autostadt Wolfsburg
    Veröffentlicht am 13.03.2018, von Volkmar Draeger



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    MORD IM ORIENTEXPRESS

    Eine Tanz-Reise mit dem NRW Juniorballett. Premiere am Samstag, 14. April 2018, um 19.30 Uhr im Opernhaus Dortmund.

    MORD IM ORIENT-EXPRESS handelt von dem Augenblick, da wir dem anderen in die Augen blicken und uns in ihm und ihn in uns erkennen.

    Veröffentlicht am 27.03.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer


    POLITIK KÖNNTE (MAN) TANZEN

    Reflektionen über die diesjährige Tanzplattform im PACT Zollverein in Essen
    Veröffentlicht am 18.03.2018, von Anna Wieczorek

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    BODY TALK UND AUTOPSIE

    Gert Weigelts Fotokunst im Museum des Deutschen Tanzarchivs Köln

    Veröffentlicht am 19.04.2018, von Marieluise Jeitschko


    AUFTRITT DER STARGÄSTE

    Die BallettFestwoche in München glänzt weiter

    Veröffentlicht am 21.04.2018, von Karl-Peter Fürst


    TANZ ALS KUNST FÜR UNSERE GEGENWART

    Danza&Danza vergibt die Premi Danza&Danza für das Jahr 2017

    Veröffentlicht am 16.04.2018, von tanznetz.de Redaktion


    GLANZVOLLE ROLLENDEBUTS

    Wiederaufnahme von „Illusionen – wie Schwanensee“ beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 19.04.2018, von Annette Bopp


    EINE APOTHEOSE DES TANZES

    „Portrait Wayne McGregor“ am Bayerischen Staatsballett

    Veröffentlicht am 17.04.2018, von Karl-Peter Fürst



    BEI UNS IM SHOP