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Gießen

STADTERKUNDUNGEN

12. TanzArt ostwest in Gießen startet mit Site-Specific-Project



Ort des Geschehens ist das Obergeschoss einer Einkaufsgalerie, das bis vor kurzem ein Fitnessstudio beherbergte. Vor allem die Fensterfront zur Weststadt, das bedeutet in Gießen der Blick über die Lahn und darüber hinaus, ist faszinierend. An dieser Seite begann im Abenddämmerlicht Marcos Stück „A Ciegas / Blindlings“.


  • Marcos Marco und Mitglieder der Tanzcompagnie Gießen im ehemaligen Fitnessstudio Foto © Dagmar Klein
  • Marcos Marco und Mitglieder der Tanzcompagnie Gießen in einem ehemaligen Fitnessstudio Foto © Rolf K.Wegst

Es geht auf Pfingsten zu, was in Gießen zum traditionellen Termin des internationalen Festivals TanzArt ostwest geworden ist. Mitinitiator und Leiter dieses auf Austausch beruhendem Tanzfestivals ist Tarek Assam, seit 12 Jahren Balltettdirektor am Stadttheater Gießen. Genauso lange organisiert er das Festival in der Universitätsstadt, dabei ist es aus bescheidenen Anfängen zum größten Tanzfestival in Hessen geworden und steht unter der Schirmherrschaft des Ministers für Wissenschaft und Kultur, Boris Rhein.

Vor zehn Jahren begann Assam damit, jeweils ein Site-Specific-Project voranzustellen, immer unter dem Vorzeichen Theater und Stadt miteinander zu vernetzen; genau so wie er die Tanzszene untereinander zu vernetzt. Vom städtischen Kulturamt unterstützt sucht er Orte außerhalb des Theaters, an denen ein Gastchoreograf mit einem Teil der Tanzcompagnie Gießen ein ortsspezifisches Tanzstück erarbeitet. Das waren schon Kellerräume, ein Parkdeck, die Produktionsanlage einer Zeitung, eine Autowaschstraße, das Foyer des neuen Rathaus’ und Räume der Technischen Hochschule.

In diesem Jahr heißt der Gastchoreograf Marcos Marco (Jg. 1972), gebürtiger Spanier und Tänzer an der Oper Marseille. Er fand erst relativ spät zum Ballett, übte es dann aber mit großer Leidenschaft aus. Sein erstes Engagement hatte er am Theater Hildesheim (Leitung Paula Lansley), wäre beinahe nach Hannover gegangen, landete aber in Südfrankfreich, beim Nationalballett an der Oper Marseille, der zweitgrößten Tanzcompagnie Frankreichs unter Leitung von Marie-Claude Pietragalla (Nachfolgerin von Roland Petit). Dort tanzte er unter renommierten Gastchoreografen wie Nacho Duato, Rui Horta, William Forsythe, Richard Werlock und Frederic Flamand.

Seit 2006 choreografiert er selbst. Schon mehrmals wurde er zu Wettbewerben eingeladen, im vergangenen Jahr gewann er mit „Josephine’s Shoes“ beim Certamen Coreografico Madrid den Jurypreis. Auch dieses Stück war nicht für eine traditionelle Bühne konzipiert, es fand in einem Container statt. Er liebt es, ganz nah am Publikum dran zu sein, erzählt er lachend im Vorgespräch. Und das war seiner Kreation für Gießen bei der Premiere am Donnerstagabend anzumerken.

Ort des Geschehens ist das Obergeschoss einer Einkaufsgalerie, das bis vor kurzem ein Fitnessstudio beherbergte. Vor allem die Fensterfront zur Weststadt, das bedeutet in Gießen der Blick über die Lahn und darüber hinaus, ist faszinierend. An dieser Seite begann im Abenddämmerlicht Marcos Stück „A Ciegas / Blindlings“. Dahinter steht die Idee einer imaginären Reise, bei der sich Personen begegnen, einander blind vertrauen oder aus der Gruppe wieder ausscheren. Sechs Mitglieder der Tanz­compagnie Gießen erkunden mal vorsichtig tastend, mal unbekümmert draufgängerisch den ungewohnten Raum, in dem drei Tanzbezirke mit Klebeband markiert sind und je nach Szene ausgeleuchtet werden.

Abwechslungsreiche Musiken hat Marco ausgewählt, von Schubert über französische Chansons bis Blue Grass. Die Zuschauer wandern mit, klettern auf Bänke oder hocken direkt an der Grenzlinie. Vor dem Hintergrund der halbhoch mit schwarzen Tüchern verhängten Wände erschließt sich das Tanzgeschehen besonders gut. Objekte am Wegesrand in Gestalt von Black Boxes werden inspiziert, Überraschungen darin spielerisch integriert. Sehr vergnüglich ist die Sprechszene mit Michael Bronczkowski, in der dieser vorgibt mit vielen Worten und in mehreren Sprachen vor allem eines aussagen zu können: nämlich nichts. Und Mamiko Sakurai gab dazu überraschende Tanzeinlagen.

Das Highlight – zumindest für Gießener - kommt am Ende, wenn alle Tänzer zum Jackett ihre Schuhe anziehen und den Raum verlassen. Nun beeindruckt ein Videofilm, den Marcos mit den Tänzern zuvor gedreht hatte, bei dem diese die Gießener Innenstadt tänzerisch improvisierend erkundeten. Im Film kommen sie schließlich zur Einkaufsgalerie, in der die Zuschauer sitzen. Und plötzlich trommelt es an der inneren Fensterfront, die Tänzer sind von ihrer Draußen-Reise zurückgekehrt und malen „End“ auf die Glasscheibe. Das Publikum ist restlos begeistert über diese frisch-freche Tanzreise. Der langanhaltende Applaus galt dem Choreografen Marcos Marco und den TCG-Mitgliedern Michael Bronczkowski, Lea Hladka, Edoardo Novelli, Mamiko Sakurai, Endre Schumicki und Manuel Wahlen.

Noch einmal zu erleben ist „A Ciegas / Blindlings“ am Sonntag, den 08. Juni 2014 um 11.00 Uhr. Die TanzArt ostwest beginnt offiziell am Donnerstag mit der Premiere von Tarek Assams neuer Choreografie „Die Wirrniss der Pinguine“, seine zweite Arbeit mit dem Gastchoreografen Robert Przybil.

Veröffentlicht am 01.06.2014, von Dagmar Klein in Homepage, Tanz im Text, Kritiken 2013/2014

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