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Leipzig

DA WACKELN DIE WÄNDE IM OPERNHAUS

Ohad Naharins „Decadance“ mit dem Leipziger Ballett



Ballettdirektor Mario Schröder hatte ja einst selbst überlegt, ob er nach der ersten Begegnung mit der Batsheva Dance Company nicht fortan dort tanzen wollen würde. Es ist anders gekommen. Und jetzt endlich ist es Schröder gelungen: Ohad Naharin ist nach Leipzig gekommen und tanzt seine in sich so grandiose wie schlüssige Zusammenstellung verschiedener Kreationen.


  • Ohad Naharins "Decadance" mit dem Leipziger Ballett Foto © Bettina Stöss
  • Ohad Naharins "Decadance" mit dem Leipziger Ballett Foto © Bettina Stöss
  • Ohad Naharins "Decadance" mit dem Leipziger Ballett Foto © Bettina Stöss
  • Ohad Naharins "Decadance" mit dem Leipziger Ballett Foto © Bettina Stöss

Ballettdirektor Mario Schröder hatte ja einst selbst überlegt, ob er nach der ersten Begegnung mit der berühmten Batsheva Dance Company aus Israel und ihrem charismatischen Choreografen Ohad Naharin nicht fortan dort tanzen wollen würde. Es ist anders gekommen. Und jetzt endlich ist es Schröder gelungen: Ohad Naharin ist nach Leipzig gekommen und das Leipziger Ballett tanzt „Decadance“, das ist eine in sich so grandiose wie schlüssige Zusammenstellung verschiedener Kreationen von Naharin für die Batsheva Company, deren Chef er seit 1990 ist. Das Leipziger Premierenpublikum war aus dem Häuschen, es hat getobt, man könnte sagen, da haben die Wände gewackelt. Seit der Premiere am Sonnabend mit dem Leipziger Ballett ist das Spektrum des Tanzes dieser Kompanie um eine entscheidende Facette reicher.

Ohad Naharin, 1952 geboren, wuchs in einem Kibbuz auf, bekam in der Familie künstlerische Anregungen und begann seine Tänzerlaufbahn in Tel Aviv, eben in der Batsheva Company, wo die berühmte Martha Graham auf ihn aufmerksam wurde, ihn nach New York holte - an die School of American Ballet und an die renommierte Julliard School. Martha Graham hat auch die Batsheva Company in ihren Anfängen geprägt, denn Baroness Bethsabée de Rothschild, mit der Familie vor den Nazis nach New York geflohen, 1962 nach Israel ausgewandert, engagierte sich hier für den modernen Tanz und holte Martha Graham nach Israel.

So entstand die Batsheva Dance Company, der Name der Baronesse geht zurück auf den Namen der Frau des Königs David und beider Sohn. Der weise König Salomon, der den Tempel in Jerusalem bauen ließ, tanzte in einer Eingebung des Augenblicks als dieses Bauwerk eingeweiht wurde vor dem festlichen Zug, bei dem das Heiligtum des Judentums, die Bundeslade mit den steinernen Gesetzestafeln des Mose in den Tempel gebracht wurden. Und etwas davon, nämlich das Vertrauen in die Intuition des Augenblicks und das sensible Reagieren auf die Impulse des Körpers, das bestimmt bis heute Naharins Arbeitsweise aus der eben jene Kreationen entstehen, die nicht zuletzt von den rituellen Ursprüngen des Tanzes ganz unverkrampft in die Gegenwart führen.

Ein kleiner Tipp an das Publikum: Nicht zu spät, nicht erst zum Klingelzeichen ins Theater gehen. Es beginnt, bevor es anfängt, und bei einem hinreißenden Solo des Tänzers Kiyonobu Negishi vermittelt sich der eben knapp beschriebene Ansatz von Naharin ganz sinnlich. Und dann, Licht aus, das Publikum wird gewissermaßen in seiner Erwartungshaltung abgeholt. „Hava Nagila“ krachige Folklore wird gerockt, schon ist das Eis gebrochen und eine der bekanntesten Szenen der Batsheva Company, zum religiösen Gesang „Echad mi yodea“, den die Familie in 13 Frage- und Antwort-Wiederholungen am festlichen Pessach-Tisch singt, jetzt auch gerockt. Die Kompanie singt immer wieder die Frage und gerät in einer Art wilder La-Ola-Welle auf einem Halbkreis von Stühlen in so etwas wie Massenwahn und Wiederholungszwang. Nur gibt es in der Mitte keinen festlich gedeckten Tisch, die Mitte ist leer. Die Tanzenden bekommen auch keine Antworten auf ihre Fragen, warum sie denn Grund hätten, sich an die ferne Befreiung aus der Ägyptischen Gefangenschaft zu erinnern, wo doch die Babylonische folgen sollte und die Unterwerfung durch die Römer, und, und, und...

Dann stockt beim Zusehen doch der Atem, wenn alle ihre Kleider abwerfen, Hüte, Jacken, Hosen und die Schuhe in die Mitte fliegen und einen Berg bilden, den man bei etwas Geschichtsbewusstsein nicht gänzlich ohne schreckliche Assoziationen sehen kann. Immer wieder, als Brüche und Zeichen der Hoffnung, wunderbare Poesie, etwa fünf Tänzer in weiten Hosenröcken, bei ihren gemeinsamen Sprungvarianten, möchte man meinen, die Zeit bliebe stehen, die Schwerkraft ist für einen Moment überwunden. Oder wie eine Sinnestäuschung, die ganze Kompanie bewegt sich hin und her und man hat den Eindruck, die ganze Bühne bewege sich.

Zu Musik von Antonio Vivaldi, aus „Nisi Dominus“ (Ps. 126, wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, werden sie sein wie die Träumenden...“) ein traumhaftes Duo mit Urania Lobo Garcia oder zu einem Satz aus Vivaldis „Stabat Mater“ ein Trio mit Laura Costa Chaud, Vanessa Shild und Kiyonobu Negishi, so grandiose, wie berückende Stücke der Tanzmoderne. Die Frauen tanzen, Männer bellen wie Hunde, jaulen wie Wölfe, ganz nach der Methode, lass alles raus und verwandle es in Bewegung, es geht!

Die Leipziger Kompanie kommt bestens mit dem Stil und den Anforderungen von Ohad Naharin zurecht. Er hat selbst hier mit den Tänzern gearbeitet, Rachel Osborne und Erez Zohar haben die Einstudierungen geleitet. Dass es in Leipzig zu einer wirklich tollen Zusammenarbeit gekommen ist, merkt man an der Energie, die von der Bühne kommt, an der Sensibilität als weitere Variante tänzerischer Kraft, ja und auch daran, dass Naharin zum Schlussapplaus vor den Leipziger Tänzerinnen und Tänzern einen Kniefall machte, spontan und glaubwürdig, das schien so nicht vorgesehen.

Und natürlich hatte es sich auch schon in Leipzig herum gesprochen, dass das Publikum mittanzen solle, und so wurden einzelne Besucher auf die Bühne gebeten. Das ist ja immer so eine Sache, hier aber klappt es. Denn hier wird niemand vorgeführt, Tänzer sind ja höchst sensibel im Umgang mit ihren ausgewählten Partnern, und zudem passt diese Öffnung genau in das Konzept: Zutrauen gewinnen, einem Impuls nachgeben, einen Schritt in die Freiheit und dazu die passende Musik: „Somewhere over the rainbow“ oder Mambo und Cha-Cha-Cha... also hingehen und abheben.

Veröffentlicht am 20.05.2014, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Tanz im Text, Kritiken 2013/2014

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Kommentare zu "Da wackeln die Wände im Opernhaus"



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